Das alternative Literatur-Zeitschriften-ABC Theo Breuer im Netzwerk (nicht nur) deutschsprachiger Literaturmagazine Neben dem internationalen Netzwerk der Mail Art, das ich in verschiedensten Magazinen in den letzten Jahren aus meiner Sicht skizzierte, habe ich im deutschsprachigen Raum ein weiteres kommunikatives, gleichsam komplementäres Netzwerk gefunden, das Autoren, Künstlern und/oder Lesern die Möglichkeit bietet, das zeitgenössische literarische und künstlerische Schaffen zu fördern, zu verbreiten und/oder kennenzulernen: Die Rede ist von den zahlreichen, nach meiner Erkenntnis (mindestens?) 300/400 Literaturzeitschriften, deren Auflagen bei etwa 30 Exemplaren beginnen und die 1000 kaum überschreiten, die ein- bis sechsmal im Jahr erscheinen (im Ausnahmefall - wie bei Sklaven/Berlin - monatlich) und die sich in der alternativen Kulturwelt aus Spaß an der Sache, Literaturfanatismus, Kunstliebhaberei, Lust an Kommunikation und Korrespondenz meistens zunächst einmal um ihrer selbst willen tummeln - die einen nur mit einer einzigen Ausgabe, andere über Jahrzehnte -, damit aber automatisch gute Dienste im Sinne der "Sache" Literatur und Kunst tun. Ein Großteil dieser je nach Ausrichtung bzw. Zuordnung auch Little Mag oder Fanzine (Zine) genannten Publikationen sieht sich durchaus als Glied einer Kommunikationskette bzw. Knoten eines Netzwerks, und bereits die üblichen Austauschanzeigen zeigen, daß man auch tatsächlich versucht, miteinander Kultur zu machen. Daß neben dem Solidaritäts- auch das menschlich-allzumenschliche krankhafte Konkurrenzdenken eine Rolle spielt, ist zwar ärgerlich, aber nur natürlich und soll im weiteren Verlauf meines Rundblicks ebenso angesprochen werden wie möglichst viele andere (und gute) Kennzeichen und Sitten eines Literaturbetriebs, den nur wenige Außenstehende kennen, der aber seit einiger Zeit derart im Aufwind begriffen ist, daß die Hoffnung besteht, daß sich hier auf Dauer eine zweite - die erste sicherlich belebende - Literaturszene festsetzt, wie sie in Amerika schon seit langem besteht. Ich habe aus den mir bekannten etwa 120 Magazinen vornehmlich die Redaktionen ausgewählt, für die die kommunikative Auseinandersetzung mit ihren Beiträgern und Lesern gleichsam programmatisches Anliegen ist. Darüber hinaus ist es vielleicht gelungen, exemplarisch einen kleinen Überblick über diesen Mikrokosmos, in dem die alternativen Literaturzeitschriften ihre geistige Heimat haben, zu vermitteln. Wir brauchen in Zeiten, in denen der Einfluß einiger globaler Medienriesen schier übermächtig geworden zu sein scheint, dieses Heer von Kleineditionen, das der allgemeinen Verunsicherung und der massenmedial bedingten Sprachlosigkeit ins Wort fällt, damit diejenigen, die noch bei Trost sind, nicht auch in der totalen und die menschlichen Sinne völlig überfordernden Reizüberflutung ertrinken. Erstmalig wurde dieses Literaturzeitschriften-ABC in der von Erik Martin in Viersen herausgegebenen illustrierten literarischen Jahresschrift Muschelhaufen (Ausgabe 36/1997) veröffentlicht. Mittlerweile ist es auf verschiedenen Internet-Pages (u.a. loreart) publiziert worden, und das Interesse scheint nach wie vor ziemlich groß genug zu sein, so daß ich mich daran gesetzt habe, dieses ABC zu aktualisieren. Mehrere Zeitschriften haben ihr Erscheinen schon wieder eingestellt oder sind nicht mehr in der beschriebenen Form erhältlich, jeweils aber durch andere Magazine ersetzt worden beispielsweise publiziert der Berliner hyybriden Verlag nun nicht mehr teraz mowie, sondern hybridenland, oder Dieter Walter hat das info gegen den chronischen almanach eingetauscht... Und natürlich sind auch schon wieder eine Reihe von neuen Zeitschriften ins Leben gerufen worden, worauf ich hier bereits hinweisen und später exemplarisch näher eingehen möchte. Noch ein Wort in eigener Sache: Aus verschiedenen Quellen erfuhr ich, daß das Literaturzeitschriften-ABC in Autoren-Seminaren in kopierter Form verteilt wurde. Ich bin der Meinung, daß der geringste Einsatz der Menschen, die einen solchen Text kennenlernen wollen, der Erwerb der jeweiligen Zeitschrift ist. Als freier Mitarbeiter arbeite ich ohne Entgelt für eine Reihe von Zeitschriften, deren Herausgeber sich freuen, wenn einmal ein paar mehr Bestellungen eingehen. Ich bitte die Seminarleiter, die sich angesprochen fühlen müssen, darüber einmal verschärft nachzudenken... a wie... asperger autorenwerkstatt zum neunten Male wurde hier 1996 das Magazin einblick herausgegeben, das in unregelmäßigen Abständen und oft mit Themenvorgabe als ein gewichtiges literarisches Sprachrohr (nicht nur) der Social-Beat-Szene (die sich u.a. in der Nachfolge amerikanischer Beat-Generation-Autoren wie Bukowski, Burroughs, Ginsberg, Kerouac u.a. sieht) erscheint und (nicht nur) dort eine der besten Editionen seiner Art ist, die auch den Vergleich mit in großen Verlagen erscheinenden Publikationen nicht zu scheuen braucht: Aus wilden Texten und heftigen Bildern entsteht ein Literatur-Panorama, das scharfkonturig den Blick aufs pralle Leben zwingt. Phantastische Dichtung steht im Mittelpunkt der aktuellen Ausgabe, in der wiederum deutlich wird, daß Experimentierfreudiges / Unangepaßtes bei den Gebrüdern Schönauer besonders hoch im Kurs steht. Auf mich macht einblick jedes Mal den total engagierten, leidenschaftlichen, professionellen Eindruck. Und dieser Eindruck wird von der nunmehr 10. Ausgabe, die eher ein Buch als eine Zeitschrift ist, bestätigt wird: social beat slam! poetry heißt diese 1997 erschienene Publikation, die ihr Geld allemal schon aufgrund der hochinteressanten äußeren Gestaltung wert ist. Es ist ein Buch, das auf jeder Seite eine neue Überraschung bietet visuell besonders wertvoll! Beim Lesen der Texte bleiben gemischte Gefühle: Ist dies nun die "einzig wahre" Social-Beat-Edition dieser Tage? Davon abgesehen, daß ich mich nie sonderlich um den Begriff "Social Beat" gekümmert habe, möchte ich hier nun doch einmal die Frage aufwerfen, ob dieses rotbroschierte Buch nicht einfach eine Anthologie von zum Teil hochkarätigen Gedichten und Storys ist, die allerdings aus allen möglichen literarischen Richtungen kommen. Mir ist es egal, ob man mich literarisch einer Richtung zurechnen will, aber ich halte mich nicht unbedingt für einen Social-Beat-Autor und bin dennoch mit zwei Gedichten in social beat slam! poetry vertreten (worüber ich mich freue!). also: bestellen! Einblick C/O Killroy Media Michael Schönauer Lehenstr. 31 71679 Asperg, 176 Seiten, 20 x 13cm, Teilweise Vierfarbig, Illustr., Englische Broschur, 19.80 DM Tja, Biby, jetzt bist du schon seit bald 3 Jahren nicht mehr unter uns, aber ich glaube, es geht den meisten Menschen im literarischen Untergrund (oder wo immer wie uns literarisch befinden, wenn wir nicht in einem sogenannten "etablierten" Verlag publizieren) wie mir: Du bist weiterhin unter uns. Und ich bin davon überzeugt, daß du von da oben mit deinem typischen Schmunzeln beobachtest, wie es weitergegangen ist. Den ursprünglichen Text, den ich dir vor zwei Jahren schrieb, möchte ich ansonsten unverändert stehen lassen, auch wenn der Schmerz sich naturgemäß gelegt hat: Das Leben geht weiter, und in dieser realistischen Einschätzung sind wir beide uns auch immer einig gewesen! Es ist schmerzlich, an dieser Stelle auch auf den Tod eines Menschen eingehen zu müssen, der als Förderer und Vermittler innerhalb der alternativen Literaturszene geradezu unersetzlich schien: Der Tod des 48jährigen Josef "Biby" Wintjes, des "Königs der Kleinverleger-Szene seit den 60er Jahren" (Claudia Pütz in pips 3/95) im Herbst 1995 hat der Szene seines wichtigsten Sprachrohrs beraubt, und einige Monate lang mußte man tatsächlich befürchten, daß ein Netzwerk, das maßgeblich, wenn auch notdürftig (was ja für einen einzigen Menschen bei den extrem divergierenden Interessengruppen und ungünstigen materiellen Voraussetzungen gar nicht anders möglich war) von diesem Mann zusammengehalten worden war, nun in zahllose Teile gerissen würde: Denn mit der Herausgabe der Fachzeitschrift für Autoren und Verleger - Impressum - (als Nachfolgeblatt des viele Jahre lang herausgegebenen ulcus-molle-Magazins) hat Wintjes für den Austausch von Ideen, Kritik, Nachrichten, Projekten, Veröffentlichungen und Verzeichnissen aller Art dafür gesorgt, daß Interaktion überhaupt erst möglich wurde: Vor allem für literarische Einsteiger war Impressum die Starthilfe schlechthin. Aber - viele haben Biby unterschätzt: Der Impetus seiner Arbeit ist natürlich so mächtig, daß sich mittlerweile gar zwei neue Magazine dieser Art gefunden haben, Bibys Lebenswerk weiterzuführen. Zahllose Literaturzeitschriften haben Leben und Wirkung eines lieben Menschen gewürdigt, der nie begreifen wollte, daß eitles Konkurrenzdenken, Neid und Mißgunst leider auch in der alternativen Szene beherrschend waren. Skandalös ist sicherlich, daß Wintjes nie eine Förderung für seine unersetzlichen Dienste im Sinne deutschsprachiger Literatur zuteil wurde. Seine riesige Sammlung alternativer Literatur hat die Berliner Humboldt-Universität übernommen, und sie wird, sobald sie archiviert ist, selbstverständlich der interessierten Öffentlichkeit zugänglich gemacht und uns so noch viele wertvolle Recherche-Dienste leisten. Im Jahre 1989 gab Wintjes als Buch heraus, was wir in aktualisierter Form dringend benötigen: Das Verzeichnis Deutschsprachiger Literaturzeitschriften (basierend auf der von Günter Emig besorgten Edition von 1979), das nach ins Thema einführenden Essays in sehr ausführlicher und übersichtlicher Form über die aktuellen deutschsprachigen Literaturzeitschriften aller Art informierte. Das Buch ist längst vergriffen. Ab 1992 veröffentlichte Wintjes kurze differenzierte Informationen über Literaturzeitschriften in einfachster Form: Kopiert und geheftet konnte man sich für ein paar Mark einen guten Überblick verschaffen. Ich hoffe - auch wiederum im Sinne einer Vollendung der vielen ideellen Wünsche und Vorstellungen Bibys -, daß es nicht nur ein Gerücht ist, daß zur Zeit in Bonn und Mainz an neuen Handbüchern deutschsprachiger Literaturzeitschriften gearbeitet wird... Wer es noch nicht weiss: Ein Handbuch ist seit 1997 da! Nachdem Caroline Hartge zunächst ein Verzeichnis in Lose-Blatt-Form anlegte (zur selben Zeit, in der ich die erste Fassung dieses abcs schrieb - ohne voneinander zu wissen), entstand durch verschiedene Kontakte und Rezensionen, an denen ich durch eine Text in Impressum Nachf. nicht ganz unbeteiligt war, das Handbuch Deutschsprachiger Literatur-Zeitschriften, das als 230 Seiten dickes kartoniertes Buch im Autorenverlag Matern erschienen ist. Ich habe das Buch in Impressum Nachf. besprochen, deshalb fasse ich mich hier kurz. Wer sich einen relativ aktuellen Überblick über die Literaturzeitschriften im deutschsprachigen Raum verschaffen will, der ist mit diesem Handbuch, das alle 2/3 Jahre aktualisiert wird, gut beraten. Mittlerweile gibt es noch eine ganze Reihe weiterer Initiativen in dieser Richtung, von denen ich eine im Verlauf dieses abc noch vorstellen werde... Handbuch deutschsprachiger Literaturzeitschriften c/o Autorenverlag Matern Steinsche Gasse 32a 47051 Duisburg, 228 Seiten, kartoniert, ISBN 3-929899-74-4, 28 DM das Konkurrenzgebaren mancher Zeitschriften-Herausgeber untereinander ist so lächerlich wie überflüssig: Jede Zeitschrift, die über eine eigene Ausstrahlung verfügt und einer bestimmten Gruppe von Menschen etwas mitzuteilen hat, hat ihre Daseinsberechtigung. Einerseits sind in der alternativen Literaturszene hauptsächlich Idealisten am Werk, andererseits sehen sie sich oft egozentrisch als einzig wirklich notwendige Zeitschriftenmacher. Aufgefallen ist mir in meinen Gesprächen mit Herausgebern, daß sie andere Literaturzeitschriften oft extrem kritisch sehen, beargwöhnen oder gar herablassend beurteilen; dabei kennen gerade diese Zeitgenossen nur wenige andere Zeitschriften, und besonders die angesprochenen Egozentriker unter den Herausgebern fallen aus allen Wolken, wenn sie erfahren müssen, daß sie "nur" eine Zeitschrift von dreihundert (oder mehr) editieren... Für die konstruktiv und professionell arbeitenden und denkenden Redaktionen ergibt sich natürlich gerade aus der Auseinandersetzung mit konkurrierenden Gazetten heraus die besondere Prägung ihrer Zeitschrift als Ergebnis einer So-nicht-sondern-so-Einstellung. Ich persönlich halte diejenigen Blätter für überflüssig, die irgendwelche Beiträge - ohne Thema, ohne Schwerpunkt, ohne roten Faden - lieblos aneinanderheften, ohne Sinn für Absichten, Gestaltung, Struktur: Literaturzeitschriften müssen auf ihre besondere Art unterhalten, appellieren, informieren, irgendwie müssen sie etwas Besonderes sein, Reibungsfläche anbieten, provozieren, stören usw., und bevor ein Herausgeber sich zum Druck entschließt, muß er sich sehr bewußt und ernsthaft überlegt haben, ob sein literarisch-künstlerisches Konzept und Layout in Bezug auf die originelle Auswahl von Lyrik, Prosa, Essay, Rezension, Illustration, Vita, und sei es auch nur für eine kleine Leserschar, editorischen Eindruck machen kann... In diesem Zusammenhang möchte ich allerdings betonen: Literaturzeitschriften, die keine Risiken eingehen (sie sich beispielsweise hauptsächlich an bereits anerkannte Namen halten), die sich nicht dem Neuen öffnen, dem möglicherweise die Reife noch fehlt, haben besonders in der alternativen Szene nichts zu suchen. Literaturzeitschriften sind die Wegbereiter für kommende Autoren, sie dokumentieren, was alles en vogue ist, drucken Mögliches, Unmögliches und gelegentlich auch Unsägliches: Selbst einem hans bender, sicherlich den meisten Herausgebern Vorbild als Begründer und langjähriger Herausgeber der akzente, findet rückblickend so manchen Text, bei dem er sich im nachhinein kopfschüttelnd fragt, warum er einen solchen Unfug hat veröffentlichen können. Literaturzeitschriften sind Versuchslaboratorien, in denen getestet werden kann, wie bestimmte (kritische) Texte, (prosaische) Stile, (lyrische) Formen und/oder (visuelle) Collagen bei Lesern ankommen oder nicht, sie sind das erste Feedback für den nach Öffentlichkeit lechzenden Autor, dessen Text das sichere, aber verstaubte Versteck der Schublade verlassen hat, um sich der (gelegentlich grausam kritisch und schnell urteilenden) Leserschaft zu stellen und zitternd sein Verdikt zu erwarten... Texte in Literaturzeitschriften dürfen wir zunächst einmal nicht nach Maßstäben von Texten in Büchern beurteilen; wer das Perfekte nur erwartet, sollte sich auf das Risiko, das der Kauf einer jeden alternativen Literaturzeitschrift, die meistens doch extrem den literarischen Geschmack einer kleinen Redaktion spiegeln, erst gar nicht einlassen. Und obwohl ich über ein Literaturzeitschriften-Archiv verfüge, das sich mit mir über jeden Neuzugang freut, ist mir auch gleichzeitig bewußt, daß Literaturzeitschriften per definitionem als Zeitschriften in ihrer Langzeitwirkung durchaus begrenzt sind, sieht man einmal davon ab, daß man akzente tatsächlich als Literaturgeschichte lesen kann und es eine Reihe von Magazinen gibt, die allein schon aufgrund ihrer bibliophilen Aufmachung einen gewissen Wert haben - und wenn ich in einer Zeitschrift, die schließlich in den meisten Fällen nicht besonders viel kostet, schon ein paar (sehr) gute Texte finde, sind meine Erwartungen doch schon mehr als erfüllt, besonders wenn, wie durchaus schon geschehen, mich der eine oder andere dieser Text zu einem eigenen neuen Text inspiriert hat: wohl die produktivste Form der Rezeption, die stets aufs neue beweist, wie wichtig Lesen ist... Dandelion ist der witzige (englische) Name einer der vielen Literaturzeitschriften, die sich im Hinblick auf Inhalte und Form einerseits oft sehr ähneln, andererseits so extrem unterschiedlich sein können, daß die eine Gruppe von Herausgebern die andere, wie bereits angedeutet, nicht mehr als Literaturmanager akzeptieren will. Dandelion ist eine neue Literaturzeitschrift mit sehr unterschiedlichen lyrischen, prosaischen und kritischen Texten und Bildern in übersichtlichem Layout und ordentlicher Aufmachung, die ich aufgrund eines mir vollkommen unverständlichen, abstrus wirkenden, offenbar kritisch gemeinten Textes zur Kenntnis nahm: sehr sympathisch, daß Herausgeber Duwald bei meiner Kontaktaufnahme gleich zugab, daß dieser Text in der Tat mißglückt sei; daraus hat sich mittlerweile eine fruchtbringende Zusammenarbeit ergeben - und Zusammenarbeit ist es, was wir brauchen... (Nach 2 Jahren ist es ruhiger geworden, es ist ein Kommen und Gehen...) Wer bloß schnell eine Literaturzeitschrift diagonal überfliegt und denkt, sie danach gleich be- oder gar aburteilen zu können, ohne genauer hinzusehen oder Rückfragen zu stellen, der hat nichts von den notwendigen kommunikativen Prozessen, die den Sprechakten unterliegen, verstanden, und er gehört damit zu der ignoranten Gruppe dieser ewigen Nörgler unter den Zeitgenossen, die meinen, es gebe ja gar keine Qualität mehr - so wie die Schulmeister aller Zeit immer beklagt haben, sie müßten die schlechtesten Schüler aller Zeiten unterrichten, und sowieso gehe alles den Bach runter -, die mir gewaltig auf die Nerven gehen: Nur wer die Dinge eingehend geprüft hat, über die er meckert, hat das Recht, sich öffentlich zu Wort zu melden, und ich sehe mich hier auch keinesfalls in der Rolle eines Kritikers (siehe hierzu auch meinen Essay der kritiker in der kritik in muschelhaufen 35), der nun einen Haufen Literaturzeitschriften alphabetisch analysiert und beurteilt, sondern eher als zunächst einmal allem Literarisch-Künstlerischen gegenüber konstruktiv und positiv eingestellten vorstellenden Vermittler, der dem jeweiligen Leser die Entscheidung über die Qualität selbst überlassen möchte. c/o Frank Duwald, Kaiserstr. 18, 58332 Schwelm, 74 S., DINA5, illustr., engl. Broschur, 8 DM Eiswasser ist eine der großzügigsten Zeitschriften, was die Vergabe von Beleg- bzw. Honorarexemplaren an ihren Autoren betrifft: 7 Hefte erhielt ich für den Abdruck einer Erzählung, und das war eine kleine Überraschung. In der Regel erhält der Autor der hier vorgestellten Zeitschriften ein Belegexemplar, was ich auch in Ordnung finde. Wir alle sitzen in einem Boot und wissen um die finanzielle Situation der meisten Herausgeber, die sich mit der Herausgabe ihrer Zeitschrift wahrlich keine goldene Nase verdienen können - im Gegenteil! Nicht in Ordnung ist die Praxis einiger (allerdings sehr weniger) Zeitschriften, die ihren Autoren selbst für das Belegexemplar noch Geld abverlangen. Ich empfehle, solche Zeitschriften zu boykottieren, denn wer so arm ist, daß er den Autoren nicht nur kein Honorar zahlen kann (wovon sollen Autoren, die keinen Brotberuf neben dem Beruf des Schriftstellers haben, eigentlich leben?), sondern auch noch Zuschüsse von ihnen erwartet, sollte sich klarmachen, daß es so viele Zeitschriften gibt, daß man auf die eine getrost verzichten kann. Ja, hier befinden wir uns plötzlich im echten Eiswasser, da ist von Gemeinschaft und Kommunikation auf einmal nicht mehr so viel übrig. Aber - bei der im Auftrag der rolf-dieter-brinkmann-gesellschaft von Dirk Dasenbrock und Marco Sagurna herausgegebenen Zeitschrift, die mir von der bewußt einfachen, aber großzügigen und übersichtlichen Seiten- und Umschlaggestaltung her sehr gefällt, ist das alles ja ganz anders. Eiswasser c/o Marco Sagurna, Annabergstr. 7, 49377 Vechta, 64 S., DINA4, engl. Broschur, 12 DM f wie... fröhliche-wohnzimmer-edition, wo die etwas andere Literaturzeitschrift Wohnzimmer ("zeitschrift für unbrauchbare texte und bilder") erscheint: Meistens liegt ein Exemplar auf unserem Wohnzimmertisch, und als mein Schwiegervater - Möbelschreiner von Beruf - kürzlich darin blätterte, meinte er mitleidig zu mir: "Und dafür gibst du auch noch Geld aus?!" Selten habe ich herzlicher einen solchen Kommentar belacht: Wohnzimmer ist für unernste, verspielte Sprachjongleure, experimentell, konkret, visuell. Hier kann man gucken, staunen, lachen, und ich möchte anhand dieser literarischen Art auch einmal betonen: Literatur ist nicht für den Kopf allein; viele Leser wollen immer gleich alles verstehen, Bilder verstehen, Lyrik verstehen, Prosa verstehen: Ich verstehe so wenig in und von dieser Welt, da frag ich mich als Lyriker natürlich: Warum wollen die Leute denn immer gleich das Gedicht, die Erzählung, das Buch verstehen: warum nicht erst einmal etwas auf sich wirken lassen, Gefühle auskosten, und vielleicht geht einem Wochen später aus einer entsprechenden Gefühlslage heraus ein Licht auf, und ein guter Gedanke entwickelt sich: Im Wohnzimmer findet am laufenden Band die natürliche Verquickung ikonographischer, linguistischer und intermedialer Ebenen statt, die Emotion und Intellekt gleichermaßen anregt: Wer es labyrinthisch liebt, der begebe sich einmal in dieses sehr eigenartig tapezierte Wohnzimmer, dessen Markenzeichen ein Hausschwein ist! Neben den zweimal jährlich erscheinenden voll normaaalen Ausgaben erscheinen in unregelmäßigen abständen Wohnzimmer-Sonderhefte als Begleithefte der aktuellen Ausgabe. Diese Extra-Editionen sind von einem Autor gestaltet; zur Zeit können Sie also neben der laufenden Nummer 17 ebenfalls die Nummer 17a (white box) bestellen, was Sie mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit nicht bereuen werden! Wohnzimmer c/o Fritz Widhalm, Fuhrmannsgasse 1a/7 A-1080 Wien, 70 S., DINA 4, geheftet & geklebt, illustr., 7 DM Das Gedicht ist die einzige!
(deutschsprachige) reine! Lyrikzeitschrift schlechthin. Anton G. Leitner und sein über
den gesamten deutschsprachigen Raum verstreutes Redaktionsteam bringen nicht nur einen
lyrischen Jahresüberblick in Form von Gedichten von sehr bekannten bis gänzlich
unbekannten Dichtern, sondern auch diskursfördernde Essays über Lyrik und eine
möglichst vollständige Bibliographie lyrischer Titel mit z.T. ausführlichen
Besprechungen. Diese lyrische Jahresschrift ist absolut notwendig für jeden Lyriker und
Lyrikliebhaber! Sehr bedenklich finde ich übrigens das Lektorat, welches Das Gedicht anbietet. Für runde 100 DM erhält man hier eine Beurteilung seiner Gedichte, und wie ich höre und lese, wird das Lektorat fleißig genutzt. Einige dieser Beurteilungen wurden mir von Autoren zugesandt, wohl in der Hoffnung, das würde Eindruck machen. Nun, das Gegenteil ist der Fall. Die beiden Gutachten, die ich gelesen habe, strotzten nur so von Gemeinplätzen und waren ohne weiteres auf viele Stilarten übertragbar. Überdies sich in der aktuellen Ausgabe damit zu brüsten, daß bereits eine Autorin durch den Lektoratsservice einen Verlag gefunden habe, legt beredtes Zeugnis ab von einer Art der Selbstbeweihräucherung, die ich als eher kühler Preuße nicht nachvollziehen kann... Bei aller Kritik: Das Gedicht werde ich mir auch weiterhin besorgen, keine Frage das eine hat mit dem anderen nichts weiter zu tun, als daß man sich halt so seine Gedanken macht... Besser noch wäre natürlich in jedem Falle, wenn es wenigstens eine weitere Lyrikzeitschrift gäbe hierzulande... das gedicht c/o anton-g.-leitner-verlag postfach 1203 82231 wessling/obb., 120 seiten, din a 5, engl. broschur, 18 dm typisches Beispiel einer zwar einfach kopierten Zeitschrift im DIN-A-4-Format, die aber sehr dichte, pointierte Texte enthält, z.B. in der jüngsten Ausgabe auch Haiku (das sich überhaupt seit einigen Jahren hierzulande wieder großer Beliebtheit erfreut: Mehrere Verlage haben in letzter Zeit schöne Haiku-Bände publiziert, und in verschiedenen Zeitschriften finde ich sie immer öfter). Das Niveau ist in letzter Zeit eher noch besser geworden, wie ich es überhaupt erfreulich finde, daß vor allem die Lyrik in den letzten Jahren wieder deutlich interessanter geworden ist. Das Haupt gehört zu den Zeitschriften, die diese Entwicklung mit ihrer durchweg guten Textauswahl fördern helfen! Mitherausgeber Arne Rautenberg, ein ehrgeiziger und origineller junger Dichter (mit vielfältigen Ausdrucksmöglichkeiten vom Haiku bis hin zur visuellen Poesie), sorgt als Mitherausgeber sicherlich mit für die insgesamt gute Qualität der Zeitschrift mit dem prägnanten Namen: Was wohl dahinterstecken mag... das haupt c/o marcus schneider holtenauer str. 27b 24105 kiel, 32 seiten, din a 4, geheftet, illustr., 5 dm h wie... herzgalopp bis in die haarspitzen engagiert und leidenschaftlich an engagierter Literatur interessiert, so ediert Herausgeber Raimund Samson zwei- bis dreimal jährlich auf über 60 Seiten seine mit Herz dahergaloppierende Literaturzeitschrift für Poesie & Lebenskunst, in der er die unterschiedlichsten Textsorten und Schreibtemperamente miteinander verbindet. Eine zum Teil hochexplosive Mischung, die Zustimmung und Widerspruch zugleich hervorruft jedoch nie Langeweile. In der 6. Ausgabe finden sie einen 24teiligen Rezensionsteil, in dem Samson Zeitschriften und Bücher aus derselben literarischen Welt wie ich vorstellt nur eben in seiner ganz andere Eigenart: Diese Texte lese ich immer mit höchstem Interesse... "Texte (und Bilder) zwischen Konvention und Irrsinn" , wie Samson Herzgalopp selber charakterisiert, sollten Anlaß genug sein, eine Ausgabe dieser abgedrehten Zeitschrift zu bestellen. Bestellen und nicht betteln, wie so mancher Neunmalkluge, der uns Redaktionen mit der Bitte um "kostenlose Prüfexemplare" bombardiert: eine unverschämte Haltung gegenüber Idealisten, die oft ihr ganzes Geld in die Produktion einer Ausgabe stecken. Schon Biby Wintjes konnte ein Lied von diesen seltsamen Nassauern singen... herzgalopp c/o raimund samson otterhaken 8 21107 hamburg; din a 5, illustr., abo 4 ausgaben 20 dm i wie... impressum nachf., das der bisherige Mitherausgeber Bruno Runzheimer im Sinne von Josef Wintjes fortführt. Bibys liebgewonnenes Chaos-Layout, das eng an seine Art gebunden war, wird durch ein professionell durchgestyltes, somit wesentlich übersichtlicheres Layout ersetzt, und man stellt schnell fest, daß sich auf der Basis jahrelanger Vorarbeit ein Magazin durchaus noch verbessern läßt: impressum ist und bleibt ein Muss für Literaten und Leser, die auf der Suche nach Insider-Infos bzw. Kommunikationsmöglichkeiten innerhalb und außerhalb ihrer literarischen Nische sind. Dabei sollte Runzheimer darauf achten, daß impressum ein alternatives Blatt bleibt, das sich in erster Linie aus Beiträgen der alternativen Szenen zusammensetzt. In letzter Zeit finde ich vermehrt Texte, die eher universitären bzw. pseudowissenschaftlichen Charakter haben bzw. (mittlerweile zu oft) von Literaten handeln, die bereits in den Feuilletons ihren Platz eingenommen haben. Ich wünsche mir, daß impressum hauptsächlich ein "Entdeckerblatt" bleibe! Ein letztes Wort, zur Gestaltung nämlich: Während ich impressum von außen nach wie vor sehr ansprechend finde, könnte es im Innenteil wieder mehr Illustrationen geben; seit einigen Ausgaben wirken viele Seiten wie Bleiwüsten. Dennoch: Auch nach nun bald 10 neuen Ausgaben möchte ich mein Kompliment wiederholen: Impressum Nachf. hat sich etabliert und steht heute besser da denn je zuvor! c/o bruno runzheimer nahestr. 8 45219 essen, 50 seiten, din a 4, illustr., abo 40 dm für 4 ausgaben p.a. i wie... das info heisst (hiess) das zweite Magazin für Autoren, Verleger (aber auch Leser) aus der Subkultur, das nach Biby Wintjes Tod gegründet wurde, und auch hier mag der Leser selbst entscheiden, welches für ihn das bessere, das passende, das gesuchte Magazin im Hinblick auf das Angebot und Zusammenstellung informativer, kritischer, unterhaltender Texte ist. Das Info gibt es bereits nicht mehr, aber: Die Katze läßt das Mausen nicht, und Dieter Walter hat bereits etwas Neues in der Mache, das er seit März 1998 publiziert! Ähnlich wie Das Info soll der chronische almanach u.a. Informationsbörse für die verschiedenen alternativen Bereiche von Literatur und Kunst u.a. sein. Ich habe die erste Ausgabe noch nicht gesehen, und so sollten Sie sich an den Herausgeber wenden, um Näheres zu erfahren. der chronische almanach c/o dieter walter verlag erich walter postfach 1641 82356 weilheim Vor einigen jahren beklagte H. Hübsch in seinem Aufsatz
"Schreiben - für wen?" (muschelhaufen 30) die ignoranz vieler
schriftstellernder Zeitgenossen gegenüber den Erzeugnissen ihrer Kollegen, die sie
häufig nicht einmal zur Kenntnis nehmen wollen: Eine wesentliche Grundlage ernsthaften
Schreibens ist aber das Lesen (vor allem auch der zeitgenössischen Literatur, die durch
das Vehikel Literaturzeitschrift genauso leicht zugänglich sein kann wie jeder Klassiker
im Taschenbuch), und so gehört die Kenntnisnahme möglichst vieler literarischer
Fachzeitschriften zum selbstverständlichen Weiterbildungsprogramm eines jeden Autors -
wenn er denn als solcher dem Literaturbetrieb zugerechnet sein und sich nicht nur sein
privates Hobby gönnen will... Auf diese Weise wird er zum Beispiel immer wieder
feststellen, daß "sein" Gedicht bereits mehrfach von anderen geschrieben und
veröffentlicht wurde... (siehe hierzu auch die Ausführungen in mein alternatives
lyrik-abc (muschelhaufen 37) unter l wie lyrik lesen oder beseelt sein und erkenntnis
suchen... j wie... janus Janus hat sich - wie viele Literaturzeitschriften - einen Untertitel gegeben: zeitschrift für literatur und bild. Es gibt nur noch wenige reine Literaturzeitschriften, die völlig auf Illustrationen verzichten (wie z.B. Das Gedicht oder Griffel). Hier kommt einerseits der Zeitgeist zum Tragen: Das Gesamtkunstwerk (oder was dafür gehalten wird) ist wieder en vogue, andererseits setzt man hier und da sicherlich (und mit Recht) auch auf die Zugkraft der Kombination von Bild und Text beim Leser, und oft wird ja auch wirklich offensiv nach einem Zusammenhang gesucht, der sich - nolens volens - beim Lesen und Betrachten allerdings auch automatisch einstellt - bisweilen gegen die erklärte Absicht des Layouts! Denn wie bei jedem Artefakt vollendet sich das Bild einer Literaturzeitschrift immer erst im Verlauf Leseprozesse! Ich finde es gut, der Kunst in der Literaturzeitschrift die Möglichkeit der Öffentlichkeit und dem Leser damit noch mehr "Augenblicke" zu bieten, zumal ich glaube, je mehr Sinne angesprochen werden, um so intensiver die Auseinandersetzung, was übrigens durch oft sehr gefühlsbetonten Texten und Fotos von Janus geschieht! janus c/o stadtbücherei apfelstr. 58 52525 heinsberg, 58 seiten, din a 5, illustr., 9 dm, 6 dm im abo k wie... krachkultur unter diesem katachresischen kennzeichen kursiert seit einigen Jahren ein Magazin, das im Bunte Raben Verlag erscheint und von zwei noch ganz jungen Männern, einem Literaten und einem bildenden Künstler, herausgegeben wird. Selbst Michael Arenz, Herausgeber einer ganz anderen Zeitschrift, gibt zu: "... aber insbesondere Krachkultur ist eine wirklich schön aufgemachte Edition: ich bin neugierig." Neben Publikationen wie kozmik blues (Hagen, von dem ich allerdings seit ein paar Jahren gar nichts mehr gehört habe: Existiert dieses Magazin eigentlich noch?) mit erstklassigen Collagen und Beat-Texten, der störer (Berlin), einer der wenigen Zeitschriften, die zumindest den Versuch machen, den literarisch-politischen Diskurs zu fördern und nach wie vor kräftig Sand ins deutschrepublikanische Getriebe streut! (hier mit Schwerpunkt Social-Beat-Diskussion), cocksucker (Riedstadt), die u.a. Autorenporträts amerikanischer Autoren wie John Fante präsentiert und auf eine Handvoll Social-Beat-Autoren spezialisiert ist, der sprung (Essen), deren Ausgaben vom Start weg auf 10 begrenzt sind und die in ansprechender blaugelbroter Verpackung aktuelle, interessante deutschsprachige Autoren publiziert u.a., hat sich Krachkultur mittlerweile seinen festen Leserstamm erarbeitet, und man sollte diese Zeitschrift einmal "probieren", wenn man sich für die "junge und wilde" Generation deutschsprachiger Nachwuchsautoren, die sich mit Pep, Power und Aggressivität ihren Stil zu erkämpfen versuchen, interessiert. Martin Brinkmann und Fabian Reimann haben ein gutes Gespür für interessante, lebendige, aussagekräftige, aber auch leise lyrische und prosaische Texte, mit deren Publikation sie nach meinem Geschmack weniger oft danebenliegen als manch andere Zeitschriften. Ja, die mir vorliegende 6. Ausgabe möchte ich gern als vorläufigen Höhepunkt bezeichnen: Es ist ein 106seitiges Taschenbuch mit einer Vielzahl ausgezeichneter Texte, u.a. von Helmut Salzinger, ein Magazin mit repräsentativem Charakter für das, was in den 90er Jahren an gutem produziert bzw. gelesen wird. Nach wie vor ist Krachkultur sehr empfehlenswert! Zahlreiche aussagekräftige Rezensionen runden das Konzept Krachkultur ab --- schrieb ich vor Jahresfrist, und das wundert mich heute ein wenig! Wahrscheinlich hing es mit meiner Begeisterung für Krachkultur als Ganzes zusammen, daß ich die z.T. sehr einseitigen, aussagearmen Buchbesprechungen ebenfalls lobte. Vor allem die Besprechungen Martin Brinkmanns sagen seit einiger Zeit mehr über den Schreiber selber aus als über das Buch, das er vorstellen soll. Jedem sein literarischer Geschmack, aber es ist destruktiv (und paßt nicht zum Gesamtcharakter von Krachkultur), zu versuchen, literarische Stile und Richtungen abzuwürgen, in die man sich offenbar nicht hineinversetzen will oder kann. krachkultur c/o fabian reimann steinbergshörner str.
18 27624 lintig-meckelstedt, 40/80 seiten, din a 5, illustr., 5/7/10 dm l wie... labyrinth & minenfeld ist einer meiner derzeitigen favoriten unter den Literaturzeitschriften. (Dabei bleibe ich auch heute noch, zwei Jahre, nachdem ich dies schrieb: Die aktuelle Ausgabe ist von ihrem Gesamktkonzept her ein einziges visuelles Gedicht, auf über 60 Seiten wird die Lust am Cutten und Collagieren intensiv ausgelebt, was sich naturgemäß auf den Leser/Betrachter überträgt: Toll!) Hier wird ein Heft gemacht, das ComputerArt, CopyArt, Collagen, Interviews, experimentelle, engagierte und auch literaturkritische Texte sucht und zu einem jeweils gelungenen kleinen Gesamtkunstwerk zusammenstellt. Herausgeber Karsten Herrmann hat eine Dissertation über Rolf Dieter Brinkmann geschrieben, und wir sind in eine inspirierende Korrespondenz über diesen uns verbindenden Schriftsteller eingestiegen, die uns in Bezug auf unsere rdb-Rezeption regelrecht beflügelt. labyrinth & minenfeld c/o karsten herrmann osningstr. 9 49082 osnabrück, 44 seiten oder mehr, din a 4, illustr., geheftet, 3 dm (!!!) l wie... laufschrift verfolgt ebenfalls das konzept, die veröffentlichten lyrischen, prosaischen und bildnerischen Einzelteile in einen Zusammenhang zu stellen - allerdings ganz anders als l & m: Laufschrift ist die Zeitschrift, die vor allem auch wegen ihrer z.T. hervorragenden Fotos besticht, womit allerdings nichts gegen die Textauswahl gesagt sein soll, die allein deshalb schon interessant ist, weil die Mehrzahl der Ausgaben themenorientiert ist. Ein auf ein Thema hin fokussiertes Heft wirkt in sich stimmiger als das Sammelsurium. Vor allem kann ich davon ausgehen, daß Autoren sich nach Ausschreibung um ein Thema bemühen, also nicht irgendwelche Texte einsenden... Ich habe mit der Redaktion von Laufschrift eine witzige (ja, dadaartige) Erfahrung gemacht: Ein Redaktionsmitglied, das meine Gedichte mochte, bat mich um Einsendung von Texten. Einige Monate später erhielt ich einen Brief, in dem man bedauerte, meine Texte nicht abdrucken zu können man habe die Mehrheit der Redaktion nicht überzeugen können, Texte eines Autors zu bringen, der in so vielen Zeitschriften publiziere... Nun, dachte ich amüsiert, warum die mich wohl eingeladen hatten... Liebe Lauftschriftler, ich gebe gern zu, daß ich in zahlreichen (hauptsächlich kleinen) Zeitschriften publiziert habe. Ihr könnt aber davon ausgehen, daß die meisten "normalen" Leser der einen nichts von der Existenz der anderen Zeitschrift wissen, zu klein sind die Auflagen. Dennoch habe ich in etwa gleichzeitig mit Eurem Brief eine Phase abgeschlossen, nach der ich nur noch sehr wenig publiziert habe: Ich hatte das Gefühl, genügend im alternativen Zeitschriftenwald recherchiert zu haben, um dieses abc zu verfassen, und damit reduzierten sich meine Kontaktaufnahmen zu Redaktionen wie von selber. Ich nehme übrigens an, daß ich der Mehrzahl meiner Schriftstellerkollegen aus der Seele spreche: So schön das Gefühl auch sein mag, sich in einer Zeitschrift publiziert zu sehen, so ist es doch nichts zu der Gefühlslage, die der Schreibprozeß an sich auslöst. Und: Nur die allererste Publikation löst echte Euphorie aus. Nie werde ich vergessen, wie ich in irgendeiner winzigen Zeitschrift (die längst nicht mehr existiert) meine ersten Gedichte abgedruckt sah... Nein, die Publikation von Texten ist für mich längst eine sachliche Angelegenheit geworden (über die ich mich im Erfolgsfall natürlich immer noch freue: Schließlich ist die Publikation unser einziges Honorar!), und ich arbeite mittlerweile in erster Linie mit rund 10 Redaktionen zusammen, die regelmäßig Texte von mir abdrucken wollen; bei allen anderen reagiere ich immer noch gern auf Anfragen selbst wenn sie so ausgehen wie bei euch Laufschriftlern (Woher hätten wir sonst unsere originellen Anekdoten???)! laufschrift lange str. 81 90762 fürth, 46 seiten, din a 4, illustr., geheftet, 6.50 dm Sie werden ja bereits erkannt haben, daß ich mich in Bezug
auf Texte, Textqualität und Autorennamen grundsätzlich sehr zurückhalte, und das aus
gutem Grund: jedem Leser seine Lesart, die Zahl der Lesarten ist absolut identisch mit der
Zahl der Leser: Die vergleichsweise geringen Preise von Literaturzeitschriften sollten
Überraschungskäufe rechtfertigen, die in jedem Fall garantieren, daß man sich sein
authentisches Bild von der gegenwärtigen Literaturlandschaft aktualisieren und kann, was
zu einer echten, differenzierten Meinung führen, die im Diskurs ein Recht auf Gehör hat.
Diesen kleinen Preis muß jedermann zu zahlen bereit sein: Der Kritiker, der den
Leserscharen die vorgefertigten Meinungen in den Mund legt und das gefahrlose Einkaufen
von Buchwaren garantiert, ist längst - man mag es z.B. bei Enzensberger nachlesen - tot -
wenn er denn je gelebt hat... Viele Menschen sind so erzogen, daß sie Angst vor der
eigenen Meinung haben: Keine Bange, mir geht es doch auch immer wieder so... m wie... der mongole wartet ist der eigentümliche Titel einer Bochumer Literaturzeitschrift, die sich in gutem Gewande präsentiert. Jeweils nur wenige Autoren werden auf breitem Raum entweder mit zahlreichen Gedichten oder einer längeren Erzählung, ganzseitigem Foto und Vita vorgestellt. Ich habe Michael Arenz im Zusammenhang mit der Vorbereitung dieses Textes kennengelernt und möchte seinen engagierten Umgang mit seinen Autoren an dieser Stelle hervorheben: Korrekturfahnen - von den meisten Zeitschriften aus Kostengründen (verständlicherweise) erst gar nicht verschickt - gehen hier so oft hin und her, bis alles so perfekt wie möglich ist. (Bei längeren Texten finden sich in vielen Texten vieler Literaturzeitschriften allzuviele Fehler: Hier ist wirklich ein wenig mehr Sorgfalt von Autor und Herausgeber angesagt!) Daraus ergibt sich dann automatisch eine Korrespondenz, die nicht nur zum Austausch von Gedanken (in unserem Fall über das aktuelle Buch von Peter Handke), sondern auch zum Tausch von Zeitschriften und Büchern führt: Für mich ist das genau das Besondere, das ich an der alternativen Szene mag: Hier begegne ich oft Menschen, die auch mich als Menschen zur Kenntnis nehmen und die Lust darauf haben, miteinander zu korrespondieren, über die editorische Zusammenarbeit in der jeweiligen Zeitschrift hinaus! Die mir vorliegende Ausgabe 5 (9/97) ist eine dicke Broschüre von rund 200 Seiten mit z.T. vierfarbigen Drucken: Der Mongole wartet ist allemal sein Geld wert - er wartet! Auf Sie! der mongole wartet c/o michael arenz am bleckmannshof 17 44799 bochum, 135 seiten, din a 5, illustr., engl. broschur, 25 dm m wie... muschelhaufen die erste fassung von "das......... alternative literatur zeitschriften-abc" erschien 1996 in der 36. Ausgabe der illustrierten literarischen Jahresschrift Muschelhaufen, und so ist es leicht verständlich, daß sich eine Vorstellung dieser Literaturzeitschrift in meinem abc erübrigte. In dieser neuen Fassung, die wohl im Internet zu lesen sein wird, ist es nun mehr als notwendig, auf ein Magazin einzugehen, das von Inhalt und Form her zu den besten im deutschsprachigen Raum gezählt werden muß. Die Ausgabe 37 von 1998 umfaßt 184 Seiten Erzählungen, Kurzprosa, Biographie, Lyrik, Essays, Berichte, Interviews, Rezensionen, Kunst sowie zwei Sonderteil, von denen einer mein alternatives lyrik-abc heißt, und dreimal dürfen sie raten, wer das geschrieben hat... Muschelhaufen gehört zu den Zeitschriften, bei denen ich regelmäßig mitarbeite, und das tue ich in diesem Fall besonders gern. Erik Martin und ich sind im Laufe der vergangenen Jahre zu Freunden geworden, deren gemeinsame Leidenschaft sie immer wieder korrespondieren läßt. Dabei sind unsere Geschmäcker zum Teil sehr verschieden, und noch längst nicht jedes meiner Gedichte findet Gefallen vor den Augen des gestrengen Herausgebers... Und so schreibe ich denn in erster Linie essayistische Texte für Muschelhaufen, aber in der Ausgabe von 1999 finden Sie neben einem solchen auch wieder einmal ein Gedicht von mir: schmärzen! Für 20 dm sollten Sie sich eine Muschelhaufen-Ausgabe bestellen, in der Sie unter Garantie viel gutes zum Lesen und Sehen finden werden! muschelhaufen c/o erik martin hospitalstr. 101 41751 viersen, illustr., z.t. farbig, din a 5, engl. broschur, 20 dm n wie... neodada, das zur zeit wieder einmal stark im Kommen ist und vor allem von Herausgebern wie der auf der Mini-Pressen-Messe 1995 mit dem Victor-Otto-Stomps-Preis ausgezeichneten Claudia Pütz und ihrer Pips - zeitschrift für unzeitgeist & unkommerz & objektliteratur gefördert wird. Pips erscheint dreimal jährlich in der Schachtel, und das Außergewöhnliche dieser mailartorientierten Edition ist, daß jeder Beiträger seine Arbeit in der jeweiligen Auflagenhöhe (1996: 96, 1997: 97, 1998: 98 usw.) signiert und numeriert einreicht. Die meisten Beiträge sind Originale, und jedem Liebhaber der verspielten Literatur sei pips ans Herz gelegt, ein Magazin, das voller mailartistischer, visueller, experimenteller Überraschungen steckt. pips c/o claudia pütz prinz-albert-str. 31 53113 bonn, schachtel-edition, 60/80 dm n wie... numero heuer erscheint die 3. Ausgabe einer im Halbjahresrhythmus publizierten Zeitschrift, die sich Numero nennt und in Frankfurt a. M. im wilfried nold verlag herausgegeben wird. Diese Zeitschrift fällt im Rahmen dieses zeitschriften-abc zwar ein wenig aus dem Rahmen, aber ich erwähne es dennoch aus gutem Grund: Numero ist das einzige Magazin im deutschsprachigen Raum, das mail-art-news veröffentlicht (und zwar zweisprachig: deutsch und englisch). Automatisch ist Numero damit auch eine Art Literaturzeitschrift und für Literaten interessant, denn es gibt auch hierzulande eine ganze Reihe von Dichtern (vor allem kosmographisch - d.h. experimentell, konkret, visuell usw. - orientierten Autoren, die mit Mail Art befaßt sind bzw. Mail-Art-Kontakte suchen). Numero hat 52 Seiten und sollte von jedem, der neugierig geworden ist, wenigstens einmal getestet werden! numero c/o wilfried nold eppsteiner str. 22 60323 frankfurt a.m., din a 5, illustr., 5 dm wie... obolus, der beim betreten der Zelte der im zweijährigen Rhythmus stattfindenden Mainzer Minipressen-Messe nicht einmal erhoben wird! Preiswert leben tut jeder gern, und es ist schon erstaunlich, wie wenig Geld die allermeisten Literaturzeitschriften kosten. Nein, außer dem guten Ruf gibt es wenig zu verdienen in der Welt der Kleinverleger, die sich in Mainz treffen, um ihre Zeitschriften und Bücher auszutauschen - und nicht nur das: Mainz ist - neben den immer öfter stattfindenden Aktionen in der Social-Beat-Szene - das Forum der Begegnung für alle alternativen Verlage und Zeitschriften: Dabei wächst das Archiv der MMPM immer mehr zu einer Fundgrube heran, die hoffentlich demnächst das neue Verzeichnis deutschsprachiger Literaturzeitschriften möglich macht! (Nicht mehr nötig, wie Sie bereits weiter oben erfahren haben, und wie das so ist, wenn der eine etwas anfängt: Schnell schließen sich andere Leute einer Idee an, und es ist wirklich interessant, zu beobachten, wie seit etwa einem Jahr die Zeitschriften-Verzeichnisse nur so aus dem Boden schießen: Demnächst erscheint ein weiteres, von dem ich den Eindruck habe, das es erstklassig recherchiert sein wird: Die Universität Siegen hat Fragebogen verschickt, deren Beantwortung einige Zeit in Anspruch nimmt, so ausführlich will man die Informationen haben. Noch 1998 soll das jahrbuch deutschsprachiger literaturzeitschriften erscheinen, das in Zusammenarbeit mit dem lumis-Institut (Institut für Empirische Literatur- und Medienforschung, Siegen) entsteht. Nachfragen bitte an: mainzer minipressenarchiv, jürgen kipp, Fischtorplatz 23,
55116 Mainz (www.minipresse.de) p wie... pcetera (verkürzt zu cet...) ist (nein: war!) der spannende Versuch, eine Literaturzeitschrift auf Diskette bzw. CD-Rom zu gestalten und zu vertreiben: Ich halte die Idee von Karlheinz Barwasser & Robert Stauffer für eine echte Bereicherung, und wer einen Computer besitzt (mindestens 486), sollte sich das elektronische Vergnügen, Texte und Bilder einer Zeitschrift "laufen" zu sehen, nicht entgehen lassen. Sicherlich gibt es noch ein paar Restexemplare (für 20 dm), denn das Experiment ist, aus welchen Gründen auch immer, nicht angenommen worden, und nun erscheint im rührigen Stora-Verlag die Literaturzeitschrift Cet im halben A4-Format, eine Zeitschrift, die ich aufgrund ihrer wirklich ausgesuchten Textauswahl ebenfalls sehr loben muß: 68 grüne Seiten mit schwarzem Lesebändchen die es in sich haben! cet c/o stora verlag corneliusstr. 42 80469 münchen, illustr., geh., 8 dm q wie... qualität oder quassellyrik! wir leben in Zeiten, in denen eine unglaublich große Zahl von Menschen im Schreiben eine Nische gefunden hat, sich selbst zu verwirklichen. Interessant in dem Zusammenhang sind ja die immer wieder festzustellenden antithetischen Bewegungen. Einerseits haben wir eine immer größer werdende Zahl von Analphabeten zu beklagen, andererseits schreiben immer mehr Menschen. Dazwischen klafft - wie zwischen arm und reich - eine immer größer werdende Lücke! Was könnten wir uns Schöneres vorstellen, wenn Schreiben (und Lesen!) eine selbstverständliche Beschäftigung von Millionen von Menschen wäre: eine herrliche Utopie! Der Haken an der Sache: Die meisten dieser Menschen wollen auch veröffentlichen, sind der Überzeugung, ohne ihre Texte sei die Literaturlandschaft unvollständig, und so verwundert es nicht, daß die Schreibtische der immer zahlreicher werdenden Redaktionen von Manuskriptwellen überschwemmt werden, was nicht nur bei Erik Martin zu heftigem Haareraufen führen kann! (Vgl. dazu auch meinen Aufsatz was zu kurz kommt in Impressum 7/8 1995) "Das Nachdenken über die Ansprüche an heutige Literatur begleitete die Redaktionsarbeit auch in diesem Heft", heißt es im Vorwort der 7. Ausgabe von eDiT (Leipzig), aber leider gibt es auch eine Reihe von Redaktionen ohne große literarische Ambitionen, die unterschiedslos strukturierte, interessante, originelle neben völlig unbrauchbare Texte stellen. Das verzeiht man im Einzelfall gern, führt aber bei Wiederholungstätern zum natürlichen Tod einer Zeitschrift, der naturgemäß die Leser weglaufen. Überhaupt ist das Machen einer kleinen Literaturzeitschrift oft ein kurzlebiges Geschäft: Ein Adressenvergleich 1989 und 1998 wird mit Sicherheit die erhebliche Fluktuation dokumentieren: Zur Zeit werden beinahe wöchentlich neue Magazine geboren, während man von anderen wiederum nichts mehr hört - und manche kommen über die erste Ausgabe erst gar nicht hinaus. Literaturzeitschriften mit "Quassellyrikqualität" habe ich in diesem abc (hoffentlich!) nicht aufgeführt, wobei diese Art Entscheidung natürlich auch immer mit persönlichem Geschmack zu tun hat, aber auch mit einem Kriterienkatalog, der bei aller Subjektivität auch in der Literaturwelt seine Existenzberechtigung hat: Von den ganz wenigen Genies, die die Literatur hervorgebracht hat, können wir es uns alle nicht leisten, einfach draufloszuschreiben und zu glauben, das Kolumbus-Ei gleichsam neu zu entdecken... r wie... rezension, die in dem seit 1995 halbjährlich von Frank Schäfer und Rüdiger Wartusch herausgegebenen Magazin für Literatur und Kritik - Griffel einen breiten Raum einnimmt. Griffel ist eine Literaturzeitschrift ganz nach meinem Geschmack, mit einer guten Mischung verschiedener Textsorten, andererseits auch literaturwissenschaftlich orientiert - was heutzutage eine Seltenheit ist -, und von daher allein schon rechtfertigt sich die Edition dieses anspruchsvollen Unternehmens. der griffel c/o frank schäfer sophienstr. 36 38118 braunschweig, 120 seiten, din a 5, engl. broschur, 19.80 dm s wie... struktur im sammelsurium der Literaturzeitschriften in Form eines neuen Leitfadens für Literaturzeitschriften mit Kurzvorstellungen und Kontaktadressen würde Herausgebern, Autoren und Lesern die Chance ermöglichen, zum einen ihre Absichten und Zielvorstellungen wesentlich effizienter als zur Zeit in die Tat umzusetzen, zum anderen - und das ist vielleicht das Manko in der gegenwärtigen Alternativszene - die bereits angedeuteten übergreifenden Diskursdefizite ausgleichen, denn es kann und darf dem Autor nicht allein darum gehen, seine Texte irgendwo abzudrucken, ohne damit gleichzeitig Herausgebern und Lesern das Angebot zum Dialog und der ganzen Szene die Chance zur literarischen Auseinandersetzung zu bieten: Hier vertun Lyriker und Prosaisten die kleine Chance, hier und da wenigstens ein wenig gesellschaftlichen Einfluß zu nehmen, indem sie zunächst einmal breitere Schichten darauf aufmerksam machen, daß Literatur lebt und von Menschen gemacht wird, was die Slam!Poeten immerhin mit ihren bundesweit immer häufiger stattfinden Off-Lyrik-Veranstaltungen in Cafés und Discos usw. zum Vorteil der deutschsprachigen Literaturszene von ihren amerikanischen Kollegen abgekupfert haben. Sie sehen, meine Damen und Herren, wie viel sich in den vergangen 18 Monaten getan hat: Während der ersten Niederschrift dieser Zeilen im Frühjahr 1996 war noch nichts Konkretes in Sicht, und heute, kaum zwei Jahre später, geht die Saat hier und dort auf! Ein Glück für uns alle. Oliver Gassner (wandler / konstanz bzw. laokoon / vaihingen), Andreas Reiffer (s.u.b.h. cottbus), Peter Schaden (freie zeit art / wien), Michael Schönauer (einblick), Marcus Weber (ventile), Raimund Samson (herzgalopp) und Karl Heinz Schreiber (edition sernold mit den drei Editionen der lesende affe, entwurfbote und kult / goldbach) sind - pars pro toto - solche Leuchttürme, die beständig literarische Signale weiterfunken, damit die Palette der vielfältigen Möglichkeiten wenigstens im kleinen angestrahlt wird. Schön ist natürlich, daß viele Zeitschriften Anzeigen austauschen, ihren Sendungen Flyer anderer Magazinen beilegen und/oder in Form von Infos und Rezensionen Adressen, Ausschreibungen, Termine usw. weitergeben, so daß schon ein ständiger Informationsfluß stattfindet. Dennoch sind noch viel zu viele Literaturfreunde in Unkenntnis der Tatsache, daß es dieses mittlerweile riesige (und zur Zeit tatsächlich unüberschaubare) Netzwerk überhaupt gibt! Hier spielt der enorm einengende Egozentrismus bei einer Reihe von Autoren natürlich der eigenen "Karriere" zusätzlich einen üblen Streich: Da hilft auch die beste Netzwerkstruktur nicht! t wie... teraz mowie, (oder nun hybridenland...) das Magazin, in dem sich knotenpunktartig die beiden Netzwerke (internationale) mail art und (deutschsprachige) alternative literatur im kosmographischen brennglas trafen: "teraz mowie ist weniger ein kommerzielles Unternehmen. Die Reihe erscheint seit 1989 und "fördert in erster Linie das Netzwerk der kreativen Kommunikation und experimenteller Literatur und Kunst", wie es im Impressum dieses im Hybriden Verlag erscheinenden Hefts heißt, in dem der Kommunikationskünstler Hartmut Andryczuk mit der Zeit mehr oder wenige alle aktuellen Namen der kosmographischen Poesie vereint hat. Mit einer Originalbeilage im eingeklebten Briefumschlag erscheint Teraz Mowie in einer Auflage von 99 Exemplaren. Auch Teraz Mowie hat seine Schuldigkeit in Andryczuks Augen getan, und so hat er dieses interessante Heft in den Ruhestand versetzt. Als Nachfolge-Magazin hat er hybridenland ins Leben gerufen: eine edlere Version von Teraz Mowie in sehr kleiner Auflage mit fast ausschließlich originalen Blättern und entsprechendem Preis. Die Namen der Autoren, die in der ersten Ausgabe erscheinen, versprechen einiges, und ich erwarte mit großer Neugier mein Belgexemplar, das hoffentlich bald kommen wird. hybridenland c/o hartmut andryczuk elsastr. 4 12159 berlin, künstlerbuch, etwa 300 dm u wie... uni/vers(;), das sein erscheinen mit der 35. Ausgabe einstellen mußte. Was Biby Wintjes für die deutschsprachige alternative Literaturszene war Guillermo Deisler, der ebenfalls im Herbst 1995 starb, für die Mail-Art-Szene der kosmographisch orientierten experimentellen + visuellen Poesie. Sein peace-dream-project Uni/vers(;) erschien als Edition im Mail-Art-Verfahren: Jeder sandte seine Arbeit in Auflagenhöhe von 100 Exemplaren numeriert und signiert ein (wie bei PIPS, siehe N) und war Begegnungsort internationaler Visualpoeten (Kosmographen): ein schier unersetzlicher Verlust... guillermo deisler ist selbstverständlich auch unter den Autoren der an der universität siegen von karl riha und siegfried schmidt herausgegebenen Zeitschrift experimentelle texte zu finden. Dieses von der arno-schmidt-stiftung geförderte Unternehmen ist eine der wichtigsten Plattformen hierzulande für die leider nur von wenigen Menschen geliebte Experimentalliteratur. Jedes Heft hat entweder einen Autor oder eine Autorengruppe als Schwerpunkt. Der Großteil der jeweils 350 Exemplare geht an einen festen Abonenntenstamm (den sich viele alternativen Zeitschriften wohl auch in dieser Größenordnung erhoffen - was in den meisten Fällen aber sicherlich Wunschdenken bleiben wird. Der Verkauf ist für sehr viele Herausgeber schwierig, obwohl es mittlerweile schon wieder mehr Vertriebe gibt als noch vor 2 Jahren: Auch da ist einiges in Bewegung geraten!). visuelle poesie aus den usa heißt die Doppelnummer 41/42 eines von hartmut andryczuk herausgegebenen Titels dieser experimentellen Zeitschrift. Es ist die fachmännische Editionsarbeit eines Insiders geworden, dem es gelungen ist, die aus dem großen Karpfenteich amerikanischer Kosmopoesie 16 Experimentier-Hechte vorzustellen. Sehr interessant ist das lange Vorwort, in dem Andryczuk wieder einmal zeigt, wie sehr ihm an einer phänomenologisch durchdrungenen Begriffsfindung gelegen ist. Mit dem Begriff der kosmographischen Poesie hat er ein Wort geprägt, das die Universalität der experimentellen bzw. visuellen Poesie glänzend ausdrückt. experimentelle texte uni-gh siegen c/o barbara raschig, adolf-reichwein-str., 57068 siegen, 66 seiten, din a 5, geheftet, issn 0178-7802, 5 dm v wie... ventile: "dada für den ^Muschelhaufen, das ist mir schwer vorstellbar..." schrieb mir Erik Martin nach der Lektüre von BLACK BOX, und es ist ja sein gutes Recht, darauf zu verzichten. Zum Glück gibt so viele und so unterschiedliche Magazine, die die zur Zeit praktizierten Stilrichtungen somit quasi gemeinsam unter den einen Literaturhut kriegen, daß niemand zu fürchten braucht, keinen Herausgeber zu finden, vorausgesetzt, seine Texte entsprechen dessen Vorstellungen von Geschmack und Güte: Nach 20/30 Jahren der Dominanz des frei rhythmisierten Gedichts beispielsweise wird seit einigen Jahren auch wieder fleißig gespielt, gereimt und sonettiert! Und endlich schreiben die Lyriker auch wieder nicht nur narzißtisch oder nur politisch orientiert, sondern widmen sich glücklicherweise wieder allen Themen, die das Leben anbietet, schließlich liegen die Gedichte und Geschichten auf der Straße und müssen "bloß" aufgehoben und "richtig" formatiert werden... Wenn man nun z.B. Muschelhaufen schon beinahe als Klassiker
unter den Kleinen bezeichnen kann, gehört Ventile zu den ganz jungen und
bunten Zeitschriften, die sich u.a. dem Verrückten & Verspielten verschrieben haben.
Und erscheinen Zeitschriften wie muschelhaufen oder stint (Bremen) in mehr oder weniger
perfekt gedrucktem und gebundenem Outfit, wird in der bunter...grund..zeitschrift... Ventile
noch so richtig selbst Hand angelegt (und zwar von Mann & Frau!): Pinsel, Wasserfarbe,
Buntstift, Stempel, Rolle: Hier geht's zu wie im Atelier, und jede Ausgabe - jeweils
angeführt von einem Autor als hauptventil (der auch für den Titel einen Linolschnitt
anfertigt, der original gedruckt wird) - dokumentiert mit Beigaben aller Art die
ungezügelte Vitalität, mit der die Herausgeber bei der Gestaltung der Kunst-, Lyrik- und
Prosa-Wundertüte Ventile (einschließlich des dadaorientierten Musik-
und Rezensionshefts in Quadratform ventilator mit vielen witzigen Texten, Bildern und
Informationen) zu Werke gehen. Und in diesem Mainzer laden passiert noch viel, viel
mehr... Neugierig? ventile c/o marcus weber binger str. 7 55116 mainz, kunstwundertüte mit vielen überraschungen, 15 dm w wie... wir: hier scheint bereits der Name Programm zu sein: Ist es möglich, ein Wir-Gefühl zwischen polnischer und deutscher Literatur herbeizuführen? Jedenfalls macht diese in Form eines dicken Buches herausgegebene deutsch-polnische Literaturzeitschrift diesen sehr erfreulichen Versuch. (Nach dem gleichen Prinzip verfährt übrigens die ebenfalls neue deutsch-ukrainische Literaturzeitschrift Zeit-Glas / Skljanka Tschasu / Korschenbroich) Man steht noch in den Anfängen, und es bleibt zu wünschen, daß sich mit der Zeit so viele Leser finden, daß Wir zu einem festen Bestandteil grenzüberschreitender europäischer Kultur wird. wir c/o britta wuttke klemkestr. 16 13409 berlin, zweisprachig, 416 seiten, din a 5, engl. broschur, 15 dm x wie... xerox-kopierer, ohne den die Existenz der meisten kleinen Literaturzeitschriften undenkbar wäre: Das ist ja das Neue, das Revolutionäre, was sich die alternative Szene nutzbar macht, daß urplötzlich jedermann über die technischen Bedingungen verfügt, eine Zeitschrift ohne unüberwindlichen Aufwand herauszugeben. Für die meisten Herausgeber ist ihre Zeitschrift reine Liebhaberei - diejenigen, die immer wieder programmatisch behaupten, sie machten das alles nur für die "Sache", sollten vielleicht einmal richtig in sich hineinhorchen - und die Mehrzahl buttert - wie der Mailartist - immer dazu. Für mich ist das, was den großen Verlagen und Redaktionen sicherlich ein Dorn im Auge ist, eine der wenigen echten demokratischen Chancen, den Kulturmonopolinhabern ein wenig am Stuhlbein zu sägen und so die Idee von Victor Otto Stomps (dessen Rabenpresse Hendrik Liersch in einem Aufsatz in Muschelhaufen 30 vorgestellt hat), dem eigentlichen Begründer der alternativen Szene der kleinen Verlage und Zeitschriften, mittels Computer und Kopierer in die Tat umzusetzen... y wie... edition ye, die jeweils einmal im Jahr ye - die kunstwundertüte (die Schachteledition mit Originalarbeiten, demnächst erscheint die 6. Box), die kleine, kosmographisch orientierte Zeitschrift faltblatt (5 Ausgaben) und die ye-abc-mail-art-news (in Zusammenarbeit mit numero, 3 Ausgaben) publiziert und sich als Vermittler wichtiger Botschaften aus der Welt der Mail Art und alternativen Literatur versteht. Anfragen gegen frankierten Briefumschlag. Bücher und Zeitschriften können Sie mir gern zur Vorstellung zusenden. Ich werde sie, wenn's paßt, in einem meiner nächsten Artikel-Serien unterbringen. edition ye c/o theo breuer neustr. 2 53925 sistig/eifel (faltblatt 5 dm, ye (falls übrig) für 300 bis 500 dm z wie... zeichen & wunder, die - man höre und staune! - durchaus sichtbar werden in einer angeblich so kulturlosen Welt, die den Menschen, die genau hinsehen, allerdings Tag für Tag das Gegenteil beweist. Der Mikrokosmos der alternativen Literaturzeitschriftenszene wimmelt nur so von anarchischen, bibliophilen Computerfreaks, dilettierenden, exzentrischen Fanatikern, genialen (hirnrissigen) Idealisten, jovialen, kuriosen Liebhabern, manisch-narzißtischen, oberaffengeilen, philosophierenden Querulanten, rasanten, sarkastischen Triebtätern, ungeheuer vielfältigen, wahnsinnigen, xeroxbesessenen, yevernarrten Zeitgenossen, daß es uns - vorausgesetzt, die vielfältigen Energien werden bewußter und strukturierter zu einer nach innen und außen hin offenen, dialogisierenden und diskutierenden Kommunikationsgemeinschaft vernetzt - um die anthropogene Zukunft vielleicht doch nicht so bange sein muß, obwohl ich natürlich weiß, daß ich mich hier wieder einmal als dreamer oute: but i'm not the only one... Wie gesagt: Zeichen und Wunder! Die gleichnamige Literaturzeitschrift Zeichen & Wunder sei abschließend als letztes positives Beispiel seiner Zunft all jenen unverbesserlichen Optimisten empfohlen, die im Lesen und Schreiben erzählender, kritischer, poetischer Texte von und für Literaturzeitschriften - auch als bewußter Alternative zum Buch - Unterhaltung und Nutzen finden wollen! zeichen & wunder c/o hubert brunträger grüneburgweg 89 60323 frankfurt/main, 100 seiten, din a 5 engl. broschur, illustr., 8 dm z wie... zeitschriften, mit denen ich im Laufe der Jahre Kontakt gehabt habe Bitte beachten Sie, daß die Zeitschrift, die Sie anschreiben wollen, ihr Erscheinen in der Zwischenzeit eingestellt haben kann. Wenn dem so ist, wäre ich für eine kurze Information dankbar. Wenn Sie eine Redaktion zum erstenmal anschreiben, bedenken Sie die Form Ihrer Einsendung. Manche Autoren versenden wahllos Berge von Manuskripten, ohne freundliches Begleitschreiben oder sonst etwas, das mich auf diese Sendung auf freundliche Art und Weise aufmerksam macht. Solche lieblosen Sendungen befördere ich ungelesen in den Papierkorb. Legen Sie auch unbedingt Rückporto bei, falls Sie eine Antwort wünschen - auf die Sie natürlich auch dann nicht unbedingt ein Recht haben. Bedenken Sie stets, daß sie möglicherweise einer von Hunderten sind, die ein Manuskript an eine Redaktion geschickt haben. Erwarten Sie am besten nichts um so größer ist die Freude, wenn sie plötzlich ein Belegexemplar mit Ihrem Text erhalten! Am besten ist es, sich zunächst gegen Rechnung oder Beilegung der entsprechenden Anzahl von Briefmarken, ein Exemplar der Zeitschrift zu bestellen, um festzustellen, ob Sie mit Texten und/oder Bildern überhaupt dort abgedruckt sein wollen. Nach meinem Geschmack darf es uns nicht nur um den Abdruck an sich gehen, sondern um das In-Gang-Setzen kommunikativer bzw. interaktiver Prozesse... Adressen: + =
erscheint mehr oder weniger regelmäßig; artefakt wümmeweg 22 21147 hamburg
(?)
Weitere Titel von Theo Breuer Gedichtbände: Eifeleien (1988) Kritik (Auswahl): Mein alternatives Lyrik-ABC (1998) Diese Aktualisierung von "Das Alternative Literaturzeitschriften abc" wurde am 12.08.98 um 18:39 abgeschlossen. Rückfragen bitte an den Verfasser. |