Späte (Wieder) Entdeckungen
|
Rundes mit Musik drauf beurteilt von Tommi
|
|
|
|
|
Zevon forever!
Warren Zevon - Sentimental Hygiene (1987)
Vielleicht der unterbewerteste Musiker, Singer & Songwriter der letzten beiden Dekaden. Plötzlich fällt sein Name wieder hier und da, weil er an Krebs erkrankt nach eigener Aussage nur noch kurze Zeit zu leben hat und an seiner finalen Platte arbeitet. Darüber hinaus (oder etwa deswegen?) hat Bob Dylan letztens live einige Zevon Songs zum Besten gegeben. Leider wurde auch ich erst durch diese Meldungen wieder daran erinnert, welche wunderbaren Alben Zevon kreiert hat. 3 Werke insbesonders: Bad Luck Streak In Dancing School, Excitable Boy & Sentimental Hygiene. Letzteres ein Meilenstein in vielerlei Hinsicht: tolle eingängige Songs, ein Wahnsinnssound (das "Bum Bum" der Drums im Boxersong "Boom Boom Mancini" immer noch eine Boxen-Herausforderung) und einige der wenigen Aufnahmen, bei denen eine "Promi-Besetzung" wirklich funktionierte, weil das Ergebnis so klingt, als ob eine eingespielte Band am Werk ist. Traurig, dass einem genialen Künstler erst durch den nahenden Tod wieder mehr Aufmerksamkeit geschenkt wird, aber noch habe ich die kleine Hoffnung, dass Warren Zevon das Todesgerücht geschickt lanciert hat um seine Lieder verdientermaßen endlich mal im Rampenlicht zu sehen. (P.S. Shit! WZ ist tot. Es war also wirlich todernst und leider, leider kein Bluff (18.10.2003))
|
John, Ry, Jim & Nick
John Hiatt - Bring The Family (1987)
Auch ich erlag einst dem großen Rock and Roll Schwindel und tauschte nach und nach einige meiner Lieblings-Langspielplatten
gegen vermeintlich besser klingende CD-Versionen aus. So auch diese geniale John Hiatt Scheibe, die, was ich nach erneutem
Flohmarktkauf der Platte feststellen konnte, auf Vinyl einfach um Klassen besser abgeht.
Hier waren sie also zum ersten mal versammelt:
John Hiatt - Accoustic Gitarre, Gesang und Piano
Ry Cooder - Elektrische Gitarre
Jim Keltner - Schlagwerk
Nick Lowe - Elektrischer Bass,
um beim nächsten Versuch als "Little Village" kommerziell, jedoch nicht künstlerich, zu scheidern.
Auf "Bring The Family" weben Keltner und Lowe einen unglaublich dichten rythmischen Klangteppich, auf dem Hiatt und Cooder ihre leuchtenden musikalischen
Muster und Tupfer hinterlassen. Hiatt, Quelle fast unerschöpflicher Songideen, liefert im Soul, Blues und Rock verwurzeltes
Liedgut, das dieses Album zu einem rundum gelungenen Werk verdichtet. Kurzum: eine LP, die meine Sammlung selbst dann
nicht verlassen wird, wenn die Special Edition mit x Bonusstücken, Poster und beigelegtem Klappfahrrad erscheinen sollte.
|
Mach mir den Van Morrison!
The Creeps - Enjoy The Creeps (1986)
1986 trafen sich in Schweden ein paar junge Spunde, die beiden Longplayer Them und Them Again, vieleicht noch die eine oder andere Pretty Things- oder frühe Stones-Single im Handgepäck. 70er Punk, der damals auch schon 10 Jahre auf dem Buckel hatte, war man auch nicht abgeneigt und nagelte 12 Hammerstücke (75% Eigenanteil) mit knappen 36 Minuten Spielzeit aufs Magnetband.
Der Oberspund, der auf den Namen Robert Jelinek hört, Gitarre und Harmonika spielt, und singt, ist eine Klasse für sich und könnte glatt als Van Morrisons gesanglicher Zwillingsbruder durchgehen. In Ordnung, er ist das etwas gröbere, nicht so feinfühlige Familienmitglied, das sich auch mal so richtig ausschreien muß, wofür dann zur Erholung der Stimmbänder auch mal ein Instrumentalstück eingeschoben wird.
Wer Van Morrisons Them und Bands ähnlichen Kalibers immer noch zugeneigt ist und ein paar grobschlächtigere Tupfer vertragen kann, sollte sich sofort auf die Suche nach diesem Kleinod machen, das es sowohl auf Vinyl (Tracks On Wax) als auch digital (Revenge) gibt (oder gab?).
Geschichte wiederholt sich doch. So wie in den Sixties einige Beatbands plötzlich den James Brown rausliesen, schwenkten The Creeps auf eine nicht so rauhe Richtung um, in der Them gegen Booker T. & the MGs ausgetauscht wurde und man neben dem Soul den Bluesrock entdeckte, was der Band aber dennoch gut stand. "Enjoy..." war ja sowieso nicht zu toppen. Nun hieß es also "mach mir den Savoy Brown!".
|
Baby Baby Baby Baby Baby
The Rev. Horton Heat - Holy Roller (1999)
Baby Baby Baby Baby Baby,
Baby Baby Baby Baby Baby,
Baby Baby Baby Baby Baby,
Baby Baby Baby Baby Baby.
You don't have to remind me,
I smell like a skunk,
Excuse me baby but,
(hicup) I'm drunk.
-Baby I'm Drunk-
Nach Surfin' Bird", "Balla Balla" und "Wooly Bully" vorwärts in eine neue Dimension mit The Rev. Was ist das? Primitiv-Rock, der Spaß macht, aber keine intellektuelle Akrobatik verlangt. Rock im wahrsten Sinne. Erstellt im Geiste der Urväter Elvis, Jerry Lee, Gene, Little Richard und Carl, aber mit noch mehr Wucht, etwas Metall und Trash. Trash? Halt! Nein!. Dafür sind Reverend Horton Heat einfach zu perfekt an ihren Instrumenten. Allein Jim "Reverend Horton" Heaths Gitarren-Tricks stehen denen verehrter Rockabilly-Großmeister in nichts nach. Und da ist es gefallen, das Wörtchen Rockabilly, der zwar einen der Hauptansätze dieser Band charakterisiert, aber nicht die ganze Bandbreite, in der Link Wray und Cowboy Cash ebenfalls eine nicht unbedeutende Rolle spielen.
Dieses ist eine Kollektion auf dem Sub Pop Label erschienener verstreuter Stücke. Auf ihrem 2000er Werk Spend A Night In The Box, auf dem das Gaspedal bis zum Anschlag durchgetreten wird, widmen sich die Reverenden noch intensiver den Rockabilly- und Jerry Lee-Wurzeln. Eine Band mit Traditions- und Eigenbewußtsein gleichermaßen.
|
Voodoo In London
Dr John - Anutha Zone (1998)
Der Typ, dem ich diese CD auf dem Flohmarkt abkaufte, war sichtbar erleichtert sie endlich los zu sein und ich fragte mich schon, ob dieses 1998 in London und New York entstandene Album die Qualitäten eines echten New Orleans Mac Rebennacks hat und mit meinen Dr. John Lieblingsscheiben (Gris Gris, In The Right Place, Desitively Bonnaroo, Goin' Back To New Orleans) mithalten kann. Es kann! Der Sound ist natürlich moderner geworden, wozu nicht zuletzt, zumindest bei den London-Sessions, einige Koryphäen der Britrockpop-Szene, wie z.Bsp. Paul Weller oder Supergrass' Gaz Coombes beitragen. Dennoch ist Dr. Johns Gütesiegel, die unheilschwangeren und geheimnisvollen, aber dennoch enorm rhythmischen percussionlastigen Soundskulpturen präsent. Keine unnütze Anbiederei an 1998 angesagte Trends und Sounds, die das 1994er Werk Television bald in die Krabbelkisten der Tonträgereinkaufswelt wandern lies. Anutha Zone ist auf starken Wurzeln aus Blues, Jazz, Soul, Funk und Rhythm & Blues (nicht dieser ungeniesbare Brei, der sich heute R&B schimpft) gebaut. Inwischen hat der Doktor einige weitere seiner üblichen Ausflüge in andere benachbarte Musiklandschaften, wie etwa ein Album voller Duke Ellington Coverversionen, unternommen. Aber erst wenn heftiger auf die Felle gehauen wird, der Bass dröhnt und er bedrohlich vor sich hin brummelt, ist er der echte Medizinmann des Voodoosounds, den ich so schätze. Mein Traum wäre ein weiteres Hammeralbum mit den Meters, wie der 1974er Knaller Desitively Bonnaroo, was übrigens so viel wie das definitiv Beste heißt.
|
Tanz den Funky Squaredance
Phoenix - United (2000)
Nicht schlecht plaziert in einigen 2000er Bestenlisten. Knappe 38 Minuten Spielzeit, 10 Stücke. Das erste ein langweiliger Instrumentaltitel, eine Kreuzung aus Zappa und Steeley Dan. Dann, gar nicht mal so üble, konventionelle Popmusik, "IF I Ever Feel Better" sogar ein richtiger Ohrenkriecher. Netter Gesang. Als nahtlose Fortsetzung von Track 6 dann das wortlose und interessant arrangierte "Embuscade" (inklusive Bläser und Geigen). Schließlich das Hauptwerk, daß 3-teilige überraschende "Funky Squaredance", das so klingt wie es heißt. Eine unwahrscheinlich klingende Mischung aus Steel Guitar, einem Hauch von Elektronik und Soul-Funk-Rhythmen und -Bläsersätzen, die bis auf den Schweinerockeinschub, nicht schlecht funktioniert. "United" ist ein bunter eklektischer Flickenteppich.
Da die Plazierung unter den Jahresbesten natürlich vom Gesamtangebot abhängt, ist Phoenixs Erfolg sicher wohlverdient, allerdings verwunderlich unter dem Aspekt, daß ein wesentlich besseres 2000er Werk, nämlich XTC's "Wasp Star (Apple Venus Volume 2)", in sämtlichen Listen ignoriert wird. Aber Velvet Undergrounds erstes Album wurde in seinem Erscheinungsjahr ja auch kaum von jemanden registriert.
|
Kontakt - e-mail an
|