III) CON SPIRITO E DELIRIO - TONKUNST UND DROGENRAUSCH
IV) ALLEGRO CON MOTO SPORTIVO -
TONKUNST & LEIBESÜBUNGEN
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ZUM 200sten TODESTAG DES FREIHERRN VON KNIGGE
(DLF-"Wir erinnern" vom 6.Mai 1996)
(Manuskript "Knigge und die Musik" auf Wunsch per
E-Mail
ebenso "Knigge - Lebensklugheit, Revolution und Pfälzer Wein")
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(KNIGGE in NEUWIED s. hier)___
_
(von Lutz Neitzert)
Heinrich Heine nannte ihn einen "tiefen Kenner der Menschen und
der
Bestien!"
ADOLPH FREIHERR VON KNIGGE.
Weder war er der oberste Sittenwächter seiner Zeit, noch war
er ein pedantischer Ratgeber in Sachen Kleiderordnung, weder scherte er
sich darum, wie Messer und Gabel bei Tisch plaziert gehören, noch
darum, ob es nun der Etikette entspricht, wenn ein Herr einer Dame hinterhertritt,
weder war er es, der den anständigen Lippenabstand beim
stilvollendeten
Handkuß ausgemessen hat, noch sprach er überhaupt jemals von
so etwas wie dem guten Ton oder dem guten Benehmen.
Sein - posthum von Verlegern und Nachdruckern bis zur
Unkenntlichkeit
verfälschtes - Hauptwerk, die Schrift "Über den Umgang mit
Menschen",
verfolgte ganz andere Ziele. Dieses Buch sollte als Ratgeber den
kleinen
Mann in die Lage versetzen, wenn es not tat, auch einmal mit
Fürsten
und anderen Hochwohlgeborenen gekonnt, taktvoll und gefahrlos Schlitten
zu fahren.
1788, ein Jahr vor dem Ausbruch der französischen Revolution,
veröffentlichte Knigge jenen Text, der ihm zeitgenössischen
Ruhm
und zweifelhaften Nachruhm eintragen sollte. Die fürstliche Gesinnungspolizei
stieß darin auf Sätze wie die folgenden und machte fortan
dem
mißliebigen Autor das Leben schwer: "Wer nicht... schlechterdings
dazu verdammt ist, an Höfen... zu leben, der bleibe fern von
diesem
Schauplatz des glänzenden Elends... Mußt oder willst Du aber
in der großen Welt leben,... sei höflich und geschliffen im
Äußern... Nimm eine Art von Würde... und von Hoheit an
gegen den Hofschranzen, damit nie der Gedanke in ihm aufkeimen
könne,
Dich zu foppen oder zu mißbrauchen. Diese Sklavenseelen zittern
vor
dem Übergewichte des verständigen, konsequenten Mannes...
Sage
diesen Leuten zuweilen einmal, doch ohne Hitze und Grobheit, die
Wahrheit.
Schlage ihre flachen, schiefen Urteile kaltblütig mit Gründen
nieder, wo es nach den Umständen der Klugheit erlaubt. Stopfe
ihnen
das Maul, wenn sie den Redlichen lästern... Stimme ihnen nicht
bei,
wenn sie je vergessen wollen, daß sie, was sie sind und was sie
haben,
nur durch die Übereinkunft des Volkes sind und haben (und)
daß
man ihnen diese Vorrechte wieder nehmen kann, wenn sie Mißbrauch
davon machen!" (siehe auch unten)
Das gab Ärger!
Die Zeitungen schrieben: "Alle deutschen Demokratennester sind der
Widerhall Kniggischer Grundsätze, und Knigge ist der Widerhall der
ganzen deutschen Aufklärungspropaganda!"
Eine Benimmfibel war es nun wirklich nicht, was die
Obrigkeit
so in Rage und den Autor zeitweise in den Kerker brachte.
Am 16.Oktober 1752 in Bredenbek bei Hannover geboren, reihte dieser
Ratgeber in Fragen der Lebensführung in seiner eigenen Biographie
eine private Katastrophe an die andere und einen beruflichen
Mißerfolg
an den nächsten. Alles, was er anfaßte, begann mit einem
vielversprechenden
Höhenflug und endete regelmäßig in der Tinte.
Freimaurer (einer der Gründer der "Illuminaten")
ist er gewesen, Romanschriftsteller, Komponist, Alchimist, Hofbeamter
und
Verfasser politischer Flugblätter.
Seine Eltern hinterließen ihm eine gediegene aristokratische
Ausbildung und einen imposanten Schuldenberg. Dafür, daß
seine
Lebensumstände zumeist erbarmungswürdig und bitter gewesen
sind,
ist es erstaunlich, welch feine Ironie und augenzwinkernder Witz sich
in
seinen Texten findet. Inspiriert von Spöttern wie Lichtenberg, mit
dem er Tür an Tür wohnte während seiner Studienjahre in
Göttingen, und geschult an den Autoren der französischen und
englischen Aufklärung, an Voltaire oder Sterne, führte er
seine
spitze Feder in den Kampf gegen Absolutismus und Gottesgnadentum.
Rousseau's "Bekenntnisse" übersetzte er ins Deutsche, ebenso
Mozart-DaPonte's "Figaro" (nach dem Skandalstück von
Beaumarchais),
er leitete eine Theatertruppe, schrieb Klaviersonaten und ein Konzert
für
Solo-Fagott.
Er schrieb, schrieb und schrieb!
Wie bei allem, so tat er auch in seiner Schriftstellerei oftmals
des Guten zuviel. Seine Romanproduktion nahm bald schon
unübersehbare
Ausmaße an - nicht alles, was er veröffentlichte hatte
literarischen
Wert.
Das allerdings wußte er selbst: "(Ich halte) die
Schriftstellerei
in unsern Zeiten für nichts mehr als für schriftliche
Unterredung
mit der Lesewelt... und (man darf) es dann im freundschaftlichen
Gespräche
so genau nicht nehmen, wenn auch einmal ein unnützes Wort mit
unterliefe.
Man soll es also dem Schriftsteller nicht übel ausdeuten, wenn er,
verführt von ein wenig Geschwätzigkeit... etwas drucken
läßt,
das nicht gerade die Quintessenz von Weisheit, Witz, Scharfsinn und
Gelehrsamkeit
enthält!"
Für sein Hauptwerk jedoch, da gilt uneingeschränkt das,
was der Kulturphilosoph Egon Friedell vermerkte:
"Man...wird...wohl sagen dürfen, daß dieses
berühmteste
Buch der deutschen Aufklärung vollauf verdient, noch heute von
jedermann
zitiert zu werden und durchaus nicht verdient, von nahezu niemandem
mehr
gelesen zu werden!"
Am 6.Mai 1796 - heute vor 200 Jahren - starb Adolph Freiherr von
Knigge (der "freie Herr Knigge", wie er sich selbst zu titulieren
pflegte)
in Bremen.
In seinem letzten Buch hatte er noch einmal das Resümee seines
Lebens gezogen - sein Titel: "Über Undank und Eigennutz"!
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ÜBER
DIE UNHÖFLICHKEIT DER KOMPONISTEN AM VORABEND DER
BÜRGERLICHEN
REVOLUTION -
DAS MENUETT BEI HAYDN
UND MOZART (SR-2
am 28.11.92)
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(von Dr.Lutz Neitzert)
1) J.B.Lully: "Menuet pour les Faunes et Dryades"
"Das Menuett scheinet von den Grazien selbst erfunden zu sein und
schickt sich mehr als jeder andere Tanz für Gesellschaften von
Personen,
die sich durch feine Lebensart auszeichnen... Der Ausdruck muß
edel
sein und reizenden Anstand, aber mit Einfalt verbunden, empfinden
lassen...
Seltsam ist es, daß (wie ich glaube) niemand weiß, in
welchem
Lande dieser feine Tanz zuerst aufgekommen ist. Französischen
Ursprungs,
wie viele glauben, scheinet er nicht zu sein. Wenigstens ist er
für
die Lebhaftigkeit der französischen Nation zu gesetzt!"
Diese Definition gibt Johann Georg Sulzer in seiner "Allgemeinen
Theorie der schönen Künste" 1771. Und was seine Zweifel an
der
französischen Herkunft dieses Tanzes anbetrifft, so wäre
vielleicht
die folgende Erklärung eines anderen Zeitzeugen geeignet gewesen,
diese zu zerstreuen. Einer Anekdote Saint-Simon's zufolge pflegte
Ludwig
XIV allabendlich vor dem Zubettgehen noch Menuett zu tanzen, und im
Alter
- zunehmend geplagt von Gicht und überzähligen Pfunden - habe
er dann kurzerhand verfügt: das angemessene Tempo für ein
Menuett
nach Hofart sei fortan der gemessen Schritt!
Wie dem auch sei, unbestritten ist jedenfalls, daß dieser
ursprüngliche Bauerntanz aus Poitiers in Versailles zunehmend
langsamer,
schwungloser und manierierter wurde. Und unbestritten ist, daß es
der "Sonnenkönig" war, der das Menuett zu der
höfischen
Tanzform schlechthin erhob und zum Synonym werden ließ für
die
Gespreiztheit
und übertriebene Künstlichkeit der Hofgesellschaft und
Hofkultur.
Es wird berichtet, daß im Jahr 1653 Ludwig selbst erstmals
während eines Festes Menuett getanzt habe, und zwar in einer
Komposition
seines Hofcompositeurs Jean-Baptiste Lully. Mit Musiken wie dem
eingangs
gehörten "Menuett der Faune und Dryaden" aus der Ballettmusik "Les
amants magnifiques" wurde Lully's Versailler Stil im
ausgehenden
17.Jahrhundert Vorbild und Ideal für die europäischen
Hoftänze
des Absolutismus.
Der Kulturwissenschaftler Richard Alewyn schreibt dazu in seinem
Buch "Das große Welttheater":
"Im 16.Jahrhundert waren die Tanzmeister Europas die Italiener
gewesen,
seit Ludwig XIV wurden es die Franzosen... Der Gesellschaftstanz des
Barock
ist keine Belustigung. Es ist eine feierlich exekutierte Zeremonie, der
ein auf Bewunderung gestimmtes Publikum assistiert... Das sind keine
Tänze,
um weltvergessen und im Trubel verloren dahinzuwirbeln... Sprechen,
Lachen,
die Partnerin anders als an den Spitzen der Finger zu berühren,
ist
verpönt. Jeder Schritt, jede Bewegung ist abgemessen. Man zieht
den
Hut, man verneigt sich, man setzt vorsichtig die Füße,
schreitet
auf die Partnerin zu, entfernt sich, gleitet an ihr vorbei und tauscht
den Platz, man wiederholt die Zeremonie mit Variationen... Kein Wunder,
daß die vollendete Ausführung... dieses Kunstwerkes
jahrelange
Übung erfordert... Niemals ist das Tanzen so schwierig, sein
Studium
so wichtig gewesen. Eine jahrelange Ausbildung im Tanzen ebenso wie im
Reiten und Fechten gehörten zur Erziehung des Edelmannes...
Zwischen
Kunsttanz und Gesellschaftstanz bestand kein Unterschied. Der
Berufstänzer
tanzte keine anderen Figuren und Formen als der begabte Dilettant; auf
der Bühne sah man keine anderen Tänze als im Saal. Auch der
Gesellschaftstanz
ist Schautanz, mehr auf die Unterhaltung der Zuschauer berechnet als
auf
die der Tänzer...
Auch dieser Tanz ist wie jeder Tanz erotische Pantomime: Huldigung
und Dank, Werbung und Weigerung, Trotz und Gewährung, aber nicht
als
vitale Entladung, sondern zum geometrischen Ornament erstarrt!"
Tanzmusik als Ausdruck vollendeter Höflichkeit!
Oder, wie Christian Friedrich Daniel Schubart meint, als "...ein
zierliches, in Kunst gekleidetes Compliment!"
"Menuet" - "Menu pas" - "zierlicher, kleiner Schritt".
Die höfische Etikette war das verbindliche Reglement
der edlen Lebensart. Und in diesen bis ins letzte detaillierten
Anweisungen gab es eine Vielzahl absichtsvoll eingebauter
Schwierigkeiten;
quasi als Bewährungsproben für das savoir-vivre. Komplikationen
- in Wort und Tat - an deren stilvollendeter Bewältigung sich die
vornehme
Leichtigkeit (die nobile sprezzatura) des Hofmenschen
augenfällig
beweisen mußte. Auch dieser Zug höfischen Lebens
manifestierte
sich im Menuett. Rhythmische Stockungen und kleine Verstörungen
bringen den Tänzer hier ständig in prekäre Situationen,
"(bei denen) die Schwere und das Gewicht der Glieder dermaßen in
aequilibrio müssen gestellet und geführet werden, damit sie
in
denen Actionibus nicht hinderlich fallen!"
So formulierte es 1717 im schlichten Gelehrtendeutsch der Danziger
Ballettlehrer Gottfried Taubert in seinem Buch vom "Rechtschaffenen
Tanzmeister".
Eingefaßt in Zeremonien und Inszenierungen lebte der Adel
ein Leben nach vorgegebenen, vorgestanzten Umgangsformen und
Verhaltensmaßregeln.
Alles war dabei mit allem zu einer großen Choreographie verwoben.
2) "Ballszene" aus Mozart's "Don Giovanni"
Und diesem strengen Kodex gemäß setzte nun auch Mozart
im Jahr 1787 ein Menuett comme il faut im Finale des ersten
Aktes
aus dem "Don Giovanni". Fast schon zu konventionell und gar-zu-typisch,
und dies mit Bedacht.
Die berühmte "Ballszene" ist viel mehr als nur das stilisierte
Abbild einer höfischen Tanzveranstaltung, in ihr spiegeln sich auf
pointierte Weise die sozialen Spannungen im Innern der feudalen
Gesellschaft
am Vorabend der bürgerlichen Revolution:
Das Aristokratenpaar, Don Octavio und Donna Anna, beginnt ein
Menuett
zu tanzen, begleitet vom großen Orchester.
Nachfolgend dann ergreift Don Giovanni - selbstredend
leidenschaftlich
- Zerline, das Mädchen vom Lande, und legt mit ihr einen
beschwingten
Kontertanz
auf's Parkett, begleitet von einem kleineren Orchester.
Die Country dances aus England wurden im späten
18.Jahrhundert
zum bürgerlichen Modetanz.
Nikolaus Harnoncourt schreibt: "Sie waren einfach, wurden von
jedermann
gerne in den Gasthäusern getanzt und eroberten als Basis für
Gruppentänze, wie Quadrillen und andere, schnell den
Kontinent.
Sie bildeten sich zu einer Art lyrischem Gegenmenuett des
kleinen
Mannes... Rousseau sagt, sie würden jetzt auf den Bällen
statt
des Menuetts getanzt, weil sie lustiger und einfacher und weil sie
Gemeinschaftstänze
seien, bei denen alle mitmachen könnten. Mozart schreibt am
15.Jänner
1787 aus Prag von einem Ball: '...ich sah aber mit ganzem
Vergnügen
zu, wie alle diese Leute auf die Musik meines Figaro, in lauter
Contretänze
und Teutsche verwandelt, so innig vergnügt
herumsprangen...'!"
Und zu einem Teutschen bzw. einem Walzer herumspringen, das
tun in unserer Opernszene zu guter letzt Leporello und der
Bauernbursche
Masetto. Am Ende des Balles musizieren schließlich drei Kapellen
zugleich.
Diese so grundverschiedenen Tänze - Walzer und Menuett im
Dreier-,
Konter im Zweiertakt - verbindet Mozart hier in einer Partitur auf
geniale
Weise zu einem ästhetischen Ganzen und, wie gesagt, zu einer
sozialen
Studie en miniature.
Der höfische Habitus wurde immer mehr zu einer Karikatur seiner
selbst und das Hofleben, wie der Sozialwissenschaftler Norbert Elias
meinte,
zu einem "gespenstischen Perpetuum mobile, das niemand mehr
steuerte".
Und gerade eindrucksvolle künstlerische Darstellungen wie die eben
gehörte, machten dies den Zeitgenossen sinnfälliger als so
manches
politische Traktat. Die politische Macht der Fürsten war zu Zeiten
Haydn's und Mozart's noch ungebrochen, doch auf anderen
gesellschaftlichen
Feldern waren die Kräfteverhältnisse längst zugunsten
des
Dritten
Standes aus der Balance geraten. In der Ökonomie war es die
Wirtschaftsmacht
des reichen Bürgertums, welche die in unbezahlbarem - und deshalb
zumeist unbezahltem - Luxus schwelgenden Höfe in ruinöse
Finanznöte
trieb. In den Wissenschaften gaben lange schon bürgerliche Kreise
die Forschungsziele vor; aber eben auch in Kunst und Kultur wurde der
Hoheitsanspruch
der vorgeblich Gottbegnadeten immer
unmißverständlicher
in Frage gestellt. Im Klima dieser sozialen Umwälzungen begannen
die
Künstler, ideologisch unterstützt von den Philosophen der
Aufklärung,
ihrer Kunst neue Formen und Inhalte vorzugeben.
"Wir brauchen (auch in der Musik) Ausrufungen, Interjektionen,
Suspensionen,
Unterbrechungen, Bejahungen,Verneinungen, wir rufen, wir flehen, wir
schreien,
wir seufzen, wir weinen, wir lachen von Herzen... Wir müssen es
kräftiger
haben, weniger manieriert, wahrer!"
Dies läßt Denis Diderot den Titelhelden seines Romans
"Rameau's Neffe" fordern.
In einer kraftvoll selbstbewußten, empfindsamen und
originellen
Kunst sollte das distanziert prunkvolle, pathetische und
unpersönlich-festliche
höfische Tonkunsthandwerk überwunden werden. In
diesem
Sinne beschwor man vor allem die Natürlichkeit als
sozialästhetischen
Kampfbegriff gegen die Kulturideale des Absolutismus. Im Göttinger
Hain und in den englischen Gärten dichteten
Klopstock-Jünger
ihre Oden an die Natur, die Philosophen diskutierten über Naturrecht
und Naturreligion, und die Komponisten der Epoche suchten -
inspiriert
durch Wortführer wie Rousseau oder Herder - nach
Möglichkeiten,
Elemente urwüchsiger Volksmusiken in die Kunstmusik
einfließen
zu lassen. Reizvoll fand man vor allem die Ungezwungenheit und den
Schwung
der folkloristischen Tänze: der Dreher, der Weller,
Spinner,
Steirer oder Teutschen. Im Gegenzug gerieten die
Hoftänze
des Ancien Regime immer mehr außer Mode: die Sarabanden,
Gavotten, Bourrees oder Gigues - und dann mußte die
Aristokratie
auch noch entsetzt miterleben, wie sich die ebenso distinguierten wie
stimmungstötenden
Allemanden
in den Wiener Wirtshaussälen in lustvolle Ländler und Walzer
verwandelten..
Als erstes sinnfälliges Zeugnis dieser neuen Vorlieben fand
man immer öfter die Tanzsätze in Sonaten oder Sinfonien infiziert
mit Anklängen an Volksweisen und volkstümliche Rhythmen.
So etwa auch im Menuett aus Mozart's "g-moll Sinfonie KV 550" aus
dem Jahr 1788. Dieser Satz bezieht seine Spannung vor allem daraus,
daß
Mozart hier als Trio-Mittelteil im Kontrast zum einleitenden und
abschließenden
"Menuetto allegretto" (nach Hofart) ein Stück
einfügt,
das in seinem Charakter wohl nicht zufällig Anklänge an einen
Ländler
aufweist. Übrigens war es eine oft geübte Praxis, gerade in
den
Trio-Teilen Neues und Ungewohntes zu präsentieren, nachdem man im
sogenannten A-Teil quasi pflichtgemäß die Wünsche der Ewiggestrigen
bedient hatte.
3) "Menuett" aus Mozart's "g-moll Sinfonie"
"Das gezierte, feierliche und gespreizte Wesen der höfischen
Tänze entsprach der Zeit nicht mehr... Niemandem war es mehr darum
zu tun, zuzusehen, wie andere tanzten, jeder wollte selbst an die Reihe
kommen, und es war nur eine selbstverständliche Folge dieses
Wunsches,
daß die Tänze sich den Tänzern anpaßten. Wenn
viele
Leute auf einmal tanzen wollen, (ohne sich dabei einer verordneten
Choreographie
zu unterwerfen), müssen die Tanzschritte viel einfacher sein, als
wenn ein ausgesuchtes Paar sich in komplizierten Bewegungen ergehen
darf;
so kam es zu einer Vereinfachung der Tänze... Um schwierige
Tänze
zu lernen, hatte man keine Zeit mehr oder wollte sie sich nicht nehmen!"
Soweit der Musikwissenschaftler Max von Boehn.
Mozart selbst war, wie wir wissen, nicht nur ein exzellenter
Billardspieler,
sondern auch ein hervorragender Tänzer, der vor allem das Menuett
meisterhaft beherrschte, aber eben auch die neuen Modetänze
begeistert
begrüßte und den frischen Wind, den diese in die
Ballsäle
brachten. In all seinen Kompositionen spürt man das Bestreben,
diesen
unverbrauchten Schwung und diese spielerische Leichtigkeit wirksam
werden
zu lassen.
Das Menuett fand als einzige barocke Tanzform Eingang in die
Musik
der Klassik. Sahen doch gerade Mozart und Haydn darin ein ideales
Sujet,
das es erlaubte, augenzwinkernd nach Herzenslust zu parodieren, zu
deformieren
und den alten Zopf genüßlich gegen den Strich zu
bürsten.
Eben dies tut auch Joseph Haydn 1772 in seinem "Streichquartett
Opus 20 Nr.4 D-Dur" mit einem "Menuetto...alla zingarese", einem
Menuett
nach Zigeunerart (so wie man sich diese eben vorzustellen
pflegte)
- und das war in diesem Falle wirklich nicht die feine Art.
Recht
derb und musikantisch handfest geht es hier zur Sache. Sulzer's
"Grazien" jedenfalls haben dabei schwerlich die Hand im Spiel (oder
aber
sie hatten einen ganz schlechten Tag erwischt).
4) "Menuett" aus Haydn's "Quartett op.20/4"
"Man würde ungerecht handeln, wenn man
behaupten
wollte, alle Fürsten... hätten dieselben Fehler miteinander
gemein,
durch welche viele von ihnen ungesellig, kalt, unfähig zum echten
Freundschaftsbande und schwer zu behandeln im Umgange werden; allein
man
versündigt sich wahrlich nicht, wenn man sagt, daß dies bei
den mehrsten von ihnen der Fall ist. Sie werden... von Jugend auf durch
Schmeichelei verderbt, durch andere und sich selbst verzärtelt. Da
ihre Lage sie über Mangel und Bedürfnis mancher Art
hinaussetzt;
da sie selten in Verlegenheit und Not geraten, so lernen sie nicht, wie
nötig ein Mensch dem andern, wie schwer allein zu tragen manches
Ungemach
in der Welt, wie süß, teilnehmende, mitleidende Seelen zu
finden,
und wie wichtig es ist, andrer zu schonen... Sie sehen sich als Wesen
besserer
Art an, von der Natur begünstigt, zu herrschen und zu regieren,
die
niedern Klassen hingegen bestimmt, ihrem Egoismus, ihrer Eitelkeit zu
huldigen,
ihre Launen zu ertragen und ihrer Phantasie zu schmeicheln... (Doch) in
diesen Zeiten der Aufklärung (wird) bald kein Mensch mehr daran
glauben,
daß ein einziger, vielleicht der Schwächste der ganzen
Nation
ein angeerbtes Recht haben könnte, hunderttausend weisern und
bessern
Menschen das Fell über die Ohren zu ziehn... Auf die
Voraussetzung,
daß die mehrsten (der Fürsten) diesem Bilde gleichen,
muß
man sein Betragen im Umgange mit ihnen gründen... Der Umgang
muß
(aber) sehr verschieden sein, je nachdem man ihrer bedarf oder nicht,
von
ihnen abhängig oder frei ist!"
Auch die Komponisten taten gut daran, diese weisen Ratschläge
des Freiherrn von KNIGGE zu beherzigen. Man mußte stets eine
gewisse
Vorsicht walten lassen, um nicht durch allzu unbotmäßige
musikalische
Extravaganzen den fürstliche Brotherren zu vergraulen. So
lieferte
man denn gemäß Dienstvertrag tanzmusikalische Konfektionswaren
für die diversen höfischen Feste und Lustbarkeiten. Auf der
anderen
Seite aber suchten die Musiker ein Publikum für ihre Werke,
welches
neue Ideen und Kunst mit Anspruch zu schätzen wußte.
So entstand schließlich ein neues Forum für die Tonkunst
jenseits der Mauern des Hofes. Große Verlagshäuser
etablierten
sich und veröffentlichten Noten und musiktheoretische Schriften,
ein
öffentlicher Konzertbetrieb begann sich zu organisieren, und in
den
bürgerlichen Salons pflegte man ambitioniert die Hausmusik.
Immer mehr richtete sich im späten 18.Jahrhundert die neue Musik
an
den Kreis städtischer Musikkenner und -liebhaber.
Zum
einen waren die betuchten Bürger im Gegensatz zu den meist
hoffnungslos
verschuldeten Residenzen in der Lage, auch einem Musikus ein
angemessenes
Salär zu zahlen, vor allem aber honorierte man hier eine kreative
Leistung mit Ruhm und Popularität, eine
Wertschätzung,
welche die Adelskultur ihren Generalbaßknechten
ausdrücklich
verweigerte.
Die Musikgattung, in der sich der neue Geist und die neue
Musikauffassung
am ungehemmtesten entfalten konnte, war das erste genuin
bürgerliche
Musikgenre überhaupt, das Streichquartett. Vor allem in
Kompositionen
pour
deux violons, alto et violoncelle finden sich dann auch
bezeichnenderweise
die skrupellosesten Exempel für den un-höflichen
Umgang
mit dem Menuett.
So zum Beispiel im nun folgenden zweiten Satz aus dem 1782
entstandenen
Quartett KV 387 von Wolfgang Amadeus Mozart. Hier tut er konsequent all
das, was ein redlicher Menuett-Komponist tunlichst unterlassen sollte.
Er karikiert die angestrengte Ernsthaftigkeit und gespreizte Steifheit
des Barock, indem er gerade jene typischen Akzente und Formeln
vorenthält,
an denen die Tänzer in ihren gedrechselten Bewegungen und
Schrittfolgen
Halt und Orientierung suchen. Stattdessen läßt er alles in
quälendem,
chromatisch zerdehntem Legato zerfließen. Ein Menuett wie mit
Kaugummi unter den Füßen. Man stelle sich beim
Hören
wirklich einmal eine Ballszene vor, zu diesen Klängen.
5) "Menuett" aus Mozart's "Quartett KV 387"
Für eine solche Tanzmusik hätte sich sein
Salzburger
Bischof Colloredo wahrlich bedankt - und vielleicht hätte er
daraufhin
den Grafen Arco ersucht, den Compositeur, Freimaurer und Flegel Mozart,
wie ja bekanntermaßen schon einmal bei anderer Gelegenheit,
kräftig
in den Allerwertesten zu treten.
Über so etwas konnte man sich im höfischen
Ballsaal
nun wirklich nicht amüsieren. Als Höfling war man gewohnt,
Musik
als ein untergeordnetes Dekor der Feste und Gesellschaften zu
betrachten.
Auf den Umgang mit anspruchsvoller Tonkunst war man hier nicht
vorbereitet.
Eine Musik, aus der mit jedem Ton der Eigensinn eines
selbstbewußten
Künstlergenies
hervortönt, so etwas hatte es in der alten Hofmusik nicht gegeben.
Für Klänge, die, über ihre unterhaltende und
untermalende
Funktion bei Tanz und Fest hinaus, etwas be-deuten sollten,
dafür
fehlte jegliches Verständnis. Ein dem gemäßes Publikum
fand sich dagegen im bürgerlichen Kulturbetrieb, wo man im
Konzertsaal
oder Salon zusammenkam einzig zum Zweck, konzentriert und neugierig
Musik
zu hören - und nichts außerdem.
Das klassische Menuett ist nicht mehr Tanzmusik, sondern
Konzertmusik.
Barock-Kompositionen präsentieren dem Hörer eine
prunkvolle
Klangfassade,
wenn man so will, ein musikalisches Wandgemälde,
zweidimensional
und gewissermaßen ohne doppelten Boden. Demgegenüber
eröffneten sich in der Musik der Klassik und Romantik vordem
ungekannte
Tiefendimensionen,
die zum einen dem Komponisten völlig neue Themen und
Ausdrucksmöglichkeiten
boten, andererseits im Gegenzug vom Hörer eine gesteigerte
Aufmerksamkeit
verlangten. Diese Musik erschloß sich nur noch dem, der in
sie
hinein-hörte.
Vielleicht läßt sich dies illustrieren an einem
musikalischen
Sujet, welches damals immer mehr in den Mittelpunkt des
künstlerischen
Interesses rückte, dem musikalischen Witz!
Dazu schreibt der Musikwissenschaftler Charles Rosen: "Wenn man
in der zweiten Hälfte des 18.Jahrhunderts zunehmend Geschmack am
musikalisch
Komischen fand, so war das... darauf zurückzuführen,
daß
die Stilentwicklung endlich wahrhaft autonome musikalische Komik
ermöglichte...
(Musikalischer) Humor wird ohne Unterstützung von außen
möglich.
Musik der Klassik kann wahrhaft witzig, nicht nur lustig oder gut
gelaunt
sein. Echte musikalische Späße lassen sich schreiben. Es
gibt
zwar in früherer Musik Witz, aber er fußt auf
nicht-musikalischen
Anspielungen!"
So gab es zwar schon immer lustige Effekte, wie etwa das
klangmalerische
Nachahmen von Froschgequake, Eselsschreien und dergleichen mehr, oder
es
gab in der Oper die musikalische Charakterisierung bestimmter komischer
Typen. Der Witz bei Haydn, Mozart und ihren Zeitgenossen jedoch
ist ungleich subtiler, geistreicher und eben auch subversiver.
Es
ist, denke ich, kaum übertrieben, wenn man sagt, daß gerade
Scherz,
Satire, Ironie in ihrer tieferen Bedeutung wichtige Ausdrucksmittel
gewesen sind im Kampf um eine aufgeklärte Kultur und Gesellschaft.
Nicht nur politische Pamphlete und Karikaturen, auch der musikalische
Humor
hat viel beigetragen - frei nach Kant - zum Ausgang des Komponisten
aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit. Im geistvollen
Spiel
mit Andeutungen, Persiflage und bewußten Normverstößen
zeigte sich ein gewachsenes Selbstbewußtsein der Musiker.
Betrachtet man den Charakter der humoristischen Einfälle
Haydn's
und Mozart's, so erinnert daran wohl nicht zufällig vieles an den
Duktus von Gesprächen in den bürgerlichen Salons der Epoche.
Über diese zeittypische Art geselliger Unterhaltung schrieb
Emanuele
Tesauro in seiner Schrift "Von der bürgerlichen Konversation":
"Der Scherz ist ein Ausruhen der Seele, aber kein müßiges
Ausruhen und kein gedankenloses... (Scherzworte) stammen nämlich
aus
der Wahrheit der Dinge... (und) aus der Fruchtbarkeit des Geistes, der,
je mehr er sie als sein eigen erkennt, desto erfreuter ist... So sind
also
die Scherzreden heilsam für die Entfaltung des Individuums, aber
noch
heilsamer für die Konversation mit anderen... Die Tugend der
Heiterkeit
hat also kein anderes Gesetz als die Tugend derer, die sie besitzen!"
In den Salons pflegte man, immer sich der Allgegenwart der
fürstlichen
Gesinnungspolizei
bewußt, die hohe Kunst der verschlüsselten Anspielung und
spitzfindigen
Doppeldeutigkeit.
Nicht
anders Haydn in seiner Musik!
Noch 1739 hieß es bei Johann Mattheson: "(Das Menuett hat)
keinen anderen Affekt als eine mäßige Lustigkeit!"
Nun, Haydn war, wie wir jetzt hören werden, dann doch eher
schon unmäßig im Hinblick auf den lustigen Affekt
bzw. Effekt in seinen Menuetten. Er war der unbestrittene Großmeister
des musikalischen Humors - wie auch das folgende "Menuetto
allegretto"
aus dem im weltverändernden Jahr 1789 entstandenen
"Lerchenquartett
op.64 Nr.5" eindrucksvoll zu Gehör bringen wird. Dieser Satz
sprüht
förmlich vor Witz. Es wimmelt darin geradezu von augenzwinkernden
Holprigkeiten, ein versuchtes Fugato im alten Stil
gerät
schon nach wenigen Takten hoffnungslos aus dem Ruder, und überall
untergräbt Haydn durch kleine aber empfindliche Störungen die
barocke Contenance.
6) "Menuett" aus Haydn's "Quartett op.64/5"
Eingang in die klassische Sonate und Sinfonie fand der Menuett-Satz nicht zuletzt wohl auch deshalb, weil die Komponisten damit zumindest pro forma den traditionellen Vorlieben des adligen Publikums Rechnung tragen konnten. Die Entwicklung zeigte dann, wie in dieser Sendung erörtert, daß dabei das höfische Kompositionsideal jedoch mehr und mehr deformiert wurde, ehe schließlich mit der endgültigen Emanzipation der bürgerlichen Kunst - eingeführt bereits vom späten Haydn - das Scherzo (konsequenterweise) an die Stelle des Menuett-Satzes getreten ist. Man suchte so auch noch die letzten Anklänge an die überlebte Hofmusik zu verbannen und schuf eine freiere, selbstverantwortlicher zu gestaltende Form. Das Spiel trat quasi an die Stelle des Tanzes. Das eben gehörte Stück markierte in Form und Inhalt diesen Übergang vom Menuett zum Scherzo.
Wie gesagt, erlaubten sich die Komponisten der damaligen Zeit
ihre
gröbsten und taktlosesten Unhöflichkeiten in
kammermusikalischen
Werken, die ausdrücklich für den exklusiven Zirkel
bürgerlicher
Kenner
geschrieben wurden, für den privaten Salon. Dagegen waren
die
ironischen Spitzen und Neutönereien in der großen
sinfonischen
- öffentlichen - Musik weit dezenter.
So auch in Haydn's " Sinfonie Nr.101" aus dem Jahr 1794.
Ähnlich
wie in Mozart's "g-moll Sinfonie" wird hier das Menuett in
alpenländisches
Kolorit eingefärbt und ihm so blutvolleres Leben
eingehaucht.
Die blutleere Decadence des Menuet a la Roi Soleil inspirierte ja wohl nicht zufällig Roman Polanski zu seinem "Tanz der Vampire"!?
(hier im Hintergrund einige Takte aus der Filmmusik)
Zudem gibt es auch hier wieder eine Reihe Haydn'scher Scherze: festgefahrene Sequenzen, witzige Dialoge der Instrumente und dergleichen mehr. Die Grenzen des Schicklichen aber werden hierbei nicht überschritten.
7) "Menuett" aus Haydn's "Sinfonie Nr.101"
Kurz gesagt - die Menuette Haydn's und Mozart's zogen die
Aufmerksamkeit
unbotmäßig
auf sich. Schon damit allein verstießen sie gegen das eherne
Gesetz
der Hofkunst: Die Höflinge sollten nicht die Musik als solche
ernst nehmen, sondern lediglich die von ihr untermalte fürstliche
Inszenierung. Es gab dort keine autonome Kunst, sondern
lediglich
ästhetisches Dekor. So wurde das Menuett als der Inbegriff
höfischer Lebensart in der Musik der Wiener Klassik zum
Nebenschauplatz
der gesellschaftlichen Umwälzungen am Vorabend der
bürgerlichen
Revolution. Und sinnfällig manifestierten sich in den
Menuett-Kompositionen
des ausgehenden 18.Jahrhunderts die Ideale einer neuen Zeit: das Tempo
beschleunigte sich, die Musik erhielt neuen Schwung und bis dahin
ungekannte
Spritzigkeit,
Tiefsinn, Eigensinn und Sinn für Humor.
Beenden wir die Sendung mit einem Stück Mozart's für zwei
Violinen, Bratsche, Kontrabaß und zwei Hörnern aus dem Jahr
1787, mit dem "Menuetto" aus "Ein musikalischer Spaß KV 522".
Wie gut unterrichtete zeitgenössische Kreise berichteten,
handelte
es sich hierbei um eine Persiflage auf jenes musikalisch schmerzhafte
Orchester des Grafen Czernin, dessen Darbietungen beizuwohnen Mozart in
Salzburg das zweifelhafte Vergnügen hatte.
Doch zuvor noch einige Zeilen aus der Korrespondenz eines anderen,
nicht weniger empfindsamen Zeitgenossen:
"Wir schlangen uns in Menuetts um einander herum; ich forderte
ein
Frauenzimmer nach dem andern auf,
und just die unleidlichsten konnten nicht dazu kommen, einem die
Hand zu reichen und ein Ende zu machen. Lotte und ihr Tänzer
fingen
einen Englischen an, und wie wohl mir's war, als sie auch in der Reihe
die Figur mit uns anfing, magst du fühlen. Tanzen muß
man sie sehen! Siehst du, sie ist so mit ganzem Herzen und mit ganzer
Seele
dabei, ihr ganzer Körper eine Harmonie, so sorglos, so unbefangen,
als wenn das eigentlich alles wäre, als wenn sie sonst nichts
dächte,
nichts empfände; und in dem Augenblicke gewiß schwindet
alles
andere vor ihr. Ich bat sie um den zweiten Contretanz; sie sagte
mir den dritten zu, und mit der liebenswürdigsten
Freimütigkeit
von der Welt versicherte sie mir, daß sie herzlich gern deutsch
tanze.
»Es ist hier so Mode,« fuhr sie fort, »daß
jedes
Paar, das zusammen gehört, beim Deutschen zusammenbleibt, und mein
Chapeau walzt schlecht und dankt mir's, wenn ich ihm die Arbeit
erlasse.
Ihr Frauenzimmer kann's auch nicht und mag nicht, und ich habe im
Englischen
gesehen, daß Sie gut walzen; wenn Sie nun mein sein wollen
fürs
Deutsche, so gehen Sie und bitten sich's von meinem Herrn aus, und ich
will zu Ihrer Dame gehen.« Ich gab ihr die Hand darauf, und
wir machten aus, daß ihr Tänzer inzwischen meine
Tänzerin
unterhalten sollte. Nun ging's an, und wir ergetzten uns eine Weile an
mannigfaltigen Schlingungen der Arme. Mit welchem Reize, mit welcher
Flüchtigkeit
bewegte sie sich! und da wir nun gar ans Walzen kamen und wie die
Sphären
um einander herumrollten, ging's freilich anfangs, weil's die wenigsten
können, ein bißchen bunt durcheinander.
...Ich war kein Mensch mehr. Das liebenswürdigste Geschöpf
in den Armen zu haben und mit ihr herumzufliegen wie Wetter, daß
alles rings umher verging... Der Tanz war noch nicht zu Ende, als
die Blitze, die wir schon lange am Horizonte leuchten gesehn und die
ich
immer für Wetterkühlen ausgegeben hatte, viel stärker zu
werden anfingen und der Donner die Musik überstimmte. Drei
Frauenzimmer
liefen aus der Reihe, denen ihre Herren folgten; die Unordnung wurde
allgemein,
und die Musik hörte auf...
Adieu, Wilhelm! Dein Werther am 16.Junius 1771"
8) "Menuett" aus Mozart's "Ein musikalischer Spaß KV 522"
(s. auch: Lutz
Neitzert "Die Geburt der Moderne, der Bürger und die Tonkunst")
SWR-"Musikfeuilleton"
vom 1.2.01 CON
SPIRITO
E DELIRIO
TONKUNST und DROGENRAUSCH
(von Dr.Lutz Neitzert)
MUSIK: die Anfangstakte aus NIKOLAI RIMSKIJ-KORSAKOW „HUMMELFLUG"
und zwar stark verlangsamt (bzw. changierend zwischen viel zu langsam
und viel zu schnell)
und dazu vielleicht noch ein wenig elektronisch verfremdet -
eventuell ausgehend von der Version für Fagott & Klavier des
„Trio Vienna"
(LP „Curioso Virtuoso" / Teldec 642534 Ap )
SPRECHER 1: Die umfassendste und detailreichste Kulturgeschichte des Haschisch verdanken wir Hans-Georg Behr, der in seinem Buch „Von Hanf ist die Rede" auch eines wahrhaft skurrilen Musikdramas gedenkt, das (nach allem, was wir von ihm erfahren) zu Recht weder bleibenden Eindruck in der Musikhistorie hinterlassen, noch ein zweites Mal den Weg auf irgendeine Bühne (geschweige denn je in ein Schallplattenstudio) gefunden hat:
ZITATSPRECHERIN: „Es konnte nicht ausbleiben, daß die
Sache
ein Stoff für die Oper wurde. Ein Ballett namens ‘Haschisch’ hatte
es schon gegeben. Es stammte von einem gewissen Klenowski, wurde 1885
in
Moskau uraufgeführt und gleich wieder vergessen... Eine Menge
pluderhosiger
Tänzerinnen hatte dabei eine Unmenge Halluzinationen zu tanzen...
1896 dann hatte an der Dresdner Hofoper das Musikdrama ‘Haschisch’
Premiere...
Text von Axel Delmar, Musik von einem gewissen Oscar von Chelius...
keine
einzige Musikgeschichte erwähnt auch nur einen der beiden Namen...
Die Handlung umfaßt nur einen Aufzug, aber der hat’s in sich.
Voilà!
Personen: Omar, Bey von Tunis, Bass; Hama, eine der Damen des Serails,
Sopran; Paolo, ein Maler, Tenor; Stimme des Muezzin, Bariton; Abdul,
Stummer
des Serails, stumm... Ort der Handlung: der Sommersitz Omars..." 1
MUSIK:
eventuell bei diesem und den folgenden Zitaten zur „Haschisch-Oper" im
Hintergrund exotistisch-kitschige „Wüstenklänge"
SPRECHER 1: Mit orientalischen Rauschmitteln wie Haschisch oder
Opium
das erste Mal bewußt in Kontakt gekommen ist die
abendländische
Kunstwelt Ende des 18.Jahrhunderts.Zwar hatte etwa der Hanf auch in
Europa
bereits eine lange Tradition - und das nicht nur als Textilrohstoff
oder
in der Naturmedizin - - allerdings galt er als Genußmittel
hierzulande
bis dahin lediglich als ein billiges Kraut für die
grobgeschnitzten
Pfeifen und Klimmstengel des einfachen Landvolks. Die Oberschicht und
ihre
Schöngeister inhalierten Tetrahydrocannabinol erst als es im
Schwange
der Morgenland-Mode zur Zeit des Rokoko seinen Hautgout verlor und en
vogue
wurde. Plötzlich komponierte man „Alla Turca", schlürfte
Mokka
und rauchte in kräftigen Zügen
„Orient-Tabak"...SPRECHER
2: ...was nichts anderes gewesen ist, als eine (wenn auch schwache)
Mischung
aus Tabak und Marihuana.SPRECHER 1: Und so qualmte unter den
Allongeperücken
so mancher Joint und auch die Arznei- und die
Nachttischschränkchen
füllten sich schnell mit allerlei neuartigen Wundermitteln
für
die Gesundheit und fürs anderweitige Wohlbefinden. Neben der
Opiumtinktur
„Laudanum", die schon seit Paracelsus in keiner gut sortierten Apotheke
fehlen durfte, standen nun noch weitere Schlafmohn- und
Cannabispräparate
in den Regalen der Drogisten - und unter dem Ladentisch gab es als
vielversprechendes
Potenzmittel die „Damacener Pillen".SPRECHER 2: Eben davon
berichtet
ein anderer Komponist exotischer „Geschichten aus dem Serail" in einem
Brief an seine Base Maria Anna Thekla, wohnhaft in Augsburg - und er
tut
das in gewohnter Offenheit:ZITATSPRECHER: „...so will ich sie
dann
betrachten von vorn und hind - will sie überall herum führen,
auch wenn’s nothwendig ist, klistieren, also kommen sie gewiß,
sonst
ist ein Schiss; ich werde alsdann in eigener hoher Person ihnen
complimentieren,
ihnen den Arsch petschieren, ihnen damacenieren...!" 2SPRECHER 2: Ein
Aphrodisiakum,
wie gesagt, das neben Hanfpulver auch den Wirkstoff der spanischen
Fliege,
das Kanthariden, enthielt. MUSIK: im Hintergrund MOZART„Alla Turca KV
331"
ZITATSPRECHERIN: „...Paolo soll für den Bey von Tunis ein Bild
malen, vermißt im vorgeschlagenen Motiv aber die Schönheit
eines
weiblichen Gesichts. Also bittet er seinen Auftraggeber um ein Modell.
Omar meint, Paolo wolle doch nur das Eine, aber der Maler schwört,
es gehe ihm einzig und allein nur um die hehre Kunst..." MUSIK: (s.o.)
SPRECHER 1: Haschisch, Opium und auch Kokain waren im 19.Jahrhundert dann wohlfeile Medikamente und gesellschaftlich noch weitgehend unverdächtige Stimmungsaufheller. Selbst die ach-so-prüde englische Königin Victoria ebenso wie Papst Leo XIII. genehmigten sich vorm Zubettgehen gern ein Gläschen von „Mariani’s Coca-Wine" (oder zwei), selbst Kleinkinder stillte man bedenkenlos mit Opiumtröpfchen und Haschisch war, so suggerierte es jedenfalls die Arzneimittelreklame, nahezu für jedes Zipperlein die passende Kur:
ZITAT: „Indische Cigaretten mit Cannabis-Indica von Grimault &
Cie.
Apotheker in Paris.
Durch Einatmen des Rauches verschwinden Asthma-Anfälle,
Krampfhusten,
Heiserkeit ... und Schlaflosigkeit... /
Das idealste Mittel gegen Hühneraugen, Hornhaut und Warzen ist
und bleibt Karrers Haschisch! Erhältlich in Apotheken und
Drogerien!"
3
MUSIK: aus HECTOR BERLIOZ „SINFONIE FANTASTIQUE" (4.Satz „Marche au
supplice")
(in der Aufnahme von Roger Norrington)
SPRECHER 1: Während jede Spekulation über einen direkten
Einfluß
von Rauschdrogen auf die Musik Mozart’s und seiner Zeitgenossen kaum
hinreichend
begründet werden kann...
SPRECHER 2: ...schon allein die Arbeitsbedingungen und das streng
reglementierte
Metier der höfischen Musiker dürften sicher kaum Raum und
Zeit
gelassen haben für ausgedehntere Drogenexzesse (geschweige denn
für
deren adäquate künstlerische Umsetzung)....
SPRECHER 1: ...während für die Klassiker also keine
derartigen
Verdachtsmomente vorliegen, häufen sich diese dann im Laufe des
19.Jahrhunderts
mehr und mehr. Und das gesellschaftliche Ambiente der Romantiker barg
ja
auch tatsächlich ganz andere Freiräume für seine Genies
und ihre Eskapaden. Dazu kam, daß sich der Künstler in der
bürgerlichen
Welt ja gerade dadurch legitimierte und legitimieren durfte und sollte,
daß er vorgeblich oder tatsächlich - quasi stellvertretend -
in existentielle Grenzbereiche vorstieß, um seine dort gemachten
Erfahrungen dann als Kunstwerk einem staunenden Publikum zur
Begutachtung
vorzulegen.
SPRECHER 2: Wie in allen Lebensbereichen so eröffneten sich im
Gefolge der industriellen Revolution dem Individuum auch im Umgang mit
Rauschmitteln bis dahin ungeahnte Freiheiten.
Andererseits lauerten auf den Künstler in seiner modernen Position
als Privatier nun als Kehrseite der Medaille in ihrer Tragweite noch
kaum
abzuschätzende Gefahren.
SPRECHER 1: Außerdem definierte die als neue soziale Gattung entstandene Bohème ihre Außenseiterrolle auch über die Wahl ihrer ureigenen, von denen normalbürgerlicher Langeweiler verschiedenen, Rauschmittel. Daran hat sich bis in heutige Subkulturen hinein im Prinzip nichts geändert.
SPRECHER 2: Doch hören wir lieber zunächst einmal einen berufenen Zeitzeugen:
ZITAT: „Nachdem jeder seine (Portion) verzehrt hatte, wurde noch
Kaffee
gereicht (auf arabische Weise) ...
'In den Salon! In den Salon!' rief einer der Gäste: 'Hört
ihr nicht den himmlischen Chor?'...
Es war die Arie der Agathe aus dem 'Freischütz'..." 4
SPRECHER 1: Nebenbei bemerkt: wenn Ernst Jünger zusammen mit
dem
Schweizer Chemiker Albert Hofmann in den 50er Jahren des letzten
Jahrhunderts
dessen Erfindung, das LSD, ausprobierte, dann spielte das Grammophon
dazu
Mozart’s „Harfenkonzert".
Während Aldous Huxley sich bei seinen in die Literaturgeschichte
eingegangenen Meskalin-Trips lieber von Gesualdo-Madrigalen durch „Die
Pforten der Wahrnehmung" geleiten ließ.
ZITAT: „...Bald schien die Melodie aus mir selbst zu kommen; meine
Finger
flatterten über ein imaginäres Klavier... Ein homerisches
Gelächter
hob an...
Ausrufe wie 'Mein Gott, bin ich glücklich! Welch ein Segen! Ich
stürze in die Tiefen der Lust!' kreuzten und vermischten sich und
wurden aufgesogen.... (So ging es fort und fort)...
(Bis sich) eines der Club-Mitglieder, das nicht an der wollüstigen
Vergiftung teilgenommen hatte, um diejenigen von uns, welche sich
beflügelt
glaubten, vom Sprung aus dem Fenster zu bewahren, erhob... ’Ich glaube,
jetzt muß ich die bösen Geister austreiben. Das Klavichord
Erards
soll dabei Davids Harfe ersetzen’. Und er setzte sich auf den Stuhl und
spielte beschwingte und fröhliche Melodien... Der Bann war
gebrochen...
Der Zeiger wies auf Elf. ‘Die Kutsche... wartet unten’, sagte der
Diener.
Der Traum war zu Ende...!"
SPRECHER 1: So schilderte Théophile Gautier reichlich enthusiasmiert in einem folgenschweren Zeitungsartikel aus dem Jahr 1846 einen geselligen Abend im Pariser Hotel Pimodan - wo sich regelmäßig ein "Club des Haschischins" zusammenfand, dem so illustre Personen der schreibenden Zunft angehörten wie Victor Hugo, Honoré de Balzac, Gustave Flaubert, Gérard de Nerval, Eugène Sue, Charles Baudelaire und Alexandre Dumas der Ältere. Dabei wurde das Haschisch nicht geraucht, sondern als „Dawamesc", als süßes Konfekt, gereicht. Wenngleich aus heutiger Sicht die meisten Schilderungen der Clubmitglieder grotesk übertrieben anmuten - das Interesse der Öffentlichkeit und insbesondere das der Künstlerkollegen ist durch die skandalträchtige Publicity nachhaltig geweckt worden.
SPRECHER 2: Während die genannten Literaten ihre Erlebnisse -
mal
belletristisch, mal journalistisch, mal autobiographisch, mal
missionarisch
- jedem, der es hören mochte, kundtaten...
SPRECHER 1: ...nicht nur in Frankreich, auch in England: etwa die
romantischen
Exzentriker um Byron und Shelley, aber auch Samuel Coleridge und
später
Arthur Conan-Doyle, der Schöpfer des „Sherlock Holmes" -
inspiriert
dort nicht zuletzt von den 1822 erschienenen schriftlichen
„Bekenntnissen
des Opiumessers" Thomas de Quincey...
SPRECHER 2: ...im Gegensatz zu den offensichtlich skrupelloseren
Schriftstellern
also hielten sich die Musiker mit öffentlichen Statements doch
sehr
zurück. So daß wir hier oftmals nur auf Mutmaßungen
und
mehr oder weniger stichhaltige Indizienbeweise angewiesen sind.
SPRECHER 1: Immer wieder genannt im Umkreis des legendenumwobenen
Hotel
Pimodan wird allerdings ein Name: Hector Berlioz!
SPRECHER 2: Und seine Musik widerspricht in ihrem Duktus und ihrer
Programmatik den nahegelegten Vermutungen nicht:
MUSIK: Fortsetzung BERLIOZ
ZITATSPRECHERIN: „...Paolo schwört er wolle des Todes sein, würde ihm bei der Gelegenheit auch nur ein einzelnes unzüchtiges Gedänkelchen kommen. Voller Vertrauen in seine Sittenstrenge überläßt Omar ihm daraufhin Hama..." MUSIK: (s.o.)
SPRECHER 1: Vor allem durch die Pariser Weltausstellungen mit ihren diversen Probierstübchen, in denen man alle möglichen Genußmittel und Spezereien ferner Länder kredenzte, wurde das Exotische im 19.Jahrhundert erneut zur bevorzugten Inspirationsquelle auch des musikalischen Schaffens.
SPRECHER 2: Ob Camille Saint-Saens nun tatsächlich auch selbst
einmal daran genippt hat? Wir wissen es nicht. Die erwähnten
literarischen
Manifeste aber, die dürfte er sicherlich gekannt haben - und so
näherte
er sich im Jahr 1870 seinem Sujet im 6.Satz der „Persischen Melodien
op.26"
(nach Gedichten von Armand Renaud) denn auch äußerst
einfühlsam
- nach bestem Wissen und Gewissen:
SPRECHER 1: „Songe d’Opium (der Opium-Traum) / Tournoiement
(Delirium)"!
MUSIK: CAMILLE SAINT-SAENS „SONGE D’OPIUM op.26 No.6 "
ZITAT: „...Ich drehe Pirouetten auf meinen Zehenspitzen, ich drehe
mich,
drehe mich, drehe mich wie ein verwelktes Blatt... ich entschwebe
hinauf
zum Sternenhimmel, vorbei am schweigenden Mond, an Jupiter vorbei und
am
Saturn, schwirrend auf meiner Bahn. Ich schieße durch das
Sternbild
des Steinbocks und tauche in den schaurigen Abgrund absoluter,
grenzenloser
Nacht, mich weiter und weiter drehend - bis in alle Ewigkeit..."!
SPRECHER 2: Und auch Claude Debussy vertonte kurze Zeit später
die lyrischen Werke diverser einschlägiger Poeten aus dem
Dunstkreis
der „Haschischins".
Darunter Verse von Charles Baudelaire und Paul Verlaine...
SPRECHER 1: ...beide gingen als tragische Archetypen von
Drogenabhängigkeit
und Siechtum in die Literaturgeschichte ein.
SPRECHER 2: Und auch durch die Gedichte des besagten
Théophile
Gautier ließ Debussy sich zur musikalischen Bearbeitung anregen.
SPRECHER 1: Jener ist es übrigens gewesen, der den epochemachenden
Begriff „L’Art pour l’Art" prägte, und damit ein ästhetisches
Credo formulierte, welches ja nicht zuletzt der Musik als der in diesem
Sinne „reinsten" der Künste ein neues Selbstbewußtsein
zusprach
!
ZITAT: „Die gebräuchlichste Art dieser Konfitüren, das Dawamesc, ist eine Mischung aus (Cannabis-)Extrakt, Zucker und verschiedenen aromatischen Kräutern, wie Vanille, Zimt, Pistazie und Muskat. Mitunter setzt man selbst ein wenig Kanthariden zu einem Behufe zu, der nichts gemein mit den üblichen Wirkungen des Haschisch hat..."! (Charles Baudelaire) 5
SPRECHER 1: 1872 entstanden Debussy’s „Ariettes oublieés" - und darin findet sich ein Lied über Verlaine’s „C’est l’Extase langoureuse":
MUSIK: CLAUDE DEBUSSY „C’EST L’EXTASE LANGOREUSE"
ZITAT: „Es ist die Ermattung in Ekstase, es ist die Erschöpfung
nach der Liebe, es ist das Rascheln des Waldes in der Umarmung einer
leichten
Brise..."!
ZITATSPRECHERIN: „...Paolo und Hama verlieben sich nichtsdestotrotz
(wie könnte es auf einer Opernbühne auch anders sein) in
Windeseile
- ‘Weil vom Küssen sterben wir müssen’ heißt die
entsprechende
Librettostelle - woraufhin beide in einem Pavillon verschwinden -
begleitet
von einem Glockenspiel..." MUSIK: (s.o.)
SPRECHER 1: Zur Zeit des Fin de siecle kam in der Pariser
Bohème
eine grüne Fee in Mode: „La Fee verte"!SPRECHER 2: Der
Begründer
der deutschen Drogenforschung, Louis Lewin, schrieb in seinem Buch
„Phantastica"
aus dem Jahr 1924:ZITAT: „Der Absinth wird in Likörstuben von
professionellen
Leuten - auch von Damen am Schenktisch, Circen, die, gleich der
homerischen
Circe, Menschen in Schweine verwandeln können - gemischt und
ausgegeben!"
6SPRECHER 1: Absinth ist ein alkoholischer Auszug der
ätherischen
Öle des Wermutkrautes (Artemisia absinthium). Der darin enthaltene
psychoaktive Wirkstoff, das Thujon, soll einen leicht
halluzinatorischen
Rauschzustand erzeugen und - so jedenfalls schwören seine
Liebhaber
- die Phantasie nachhaltig beflügeln. Ob allerdings bei einem
Getränk
mit immerhin um die 80 Volumenprozenten Äthanol
bewußtseinserweiternde
Effekte einen Wermutbruder tatsächlich in höhere Sphären
zu tragen vermögen? Zweifel seien daran zumindest
erlaubt.SPRECHER
2: Notabene: 1986 entdeckte, aus gegebenem Anlaß, ein
französischer
Journalist einen wahrhaft hintergründigen Zusammenhang. In der
Zeitschrift
„Le Monde" stand zu lesen:ZITAT: „’Und der dritte Engel blies seine
Posaune,
da fiel ein großer Stern vom Himmel... Und der Name des Sterns
ist
Wermut. Und der dritte Teil des Wassers wurde bitter, und viele
Menschen
starben...’! So steht es in Kapitel 8, Vers 10 und 11 der Offenbarung
des
Johannes, in der biblischen Schilderung der Apokalypse. Die
Wermutpflanze
gehört zu den Korbblütlern der Gattung Beifuß - und der
ukrainische Name für Beifuß lautet: Tschernobyl
"!SPRECHER
1: Doch zurück zur Pariser Bohème. Vor allem Erik Satie und
die Mitglieder der „Groupe des Six", Francis Poulenc, Darius Milhaud,
Arthur
Honegger, Georges Auric, Louis Durey und, als einzige Frau dieses
Avantgardezirkels,
Germaine Tailleferre, erkoren die „grüne Fee" zu ihrer
Muse.SPRECHER
2: Die Maler des Impressionismus schätzten den Absinth ebenfalls,
wie wir wissen - zumindest als effektvoll grünen Farbtupfer auf
ihren
Gemälden. SPRECHER 1: Auch Jean Cocteau gehörte als
Chefideologe
und Multitalent zum Umfeld dieses Komponistenkreises. Als Dichter,
Maler,
Regisseur und Stichwortgeber war er eine der wichtigsten Reizfiguren
der
Pariser Kunstwelt - und er war in jeder Hinsicht ein ausgeprägter
Suchtcharakter - ein Morphinist, Kokainist und Workoholic, der selbst
seine
Entzugsqualen noch literarisch verarbeitete. MUSIK: (eventuell
nur
im Hintergrund): POULENC / SATIE „DEUX PRELUDES POSTHUMES ET UNE
GNOSSIENNE
FP 104" (daraus 3.Satz)(Satie-Klavierstücke orchestriert von
Poulenc)
MUSIK: noch einmal kurz einige Sekunden „HUMMELFLUG" (s.o.)
SPRECHER 2: Nicht nur die politischen, auch die kulturellen Verbindungen zwischen Paris und St.Petersburg waren immer schon sehr vielfältig und eng geknüpft. Und auch was den Drogenkonsum in der Kunstwelt anbetraf, finden sich schnell augenscheinliche Parallelen. Hier wie dort äußerte sich vor allem die Crème der Literaten sehr freizügig zu unserem heiklen Thema.
SPRECHER 1: Von Leo Tolstoi...
ZITAT: „Was dem Norden sein Wodka, ist dem Süden sein Haschisch.
Es erzeugt im Kopf allerdings eine weniger niederschlagende Wirkung"! 7
SPRECHER 1: ...über Iwan Turgenjew...
ZITAT: „Ich weiß noch, daß ich nach Hause schritt, ohne
an etwas bestimmtes zu denken, jedoch mit seltsam schweren Herzen, als
mich auf einmal ein starker, wohlbekannter, aber in Deutschland
seltener
Geruch überraschte. Ich blieb stehen und erblickte am Wege ein
kleines
Hanfbeet. Sein Steppenduft erinnerte mich jäh an die Heimat und
weckte
in mir eine leidenschaftliche Sehnsucht nach ihr"! 8
SPRECHER 1: ...bis hin zu Fjodor Dostojewski, der sich während
seiner diversen Kuraufenthalte in deutschen Spielcasinos von seiner
Frau
so manches...
ZITAT: „...Päckchen turkmenisches Charas..." 9
SPRECHER 1: ...nachschicken ließ.
SPRECHER 2: Was nun die russischen Komponisten anbetrifft, so geben zumindest einige von ihnen entschieden deutlichere Hinweise als ihre französischen Kollegen.
SPRECHER 1: Dies trifft vor allem zu auf jene einflußreiche
und
diskussionsfreudige Clique, die sich selbst das „mächtige
Häuflein"
nannte und deren erklärter Widerpart Peter Tschaikowsky gewesen
ist.
SPRECHER 2: Milij Balakirew also, Alexander Borodin, Zesar Kjui,
Nikolai Rimskij-Korsakow und Modest Mussorgsky.
SPRECHER 1: Haschisch war erklärtermaßen das Mittel ihrer Wahl.
SPRECHER 2: Nur einer unter ihnen, Modest Mussorgsky nämlich, war und blieb bekennender Wodkatrinker. Gestorben ist er 42-jährig im Delirum Tremens!
SPRECHER 1: Rimskij-Korsakow dagegen ließ sich seine Obsession, wie wir wissen, sogar einiges kosten - immerhin leistete er sich eine wahre Pretiose: eine kunstvoll gearbeitete und verzierte Pfeife aus der Werkstatt des weltberühmten Petersburger Hofjuweliers Fabergé.
SPRECHER 2: Auf einer frühen Ausgabe der Partitur seiner
sinfonischen
Dichtung „Scheherazade", nach den Erzählungen aus „1001 Nacht",
soll
als Interpretationshilfe zum ersten Satz wortwörtlich vermerkt
gewesen
sein:
ZITAT: „Wie schweres Charas aus Ferghana!"
SPRECHER 2: Wie Haschisch also aus Usbekistan - hier spricht, wie’s
scheint, ein Connaisseur - ein Insider!
MUSIK: RIMSKIJ-KORSAKOW „SCHEHERAZADE" (aus dem 1.Satz: „Sindbad...")
SPRECHER 1: Mütterchen Rußland ist groß und
vereinigt
in sich westliche mit fernöstlichen Landschaften und Kulturen.
Borodin...
SPRECHER 2: ...der übrigens im Hauptberuf Professor der Chemie
an der Petersburger Akademie gewesen ist...
SPRECHER 1: ...komponierte eine viel gespielte „Steppenskizze aus
Mittelasien"
und Balakirew trug eine hoch virtuose „orientalische Suite" zur
Klavierliteratur
des 19.Jahrhunderts bei:
die „Islamey".
MUSIK: aus BALAKIREW „ISLAMEY"
SPRECHER 2: Auf den Spuren Igor Strawinsky’s...
SPRECHER 1: ...der ebenfalls, wie Behr meint...
ZITAT: „...Zeit seines Lebens nie etwas gegen einen guten Joint
hatte..."
10
SPRECHER 2: ...geht es nun wieder zurück nach Paris. Und über
einen gemeinsamen Bekannten, den schon erwähnten Jean Cocteau,
treffen
wir hier seinen russischen Namensvetter, den Komponisten und Dirigenten
Igor Markevitch.
SPRECHER 1: Er selbst bezeichnete ein Werk aus dem Jahr 1932 als
autobiographisches
Dokument: seinen (ursprünglich als Ballettmusik konzipierten)
„Flug
des Ikarus"!
MUSIK: MARKEVITCH „L’ENVOL D’ICARE" (5.Satz)
(in der Orchesterfassung)
SPRECHER 1: Die konzertante Uraufführung des Stückes in Paris war ein veritabler Skandal.
SPRECHER 2: Doch nicht nur deshalb hat Cocteau das Werk immer wieder mit Strawinsky’s „Le Sacre du Printemps" verglichen.
SPRECHER 1: Markevitch selbst meinte:
ZITAT: „Ich lernte, im Mythos des Ikarus eines der modernsten und
dramatischsten
Sinnbilder auszumachen, die mir bekannt sind: in verbranntem Zustand
sein
Ziel zu erreichen"! 11
SPRECHER 1: In seiner Autobiographie „Être et avoir
été"
schildert er die Höhenflüge und jähen Abstürze
während
seiner langjährigen und endlich aus eigener Kraft
überwundenen
Opiumabhängigkeit. Und über den konkreten Einfluß, den
die erlebten Rauschzustände auf sein charakteristisches
musikalisches
Idiom hatten, lesen wir darin das Folgende:
ZITAT: „Klänge (waren) dadurch gekennzeichnet, daß sie nie
ganz verschwanden. Wie Glocken oder Kristalle, die bis in alle Ewigkeit
nachzuhallen scheinen, zogen sich Akkorde in die Länge,
verflochten
sich miteinander und bildeten reine und abstrakte Melodielinien..."! 12
MUSIK: IGOR MARKEVITCH „L’ENVOL D’ICARE"
(6.Satz: „Où l’on apprend la chute d’Icare")
(in der Fassung für 2 Klaviere & Schlagzeug /
„Markevitch-Ensemble
Köln" / CD Polifonica Largo 5127)
SPRECHER 1: Die Drogenwirkungsforschung steht heute noch immer
erst am Anfang.
Das höchst komplizierte Wechselspiel von Nervenreizen, chemischen
Botenstoffen und Rezeptoren und die noch viel komplexeren
Verarbeitungsprozesse
von Sinneseindrücken im Gehirn sind längst noch nicht
hinreichend
verstanden.
Einige charakteristische Topoi scheinen allerdings weitgehend gesichert
- evident zum einen durch zahllose Selbstzeugnisse und auch durch
naturwissenschaftliche
Studien mittlerweile recht gut belegt.
SPRECHER 2: Psychoaktive Substanzen können demnach bestimmte Filter unseres Wahrnehmungssystems ausschalten und so eine Reizflut auslösen, welche das Gehirn zu ungewohnten Verarbeitungsstrategien provoziert, im Versuch, die kontinuierlich einströmenden Meldungen in irgendeiner halbwegs sinnvoll erscheinenden Form (vorzugsweise ästhetisch) zu strukturieren.
SPRECHER 1: Wie wir nicht nur von Markevitch hören, ändert sich unter dem Einfluß vieler Drogen zudem unser Zeitgefühl. Überbordende Formen müssen in diesem Zustand plötzlich nicht mehr unproportioniert erscheinen und das gleiche gilt für die ryhthmische Ebene.
SPRECHER 2: In einigen der eingespielten Musiken begegnete uns eine
repetitive, tendenziell ins Endlose weisende Rhythmik...
SPRECHER 1: ...wie wir sie aus kultischen Trance- und psychedelischen
Rockmusiken kennen.
SPRECHER 2: Und gerade damit scheint ein ideales Fundament gelegt für außerordentliches koloristisches Raffinement. Fast alle in dieser Sendung erwähnten Komponisten gelten in der Musikgeschichte denn auch als Virtuosen im Umgang mit Klangfarben und feinsten Nuancen.
SPRECHER 1: Am Rande erwähnt sei in diesem Zusammenhang, daß oft von synästhetischen Effekten die Rede ist in Schilderungen halluzinatorischer Zustände: vom „Farbenhören" also und vom „Tönesehen"!
SPRECHER 2: Wobei Komponisten wie Markevitch ihre Erkundungen von Obertonreihen oder das Experimentieren mit Viertelton-Intervallen selbst als einen sehr meditativen Prozeß beschreiben:
ZITAT: „Da jeder Klang eine ganze Welt mit unendlich vielen verschiedenen Harmonien ist, kann das Hören einer einzelnen Note mit dem Anblick eines Kometen verglichen werden, der entlang seiner Flugbahn den Himmel erleuchtet"! 13
MUSIK: noch einmal ein paar Sekunden MARKEVITCH
SPRECHER 2: Daß außerdem in „Tripmusiken" oft abgehoben
und geflogen wird - von Markevitch’s „Ikarus" bis zu Saint-Saens’
„Opium-Traum",
das dürfte eine Binsenweisheit sein und bedarf hier eigentlich
kaum
einer Erwähnung.
SPRECHER 1: Endlich Anlaß genug, sich einmal eingehender mit
dem
Einfluß von Psychedelika auf die Tonkunst zu beschäftigen,
sah
die Wissenschaft erst spät im 20.Jahrhundert. In den 60er Jahren,
als neben Haschisch, Opium und Kokain weitere, ungleich potentere,
bewußtseinsverändernde
Drogen in der Kunst- und nicht zuletzt der Musikszene auftauchten und
dort
schnell auch im Ästhetischen unüberseh- und
unüberhörbare
Spuren hinterließen.SPRECHER 2: Mit einem ganzen Arsenal
neuentwickelter
elektronischer Effektgeräte etwa versuchten Rockmusiker die
spektakulären
Sinneseindrücke von Rauschzustände zu imitieren und so in
musikalische
Formen zu übersetzen. SPRECHER 1: Doch nicht nur in der
populären
Musik waren die Auswirkungen von Drogen auf das musikalische Material
schließlich
unbestreitbar.SPRECHER 2: John Cage etwa, der als großer
Pilzkenner
mit hoch wirksamen mexikanischen Zauberpilzen (den Magic Mushrooms)
oder
auch mit LSD (einem Derivat des Mutterkornpilzes) experimentierte. Oder
man denke nur an Karlheinz Stockhausen und andere Pioniere der
elektronischen
Musik, die ihrerseits wiederum die Rockmusikavantgarde - vom
„Krautrock"
hierzulande bis zum „Acid-Rock" im Underground von San Francisco -
nachhaltig
beeinflußten. SPRECHER 1: Doch hiermit sind wir an einem Kapitel
angelangt, welches bereits andernorts und in all seinen Facetten
eingehend
besprochen worden ist. MUSIK: eventl. ein paar Takte JIMI HENDRIX im
Hintergrund
ZITATSPRECHERIN: „...die Liebe dauert nur zwölf Takte, und dann wird’s fürchterlich... Der Bey ordnet ein Gottesgericht an und bringt drei Pokale. In einem ist, nun ja, der Titel der Oper, von dem man erst wahnsinnig wird, um dann zu sterben. All dies geht natürlich rasend schnell, und Hama... stirbt bereits bei der letzten Zeile ihrer ‘Haschisch’-Arie in einem walzerseligen Delirium... ‘Das Ganze riecht zu sehr nach billiger Effekthascherei’ befand tags darauf die Leipziger Zeitung... und damit versank auch dieses Werk im Mülleimer der Kulturgeschichte"! MUSIK: (s.o.)
SPRECHER 1: Auch eine „Haschisch"-Operette soll es gegeben haben, aus der Feder eines gewissen Raffaele Delli Ponti, entstanden um 1910, ebenfalls spurlos verschwunden aus den Annalen der Musikgeschichte und auch dieses Œuvre dürfte, nüchtern betrachtet, vermutlich kaum einem höheren künstlerischen Anspruch genüge getan haben.
MUSIK: Schlusstakte des „HUMMELFLUG" (s.o.)
1) Hans-Georg Behr „Von Hanf ist die Rede"
(Zweitausendeins-Verlag
/ Frankfurt 1995) S.187
2) ebd. S.142
3) ebd. S.170f
4) ebd. S.148fff
5) ebd. S.159
6) Louis Lewin „Phantastica" (Parkland-Verlag / Köln 2000)
S.231
7) Behr S.201
8) ebd. S.200
9) ebd. S.200
10) ebd. S.203
11) Booklet zur CD „Igor Markevitch - L’envol d’Icare" / Largo
5127
12) ebd.
13) ebd.
xxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxx
SWR-„Musikfeuilleton“
(4.1.07)
„Allegro
con moto sportivo – TonkuNst und Leibesübungen“
(von Lutz Neitzert)
Musik-1: Kagel
„Match“ (bis ca. 0:15)
|
Musik-2: „Second Hymne Delphique a Appollon“
(ab
ca. 3:30) |
SPRECHER-1: Zunächst einmal gingen musikalische und
sportliche Rhythmen weniger künstlerische, eher praktische
Verbindungen ein. In den Gymnasien
(den „Nackt-Turnhallen“) des antiken Griechenland trainierten Gymnotribai
genannte Sportlehrer, spärlich bekleidete Athleten im Ringen,
Boxen, Speer- oder Diskuswerfen. Und unterstützt wurden diese
schweißtreibenden Übungen zur besseren Koordination der oft
komplizierten Bewegungsabläufe durch Flötenspiel, Trommeln
und Leiern. Zu den
erprobten Methoden der Leistungssteigerung von Olympioniken
gehörte also unverzichtbar auch ein passender Soundtrack
(neben allerlei mehr oder weniger erlaubten Mittelchen aus der Apotheke
und oft horrenden Preis- oder Bestechungsgeldern). SPRECHER-2: Die Sportstätten waren damals erfüllt
mit Musik und beliebte Treffpunkte auch für das interessierte
Publikum oder für Hobbysportler - wie etwa Sokrates, der, so sagt
man, ein kleines Kämpfchen durchaus zu schätzen wußte,
ehe er zu seinem nächsten philosophischen Höhenflug startete. |
SPR-1: Eine
ästhetisch anspruchsvollere Variante der Sportmusik entwickelte
man zur
gleichen Zeit in Sparta. Die Gymnopedien waren choreographierte
Kampftänze soldatischer Jünglinge...
SPR-2:
...die in manchen ihrer Formen vermutlich ein wenig an brasilianisches Capoeira
erinnert haben dürften.
SPR-1: Die überlieferten
Berichte zeitgenössischer Autoren beschreiben diese Klangwelten
(in Ermangelung
einer Notenschrift) leider nur äußerst unzureichend. So sind
wir bei der
Vorstellung und der Rekonstruktion auf mehr oder weniger gut
begründete
Vermutungen angewiesen.
SPR-2: Also
konnte zwei Jahrtausende später auch Erik
Satie beim seinem Versuch einer Nachempfindung der Fantasie
freien Lauf
lassen. Und in seinen „Gymnopédies“ agieren die fiktiven
Kämpfer dann in
reichlich pazifistisch anmutender Slowmotion:
Musik-3: SATIE
(in der Orchesterfassung von DEBUSSY) „Gymnopedie Nr.1“
|
Musik-4: (Paukenschläge, Peitschenknallen &
Rudergeräusche) |
SPR-1: Wie man weiß, gab es im Alten Rom
auch weniger freiwillige körperliche Anstrengungen. In der noch
ziemlich un-christlichen Seefahrt, unterdeck auf den Galeeren,
betrieb man eine ganz spezielle Form der |
SPR-2: Vor
allem aber die Inszenierung von sportlichen Großereignissen bekam
schon in der
Antike einen festlichen musikalischen Rahmen. Fanfaren und Hymnen, die
den
Wettkampf wie durch einen akustischen Vorhang vom Alltag trennen und
über
diesen hinausheben sollten. Ein Prinzip, an dem sich bis heute wenig
geändert
hat.
SPR-1: GEORG
FRIEDRICH HÄNDEL lieferte - ohne es zu ahnen - das Vorbild
für die wohl
bekannteste Hymne des Fernsehsports.
1992
nämlich vergab die UEFA einen Kompositionsauftrag an den
englischen Komponisten
Tony Britten. Eine Erkennungsmelodie sollte er schreiben für einen
neuen
Wettbewerb, die „Championsleague“. Und inspirieren ließ er sich
dabei von einem
Stück aus dem Jahr 1727. Händels „Zadok the Priest“:
Musik-5:
HÄNDEL „Zadok the Priest“
Musik-6:
„UEFA-Championsleague Hymne“
SPR-2: Im
Barock liebte man nicht nur die großen Gesten und den Pomp,
sondern ebenso sehr
das stilvolle Scharmützel – im höfischen
Unterhaltungsprogramm, auf der
Theaterbühne, auf der Jagd oder beim Militär.
So
gehörte (neben vornehmen Tischsitten, Perückenpudern und
Menuett-Tanzen) auch
das Fechten zum hochwohlgeborenen Erziehungsprogramm.
SPR-1: Und
eine „Musikalische Fechtschule“, die komponierte der Wiener
Hofkapellmeister
JOHANN HEINRICH SCHMELZER VON EHRENRUFF:
Musik-7: SCHMELZER Satz 5 aus „Musikalische
Fechtschule - Sonata à 4“ (ab ca. 1:30)
SPR-1: Das
höfische Publikum liebte solche Musica representativa,
solche malenden
und redenden Musiken. Und in Schmelzers Repertoire gab es noch so
Einiges mehr
davon: ein “Pferdeballett“ etwa oder auch eine anrüchige Festmusik
zum „Tag des
Furzes“.
Er
wuchs in einem Feldlager der österreichischen Armee auf, da sein
Vater während
des Dreißigjährigen Krieges Offizier gewesen ist, und so
wußte er aus eigener
Anschauung, daß das Säbelfechten der Gesundheit durchaus
abträglich sein kann.
Der letzte Satz seiner Sonata trägt demnach sicher nicht
zufällig den Titel:
„Der Bader“ – der Wundarzt also:
Musik-8:
(Beginn des 6. Satzes) „Der Bader“
SPR-2:
Fechtszenen eignen sich gut zur musikalischen Umsetzung – das
realisierte man
schon früh. Es gibt sie nicht nur in der Instrumentalmusik,
sondern auch in der
Oper: prominent in Mozarts „Don Giovanni“ oder in „Romeo et Juliette“
von
Berlioz.
SPR-1:
Überhaupt sind Zweikämpfe ein sehr dankbares Sujet
für einen
Tonkünstler.
Sie
ermöglichen ein exzessives Ausreizen innermusikalischer
Interaktionen zwischen
Instrumenten, Ensembleteilen oder gar, wie etwa in der Komposition
„Duel“ von
Iannis Xenakis, zwischen zwei kompletten Sinfonieorchestern, die er
einmal
nebst Dirigenten gegeneinander zum Showdown antreten ließ.
SPR-2: Der
amerikanische Musikprofessor, Komponist und Witzbold Peter Schickele wiederentdeckte
einen von ihm selbst erfundenen und von der Musikgeschichte bis dahin
aus gutem
Grund ignorierten, zutiefst unmusikalischen Sohn Johann Sebastian
Bachs, von
dessen Vornamen nur die drei Initialen überliefert sind: P.D.Q. -
aus Wein
am Rhein. Und in dessen Oeuvre findet sich (neben allerlei
Unsäglichem)
auch ein schönes Exempel für das eben Gesagte.
SPR-1: Die
„Echo-Sonata for two unfriendly Groups of Instruments“ (die “Echosonate
für
zwei verfeindete Instrumentengruppen”):
Musik-9:
P.D.Q. BACH (alias Peter Schickele): “Echo-Sonata for two unfriendly
Groups of
Instruments” (ab ca. 2:05 bis 3:10)
SPR-2: Seit
dem 19. Jahrhundert aber verstand die bürgerliche Musikkritik
zumeist wenig
Spaß, wenn es um Solcherlei ging. Das dürfte auch ein Grund
dafür sein, warum
es in der Musikgeschichte so erstaunlich wenige explizite Sportmusiken
gibt –
vergleicht man es etwa mit den inflationären Naturbildern,
ländlichen Idyllen
oder auch militärischen Themen.
SPR-1:
Hans-Dieter Krebs meint in einem Buch über die „Liaison von Sport
und Musik“:
ZITAT: „Die
offenbare Voreingenommenheit mancher Angehöriger der
Kritiker-Zunft gegenüber
dem als a-kulturell eingeschätzten Feld der leiblichen
Aktivitäten ohne
Musikinstrumente sorgt auf Seiten der Künstler offenbar für
Zurückhaltung!“ 2
SPR-1:
Sportmotive provozieren innere Bilder. Und genau dieser Effekt und
Aspekt rief
die Verfechter einer absoluten, einer autonomen Musik
auf den
Plan. Vorstellungen außermusikalischer Art lenkten den Hörer
viel zu sehr und
viel zu billig ab vom Innermusikalischen, vom Eigentlichen
der
Komposition, von ihrer (mehr oder weniger) kunstvollen Architektur.
Zu
akzeptieren seien solche plakativen Vorgaben allenfalls noch als
Verständnishilfe für Kinder oder bildungsresistente Banausen.
SPR-2: Auf
Seiten der Musiker allerdings zogen Einige daraus gerade die
gegenteilige
Schlußfolgerung.
Sportsujets
legitimieren nämlich quasi aus sich heraus selbst dissonanteste
Momente und
komplexeste Strukturen – als Abbild des darzustellenden Ereignisses.
SPR-1: Eine
Chance ihre immer komplizierter werdenden Klanggebilde der
Zuhörern durch Programme
verständlicher zu machen, erkannten einige prominente Neutöner
des 20.
Jahrhunderts. Zumal sie sahen, daß auch der Unmusikalischste im
Kinosessel, im
sinnstiftenden Rahmen einer Filmmusik, klaglos die schrägsten
Mißtöne ertrug,
daß sich Hollywood-Komponisten akustische Zumutungen erlauben
durften, die
ihnen im Konzertsaal wüste Beschimpfungen eingetragen hätten.
Was lag also
näher, als den Hörern innere Film-Bilder an die Hand
zu geben.
SPR-2: Das
dachte sich wohl auch Joseph
Matthias
Hauer, als er 1927 eine Suite als
“Musik-Film”
deklarierte – ein Satz (oder besser: ein Sätzchen) daraus
trägt den
Titel "Sport":
Musik-10: hauer (in der Orchesterfassung von J. Schöllhorn):
“Sport“ (aus
„Musik-Film op.51” / ab 3:30 bis 4:05)
SPR-2: Ein
anderes Werk nannte er „Harte Auseinandersetzung“ – und er selbst hatte
eine
ebensolche Zeit seines Lebens mit seinem Wiener Kollegen und
Konkurrenten
Arnold Schönberg, dem er den Rang des Erfinders der
„Zwölftonmusik“ streitig
machen wollte. Aber das ist eine andere Geschichte.
SPR-2:
Notabene: Der 12-Ton-Meister Alban Berg fieberte als
leidenschaftlicher
Fan an jedem Wochenende mit jener 11 von „Rapid Wien“, die in
den 20er
und 30er Jahren in der Fußballwelt wegen ihrer virtuosen
Schönspielerei verehrt
oder verachtet wurde. Aber auch das ist eine andere Geschichte.
SPR-1:
Ebenso berühmt wie für seine akustischen Bürgerschrecks
ist die
österreichische Hauptstadt in der Musikwelt jedoch für viel
viel schönere,
Kaffeehaus- und Prater-taugliche Melodien:
Musik-11: JOSEF
STRAUSS „Sport-Polka op.170“
SPR-1: Die
„Sport-Polka op.170“ von Josef
Strauss.
Die
Großmeister des „Wiener Walzers“, die Strausse und die Lanners,
hatten ein
besonderes Faible für Sport – insbesondere für unbeschwerte
sportliche
Freizeitaktivitäten bei Sonnenschein am Ufer der schönen
blauen Donau oder im
Schnee. Sie schrieben Walzer, Polkas, Quadrillen und Galopps über
das Reiten
und das Rodeln, das Eislaufen und das Segeln, eine „Sturmlauf-Polka“
für den Wiener
Turnverein gibt es oder auch – als ersten Anklang an modernere
Zeiten –
einen „Motoren Walzer“.
SPR-2: Im
gleichen Geist komponierte später dann ein anderer
alpenländischer Komponist,
der Schweizer Toni Leutwiler,
ein
Kabinettstückchen über das Wasserskilaufen:
Musik-12:
LEUTWILER: „Wasserski“ (aus der „Sommer Suite“)
SPR-1:
Beliebt als Ort und Medium der Freizeitgestaltung war zu allen Zeiten
das
Wasser...
SPR-2:
...auch unterhalb des Gefrierpunktes.
SPR-1: Aus
der Sicht eines Musikers sind Schlittschuhlaufen oder Skifahren ideale
Vorbilder für beschwingtes Schwelgen in Legati und Glissandi.
SPR-2: Nicht
zufällig verwendet man andererseits häufig klassische Musiken
beim Eiskunstlauf
oder im Eistanz...
SPR-1: ...am
spektakulärsten bei der Olympiade 1984, als des englische Paar
Jayne Torvill
und Christopher Dean vor begeisterten Zuschauern und Preisrichtern
Ravels
„Bolero“ auf die Eisfläche zauberte. (Neun Mal 6,0 - die
Höchstnote!)
SPR-2: Schon
Vivaldi läßt
im „Winter“ seiner
„Vier Jahreszeiten“ einen Schlittschuhläufer seine Pirouetten
drehen – ehe er
dessen Übermut bestraft und ihn zuletzt einbrechen läßt
ins Eis (und in f-Moll):
Musik-13:
VIVALDI „Vier Jahreszeiten - Winter“ (ab ca. 1:10)
SPR-1:
Gerade die motorischen Desaster oder aber entfesselte Aggressionen
bieten
geradezu ideale musikalische Gestaltungsfreiräume.
SPR-2: Auch
der Sankt Petersburger Komponist Alexander
Tscherepnin kannte die Empfindlichkeiten des Publikums
gegenüber
Angriffen auf geliebte Ohrwürmer.
Und so
versuchte auch er es mit erklärenden Programmen. Etwa in
seiner „Sonatine
Sportive für Saxophon und Klavier“ – daraus der 1. Satz: Das
„Boxen“.
Musik-14:
TSCHEREPNIN (den ersten Satz: „Boxen“ aus) „SONATINE SPORTIVE für
Saxophon und
Klavier“
SPR-2: Schon
unter seinen früheren Werken finden sich einige zu unserem Thema:
das
Ballett “Training op.37” oder auch ein spezielles „Boxtraining für
Kammerorchester“.
SPR-1: Unter
russischen (bzw. sowjetischen) Komponisten stand er mit seinem
Bewegungstalent
nicht allein. Aram Chatschaturjan (berühmt durch seinen
„Säbeltanz“) schrieb
ein Stück mit dem Titel „Rhythmische Gymnastik“ und Dmitri
Schostakowitsch integrierte in seine musikalische Schilderung der
„Erlebnisse
eines Tages“ sowohl eine „Morgengymnastik“ als auch einen „Wettlauf“.
SPR-2:
Ziemlich genau ein Jahrhundert früher gab es schon einmal eine
Musikergeneration, die Lust hatte am Experimentieren, aber nicht immer
ein
geneigtes Publikum dafür fand.
Der
Berliner Kritikerpapst Ludwig Rellstab schmähte die Werke des
Schweden Franz Berwald
als...
ZITAT:
„...schreckliche Zukunftsmusik !“ 3
SPR-1:
Dieser abschätzig gemeinte Begriff wurde in erster Linie gegen
Liszt, Wagner
und ihre Schüler verwendet und meinte, daß da einige
Größenwahnsinnige am Werk
seien, die das zeitgenössische Publikum verachteten und ihm nicht
geben
wollten, was ihm zusteht – verständliche Musiken zur guten
Unterhaltung.
SPR-2: Bei
Berwald richtete sich dieser Vorwurf vor allem gegen seine
ambitionierten
Kammermusiken und sicher weniger gegen ein Orchesterstück wie das
nun folgende.
SPR-1: Ein
„Wettlauf in C-Dur“!
SPR-2: Auf
die Plätze, fertig und los:
Musik-15: FRANZ
BERWALD “Der Wettlauf – Etude für Orchester” (die ersten Takte bis
ca. 0:40)
SPR-1:
Franz Berwald besaß
übrigens ganz besonders intime Kenntnisse der
menschlichen Körpermotorik. Als Musiker konnte er nicht
existieren, und so
gründete er zum Broterwerb in Berlin ein
gymnastisch-orthopädisches Institut,
in welchem er die Lehren eines damals in ganz Europa berühmten
Landsmannes propagierte
und anwendete - die „Schwedische Gymnastik“ nach Per Henrik Ling.
Am
Ende seines Lebens wurde ihm dann allerdings auch als Künstler
noch eine späte
Würdigung zuteil und man verlieh ihm in Stockholm den
„Polarstern-Orden“.
SPR-2: Und
nun erreichen sie die Zielgerade. Ein spannender Endspurt:
Musik-16:
(...die letzten Takte ab ca. 7:50)
SPR-1:
Kritikern, Kennern und Kollegen konnte man es als Komponist selten
einmal recht
machen. Sie runzelten gerne die Stirnen darüber, wenn da einer
allzu offensichtlich
und, wie sie meinten, zu trivial mit Tönen malte.
SPR-2:
„Mickeymousing“ sollte das entsprechende Schimpfwort ein Jahrhundert
später
heißen - entlehnt einem neuen Medium, dem Zeichentrickfilm. Eine
Geringschätzung, die eine Gruppe von Musikern eigentlich
völlig zu unrecht
diskreditiert. „Mickeymousing“ ist hartes und vor allem
äußerst präzises
Kunsthandwerk. Und auch in der Cartoonmusic waren
natürlich Wettrennen
und Verfolgungsjagden äußerst beliebt. In den amerikanischen
Filmstudios
übernahmen hochbegabte Tonsetzer wie etwa CARL STALLING die
schwierige Aufgabe,
den skurrilsten Ausgeburten menschlicher Fantasie akustisches Leben
einzuhauchen – so illustren Gestalten wie Tom & Jerry, Speedy
Gonzales oder - dem Roadrunner:
Musik-17: CARL STALLING: Sequenz aus “Porky’s Preview
&
There they go-go - Road Runner Music”
SPR-1: Was
aber wäre denn nun eine Sportmusik, die höchsten
Ansprüchen genügt?
SPR-2: In
ihren besten Momenten sind solche Kompositionen vielschichtige
Zusammenhänge
von Bewegungsdarstellungen einerseits und Darstellungen von durch
Bewegungen
hervorgerufenen Gefühlswallungen andererseits, zugleich
Milieuschilderungen und
subjektive Kommentare.
|
Musik-18a: MARTINU: „Half-Time“
(der Beginn) Musik-18b: (... ab ca. 5:30) |
SPR-1: Einer der gelungensten Versuche stammt von dem
tschechischen Komponisten BOHUSLAV MARTINU. In seinem Orchester-Rondo
„Half-Time (Halbzeit)“ schilderte er die akustischen und emotionalen
Ereignisse rund um ein Fußballspiel. Im Vordergrund die bewegte
und aufs Äußerste erregte Masse der begeistert mitgehenden
Zuschauer, im Hintergrund skizziert das turbulent wogende
Spielgeschehen. SPR-2: Auch das bedrohliche Brodeln auf den
Rängen, die Aggressivität der Fans fängt das Stück
ein. Und dabei hätte er statt des Fußballpublikums durchaus
auch jenes Publikum zum Vorbild nehmen können, welches die Prager
Uraufführung seines Werkes 1924 zu einem Skandal gemacht hatte. SPR-1: Sein Freund, der Schriftsteller Vitezslav
Nezval, kommentierte eine Ballettkomposition Martinus: ZITAT: „Wir werden die Möglichkeiten eines neuen
Balletts studieren, eines Balletts auf der Straße, in Manegen und
Tanzlokalen, überall dort, wo Bewegung natürlich
exponiert ist. Wir werden seine spontanen Ausdrucksweisen bei
Fußball- oder Boxwettkämpfen suchen!“ 4 |
SPR-1: Der
moderne Wettkampfsport ist eine britische Erfindung.
Und
über die Geburtsstunde des erfolgreichsten modernen Spiels, des
FUSSBALLS, sind
wir detailliert informiert. Nach allem, was wir wissen, muß es
hoch hergegangen
sein damals, am 26. Oktober 1863, in der Londoner „Freemason’s Tavern“
(der
„Freimaurerschenke“ also). Wichtigster Punkt auf der Tagesordnung war
die
moralisch wie spieltechnisch bedeutsame Frage: Darf man einen
andersfarbig
gekleideten, kurzbehosten Mitmenschen vorsätzlich treten oder ihn
sonstwie
durch Einsatz roher Gewalt niederstrecken? Nun, die Meinungen der
Gentlemen
darüber gingen, wie sich im Verlauf der Sitzung zeigen sollte,
weit
auseinander. „To hack or not to hack?“ So überschrieb der
Fußballhistoriker
Christoph Bausenwein, frei nach Shakespeare, das Debattenthema, welches
die
Vertreter von elf Clubs und Schulen hitzig ausdiskutierten, um am Ende
den
ersten nationalen Fußballverband zu gründen. Und dazu
bedurfte es zunächst einmal
eines verbindlichen Regelwerks. Als konkreter Vorschlag lag dabei jener
Entwurf
auf dem Kneipentisch, welchen die Universität Cambridge für
das Fußballspiel
ausgearbeitet hatte. Und darin verbot §14 ausdrücklich das
„Stossen, Halten mit
den Händen, das Beinstellen und das Gegen-das-Schienbein-Treten!“
Die Abordnung
der Universität Rugby wollte dagegen sowohl das Tragen des Balles
mit den
Händen gestatten als auch das Rempeln, Treten und Festhalten des
Ballführenden
und die Erlaubnis, ihm das Leder unter Anwendung körperlicher
Gewalt
abzuringen. Lediglich ein gleichzeitiges Halten und Treten hätte
dann auch in
ihren Augen die Grenze des Fairplay ein wenig
überschritten. Es waren,
wie gesagt, äußerst erregte Auseinandersetzungen. Die
entscheidende Abstimmung
brachte schließlich 13 zu 4 Stimmen gegen das „Hacking“ –
woraufhin die
Rugby-Fraktion – vermutlich mit der Faust in der Tasche und irgendwas
über Verweichlichung
und Muttersöhnchen grummelnd – den Saal verlassen hat. Die
verbliebenen
Abgeordneten gründeten daraufhin quasi am Tresen den ersten
Fußballverband, die
„Football Association“. So entstand ein aus medizinischer Sicht
empfehlenswerteres Spiel...
SPR-2:...und
aus musikalischer Sicht eines mit einem ganz neuen, anderen,
fließenderen
Rhythmus.
SPR-1: Doch
das gefiel in Musikerkreisen offenbar nicht jedermann. Arthur
Honegger meinte:
ZITAT:
„Rugby scheint mir spontaner,
direkter, natürlicher als Fußball,
der etwas Wissenschaftliches an sich hat. Zwar kenne ich den mit
Verstand
vorbereiteten Ablauf eines fußballerischen Angriffs, doch bin ich
vom wilden,
harten, ungeordneten, verzweifelten Rhythmus des Rugby mehr
fasziniert....!“ 5
SPR-1:
Und dies dokumentierte er in
einem Mouvement symphonique
über ein Rugby-Match:
Musik-19:
HONEGGER „Rugby” (der Beginn)
ZITAT:
„Es wäre falsch, mein
Stück als Programmusik zu bezeichnen.
Es möchte ganz einfach die Angriffe und Gegenangriffe während
des Spiels, die
Bewegung und die Buntheit eines Matches im Pariser `Stade de
Colombes´ in
meiner musikalischen Sprache ausdrücken!“ 6
SPR-1: Eine
gewisse Vorliebe fürs Archaische manifestierte sich auch
in einem
anderen Stück aus seiner Feder:
SPR-2: Dem
„Schteinstosse“ aus der Suite „Schwizer Fäschttag“!
SPR-1: Nicht
verschwiegen werden soll allerdings, daß er auch ein Rollschuhballett
geschrieben hat.
SPR-2: Seine
Entscheidung für das Rugby und gegen den Fußball ist auch
deshalb interessant,
weil er vermutlich Augenzeuge gewesen ist eines folgenreichen
sporthistorischen
Ereignisses.
Arthur
Honegger nämlich saß in der Kunstjury bei der Olympiade 1924
in Paris. Und dort
dürfte er hautnah miterlebt haben den ersten spektakulären
Auftritt
südamerikanischer Ballzauberer auf dem europäischen Rasen.
Für die hiesigen
Balltreter ein geradezu traumatisches Erlebnis.
ZITAT:
„Europa hatte noch nie einen Schwarzen, einen `Neger´,
Fußball spielen sehen.
Bei den Olympischen Spielen begeisterte der Uruguayer José
Leandro Andrade mit
seinen brillanten Spielzügen. Bei einem der Spiele lief er mit dem
Ball auf dem
Kopf über den halben Platz. Die Zuschauer jubelten ihm zu, die
Presse nannte
ihn `das schwarze Wunder´. Als das Turnier vorüber war (und
Uruguay
Olympiasieger), da beschloß Andrade, noch eine Weile in Paris zu
bleiben. Dort
lebte er fortan wie ein Bohemien und König der Nachtclubs...!“
7
SPR-2: Von
Hause aus war Andrade übrigens Sänger, Tänzer und
Klavierstimmer !
|
Musik-20: PIXINGUINHA:
„Um a Zero (1 zu 0)“ |
SPR-1: Und nun hören wir eine der ganz wenigen
instrumentalen Fußballmusiken. Etwa
zur gleichen Zeit, als Honegger dem Rugby huldigte - und damit einem
Spiel, in welchem alle Aktionen schon nach wenigen Sekunden im
Getümmel zu enden pflegen – da versuchte in Rio de Janeiro – im
Schatten des Stadions „Maracana“ - PIXINGUINHA, der Meister des
„Choro“, den bis dahin größten Triumph einer brasilianischen
Nationalmannschaft in Töne zu übersetzen, und dabei den
leichtfüßig schwerelosen Stil der „Seleção“
einzufangen. Im
Endspiel des Südamerika-Cup 1919 schlug man Uruguay mit
1-0. Und „Um a Zero (1 zu 0)“ heißt denn auch das Stück. SPR-2: Der umjubelte Torschütze, und bis heute
neben Pelé im Lande berühmteste Fußballer, hieß
Artur Friedenreich. Seine Mutter war eine schwarzafrikanische
Wäscherin, sein Vater ein Ingenieur aus Hamburg. Er
beansprucht übrigens das Urheberrecht für eine der
schönsten Künste, die es auf dem Fußballplatz zu
bewundern gibt: den Schuß mit Effet ! |
SPR-1: Nicht
nur die Rugby-Fraktion verfluchte die Kicker. Hierzulande waren ihre
natürlichen Feinde lange Zeit die Turner. Und die
wetterten nicht
zuletzt aus ästhetischen Gründen gegen die
„Fusslümmelei“, wie sie es
nannten.
1898
veröffentlichte ein Stuttgarter Turnlehrer namens Karl Planck
wutentbrannt eine
vielzitierte Streitschrift...
ZITAT: „Über
das Stauchballspiel und die englische Krankheit:
Zunächst
ist jene Bewegung - der Tritt gegen einen Fußball - ja schon, auf
die bloße
Form hin gesehen, häßlich. Das Einsinken des Standbeins ins
Knie, die Wölbung
des Schnitzbuckels, das tierische Vorstrecken des Kinns erniedrigt den
Menschen
zum Affen. Welcher Bildhauer würde sich von einer solchen
Erscheinung zu
künstlerischer Darstellung begeistern lassen? Unsereiner erlaubt
sich also
nicht nur diese Errungenschaft englischen Aftersports gemein,
sondern
auch lächerlich und widernatürlich zu finden. Ei, so sieh ihn
doch an, den
feuchtohrigen Laffen, wie er mit seinen bunten, frisch aus Albion
geholten Flicken und dem breitesten englischen Bulldoggengesicht dem
erstaunten
Rapsbauern sein `half time´ und `full-back´
entgegenfletscht! Wer das
mitansehen muß, dessen Geduld ist `out´; er macht einen
wütenden `try´, den
ganzen Fußball-`match´ mit einem `kick´ in die Luft
zu sprengen!“8
SPR-1: Und
die strammen Turnväter und –söhne, die hatten außerdem
bereits ihre ureigenen
Musiken, in welchen sich die strengen Choreographien ihrer
Brust-raus-Bauch-rein-und-hoch-das-Bein-Exerzitien
ausdrückten.
SPR-2: 1926
komponierte LeoS Janacek
für die
Turnbewegung „Sokol“ eine „Musik zum Keulenschwingen“:
|
Musik-21: JANACEK
„Musik zum Keulenschwingen“ |
SPR-1: Kraftvoll pendelnde Bewegungen, ein gesittetes
Publikum, keine Tumulte oder überschnappende Emotionen -
Leibeszucht im strengsten Sinne. SPR-2: Interessant ist der Adressat dieser
Komposition. Selbst Mitglied eines „Sokol“-Vereins, hatte Janacek auch
seiner vielgespielten „Sinfonietta“ ein turnerisches Motiv
zugrundegelegt. Jenes Werk entstand aus der Fanfare für ein
Turnfest. „Sokol“
(Der Falke) wurde 1862 in Prag gegründet und wurde zu einer
nationalistisch geprägten, über das sportliche hinaus auch
politisch aktiven Sammelorganisation des Panslawismus – ganz nach dem
Vorbild des ebenfalls patriotisch gesinnten deutschen Turnerbundes. |
SPR-2: Von
seinem Stammplatz im Pariser Bohème-Viertel Montmartre
aus machte sich
ERIK SATIE gerne auch einmal lustig über all die blasierten Snobs
und die
verbissenen Ehrgeizlinge im Umfeld der Sportplätze. Und eine
schöne Gelegenheit
dazu bot sich ihm, als er 1914 den Auftrag erhielt, eine Reihe von
Zeichnungen
des Malers Charles Martin zu vertonen. Strawinsky hat zuvor
entrüstet
abgelehnt, weil ihm das angebotene Honorar als geradezu
ehrenrührig mickrig
erschienen war, Satie aber dürfte ob der für seine
finanziellen Verhältnisse
geradezu astronomischen Summe einen Freudensprung gemacht und sich ein
Gläschen
vom besten Absinth bestellt haben. Und inspiriert von der „Grünen
Fee“ (dem
Geist des Wermuts) ging er sogleich ans Werk. Mit pechschwarzer Tinte
auf roten
Notenlinien schrieb er zwanzig sekundenkurze Klavierminiaturen. Der
Titel der
Sammlung: „Sports et Divertissements (Sport und Vergnügungen)“.
Mit relativ
geringem kompositorischen Aufwand, aber viel Witz, entstanden so kleine
Pretiosen, die sich unter den humorvolleren Klassikhörern bis
heute zu Recht
größter Beliebtheit erfreuen.
SPR-1: Nummer 10 - „Das Golfen“:
Musik-22: SATIE
„Golf“ (aus “Sports et Divertissements”)
SPR-1:
Sich in den spezifischen
Rhythmus des jeweiligen Spiels
einzuklinken, um ihn dann bewußt zu übertreiben, zu
deformieren, zu
persiflieren, und gleichzeitig auch noch gewissermaßen eine
Milieustudie zu
zeichnen. Das war seine große Kunst.
SPR-2: Auch
einigen begleitende Verse hat Satie zu den Bildermusiken verfasst. Etwa
über
„Tennis“:
Musik-23: SATIE
„Tennis“
(„Play?
Yes! Guter Aufschlag. Was hat er für schöne Beine! Er hat
eine schöne Nase.
Geschnittener Aufschlag. Game!“)
SPR-1:
Sein persönlicher Freund
und künstlerische Widerpart, Claude
Debussy, nahm den Tennisplatz als Spielfeld für sein Ballett
„Jeux“ – einer
erotischen Eifersuchtsszene mit weißen Röckchen, Bällen
und Schlägern. Und auch
ihn reizte natürlich – neben den optischen Schönheiten – der
typische
hypnotisch-meditative Rhythmus.
SPR-2: Beim
heutigen Power-Tennis - „Aufschlag-Ass-Fifteen-Love“ - kommt es
allerdings auf dem Centrecourt nach dem Ping
höchtens noch zu
ein-, zweimal Pong. Seit den Zeiten Boris `Bumm-Bumm´
Beckers ist das
musikalisch doch eher unergiebig.
SPR-1:
Daneben gab und gibt es aber
immer auch die unverhohlene Sehnsucht
der Schöngeister nach dem vermeintlich Rohen, Urwüchsigen und
Schmutzigen -
nach
der Working Class-Atmosphäre bestimmter Sportarten und
nach
existentiellen Grenzerfahrungen – zum Beispiel im Boxring:
Musik-24: aus
BRECHT & WEILL „Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny“ (2.
Akt)
("Erstens
kommt das Fressen, zweitens kommt der Liebesakt, drittens das Boxen
nicht
vergessen, viertens das Saufen, laut Kontrakt...")
SPR-2:
Bert
Brecht und sein Komponist Kurt Weill schildern in
ihrer Oper den
„Aufstieg
und Fall der Stadt Mahagonny“, und darin ein Preisboxen
- mit
tödlichem Ausgang.
Dreieinigkeitsmoses
erschlägt vor johlendem
Publikum Alaskawolf Joe und
offenbart damit zugleich die menschenverachtende Brutalität eines
im
Kapitalismus entarteten Sports.
SPR-1: Jene halbseidene
Unterwelt, die Brecht und Weill besingen ließen, die
inspirierte auch
andere Komponisten dazu, sich einmal musikalisch dem Seilquadrat zu
nähern.
Der
Rumäne Filip Lazar komponierte 1918 eine symphonische
4-Minuten-Runde im
„Ring“, von Ernst Krenek gibt es aus den 20er Jahren eine Oper mit dem
Titel
„Das Schwergewicht oder die Ehre der Nation“ und Rugby-Freund Honegger
lieferte
in den 40ern die Filmmusik zu einer Dokumentation über die
„Geschichte des
Boxens in Frankreich“.
SPR-2:
Ganz sicher jugendfrei ist
dagegen das folgende Klavierstück
aus dem „Mikrokosmos“ von BELA BARTOK: „Der Ringkampf“.
Musik-25:
BARTOK „Der Ringkampf“ (aus „Mikrokosmos“)
SPR-2:
Gedacht als eine Etüde
für den Musikunterricht. Überhaupt finden
sich Sportszenen nicht selten in Kinder-Lehrstücken.
SPR-1: Doch
verlassen wir nun die Alte und werfen einen Blick in die Neue
Welt.
Die
Vereinigten Staaten wurden im 20. Jahrhundert zur führenden
Sportnation und
natürlich vertonten amerikanische Komponisten mit Vorliebe typisch
amerikanische Sportarten:
SPR-2: Ein
ausgemachter Sport-Enthusiast war Charles
Ives aus Danbury/Connecticut.
Das
erste Stück, das wir von ihm hören werden, „Baseball
Take-Off“, enthält eine
etwas verwirrende Anweisung, nach der es beendet werden sollte durch
einen...
ZITAT:
„...KO-Akkord – mit einem Baseballschläger !” 9
Musik-26: IVES: „Baseball Take-Off“ (aus “Studies for
Piano /
Nr. 23”)
SPR-2: Im
gleichen Opus gibt es noch ein weiteres Baseball-Werk: „Some South-Paw
Pitching
(Einige Linkshänderwürfe)“.
SPR-1: Sein
sportmusikalisches Hauptwerk aber war das „Yale-Princeton Football
Game“.
Ähnlich
wie Honegger liebte er an der amerikanischen Version des Rugby vor
allem die
Härte.
SPR-2:
Nebenbei bemerkt! Ein Spiel, welches fast ausschließlich mit den
Händen
gespielt wird, „Football“ zu nennen, das kann vermutlich nur den
Amerikanern
einfallen!?
SPR-1: Die
Partien zwischen den Universitäten Yale und Princeton
hatten eine
lange Tradition und fanden als Saisonhöhepunkte in der sogenannten
Ivy-League
statt.
Ives
(selbst sowohl ein aktiver Base- als auch Football-Spieler) studierte
damals in
Yale und beschreibt das Stück als eine...
ZITAT:
„...Karikatur in zwei Halbzeiten von jeweils zwei Minuten!“ 10
|
Musik-27: IVES „The Yale-Princeton
Football Game“ |
SPR-1: Es gibt einige schöne
autobiographische Zitate von ihm über das Wechselspiel
zwischen Sport und Kunst. ZITAT: „Als Knabe schämte ich mich bis zu einem
gewissen Grad der Musik. Wenn andere Jungs in den Schulferien Ball
spielten, hatte ich oft ein schlechtes Gefühl dabei, Klavier zu
spielen !“ 11 SPR-1: Sein Baseball-Team waren die Alerts und
in seinem Tagebuch findet sich in jungen Jahren eine vielsagende
Mischung aus Anmerkungen über seine sportlichen und seine
musikalischen Ambitionen: ZITAT:
„ 30. Mai – es hat
geregnet – wir schlugen die Fountain Boys 26 zu 12 ! Die
Musikstunde bei Mr. Hall ist ausgefallen! 22.
Juni – 3 zu 9 Niederlage gegen Flushing ! 6. Juli
- 6 zu 16 Niederlage gegen den YMCA !“ 12 ZITAT: „Beim Aufräumen meines Hauses fielen mir
einige Skizzen und Manuskripte zu Orchesterwerken in die Hände,
die viele Jahre zuvor, noch während meiner Studienzeit, entstanden
waren - darunter das Football-Spiel Yale-Princeton. Es
ist dies ein gutes Beispiel dafür, daß man, wenn man so
etwas musikalisch veranschaulichen will, ganz selbstverständlich
auf klangliche und rhythmische Kombinationen stößt, die sich
abseits aller Normen der regelhaften Musik bewegen. Will man so
etwa die Aufregung, die Geräusche und Lieder darstellen, die vom
Spielfeld und der Tribüne her tönen, so kann man das nicht
mit einer feinen Fuge in C-Dur tun. Ein Football-Spiel durch
Klänge darzustellen, würde bestimmt jedermann, auf die
gleiche Idee von Klangkombinationen bringen. Will man beispielsweise
eine Keilformation darstellen, was ist dann natürlicher, als
daß zuerst alle Spieler in Form der chromatischen Tonleiter
traubenförmig aneinanderhängen und sich dann allmählich
auf eine einzige Note am Ende konzentrieren? Die Spannung und Aufregung
der Zuschauer: auf-und absteigende Streicherfiguren und immer wieder
Tremolos auf den leeren Saiten. Schlachtrufe - Laufen mit dem Ball:
schnelle, sich verfolgende Trompetenfiguren etc. etc. Natürlich
und lustig anzuhören - aber schwer zu spielen !“ 13 SPR-1: Beim US-Publikum allerdings stieß seine
avantgardistische Skrupellosigkeit auf ein sehr geteiltes Echo. ZITAT: „Ich muss hinzufügen, daß viele
dieser Stücke als eine Art Etüde gedacht waren, d.h.
als Stücke, in denen mit Klängen, Rhythmen etc.
experimentiert wurde. Und zwar auf eine Art, die höflicherweise
als `Improvisation´ - von meinen Mitbewohnern jedoch als
`Ruhestörung´ bezeichnet wurde. Einiges davon wurde
aufgeführt - oder eher: ausprobiert - was normalerweise mit einer
Schlägerei oder in lautem Gezisch endete !“ 14 SPR-1: Nicht wenige Konzerte mündeten also quasi
in „sportliche“ Aktivitäten der Zuhörer. Und da Ives selbst
eine gewisse Kampfeslust besessen hat, genoß er es durchaus, sich
einem mißmutigen Publikum selbstbewußt entgegenzustellen.
Eingefangen hat er die erhitzten Debatten und künstlerisch
verarbeitet dann in einem seiner Hauptwerke, in einem vorsätzlich
auf Krawall gebürsteten Streichquartett, welchem er neben
der Nummer 2 noch den Untertitel „Arguments“ (Streitereien) gab und
Sätze mit den Spielanweisungen „Allegro con fisto - con
scratchy und als Finale ein con fistiswatto“! |
SPR-1: Zu
Amerika gehört natürlich unvermeidlich auch der Wilde
Westen ! Und zum Wilden
Westen gehören – Cowboys und Pferde!
SPR-2:
„Rodeo“ heißt ein Ballet von AARON COPLAND.
Ein
Tanzstück, witzigerweise bestellt ausgerechnet von einer
russischen Tanztruppe,
vom „Ballet Russe de Monte Carlo“!
SPR-1: Der
Inhalt in aller Kürze: ein toughes Cowgirl besiegt die Cowboys im
Rodeo,
bekommt aber natürlich einen Ehemann erst, als sie sich
demütig entschließt,
endlich ein Blümchenkleid anzuziehen und die Reitstiefel fortan an
den Nagel zu
hängen.
Musik-28:
COPLAND (Satz 1 „Buckaroo Holiday“) aus „Rodeo“
SPR-1:
Ein vollkommen anderes Ambiente
hat der Pferdesport in Europa.
Die
Rennbahn ist hier ein beliebter Tummelplatz der „High-Society“...
Musik-29: (kurz
dazwischenblenden) (Loriot bzw. Bendow & Krüger) (ab ca. 1:55)
„Wo laufen
sie denn...“
SPR-2: ...
und das provozierte natürlich viele Künstler zu ironischen
Studien über
befrackte Herren, gut behütete Damen und hochnäsige
Aristokraten.
SPR-1:
Selbstverständlich auch einen ERIK Satie:
Musik-30:
SATIE: „Pferderennen“
(„Der
Wiegeplatz. Kauf des Programms. Zwanzig und Zwanzig. An die Startlinie.
Los!
Die, die ausbrechen. Die Verlierer – spitze Nasen und hängende
Ohren!“)
SPR-1:
Hören wir nun zum Abschluß noch einen letzten kurzen Ballwechsel
aus dem
„Match für drei Spieler“ von Mauricio
Kagel, das unsere Sendung auch eröffnete.
SPR-2: Das Plop-Plop-Duell
hat Kagel gewissermaßen nächtens heimgesucht. Ein Traum
legte den Grundstein
für seine Komposition:
ZITAT: „Als
ich am Morgen des 1. August 1964 erwachte, wurde mir plötzlich
bewußt, daß ich
den Gesamtablauf eines musikalischen Stückes geträumt hatte,
und zwar in
unglaublich detaillierter Weise. An alle Einzelheiten konnte ich mich
noch
erinnern, vor allem natürlich an die Aufstellung der beiden
Cellisten - jeder
fast an der Rampe in einer der Bühnenecken - und dazwischen der
Schlagzeuger
als Vermittler und Schiedsrichter. Aufführungsanweisungen
und
Klangtypen, Anschlagsarten und Gestikulationen und vor allem der betont
`sportliche´ Charakter des Spiels hafteten in der Erinnerung mit
äußerster
Klarheit!“ 15
SPR-2: Die
Wiedergabe dieser Traum-Musik, freilich löste bei den Internationalen
Ferienkursen für Neue Musik in Darmstadt Lachen und
Empörung aus, denn in
dieser erlaucht intellektuellen Gesellschaft der 60er Jahre mußte
ein Traum
ebenso obszön sein wie eine - horribile dictu –
„sportliche“ Vorlage!
Musik-31: Kagel
(noch einmal die ersten Takte
aus) „Match“ (bis 0:55)
ZITATE
1. X
2.
Hans-Dieter Krebs: „Zwischen-Spiele – Über die Liaison von Sport
und Musik“
(Eigenverlag / Bergheim 1996) (S.15)
3.
(zit. nach www.berwald.gmxhome.de/diverse_beitraege.htm 20.11.06)
4.
(zit. nach Booklet zur CD s.u.)
5.
Krebs (S.26)
6.
(zit. Schneider „Lexikon Programmusik“ S.264)
7.
(Rainer Moritz „Und vorne fallen die Tore“ (München 2002) (S. 48)
8. (
Karl Planck „Fusslümmelei“ / Stuttgart 1898)
9.
Krebs (S.12)
10.
Ch. Ives: "Ausgewählte Texte: Essays before a Sonata; Nachwort zu
den 114
Liedern; Memos" (Zürich / 1985) (S.188f)
11.
ebd. (S.188f)
12. (
zit. nach www.markzobel.com/diss/chapter1.htm 25.11.06)
13.
Ives: "Ausgewählte Texte...“ (s.o.) (S. 163)
14.
ebd. (S.188f)
15.
Krebs (S.10f)
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SWR-„Dschungel“
vom 2.7.02 ABRAXAS
UND DER STEPPENWOLF:
„BORN TO BE WILD!“
HIPPIES LESEN HESSE
(von Lutz Neitzert)
MUSIK: „Born to be wild“ / STEPPENWOLF (nur das instrumentale Intro / beginnend mit dem startenden Motorrad)
HESSE-ZITAT: „Es war einmal einer namens Harry, genannt der
Steppenwolf.
Er ging auf zwei Beinen, trug Kleider und war ein Mensch, aber
eigentlich
war er doch eben ein Steppenwolf. Er hatte vieles von dem gelernt, was
Menschen mit gutem Verstande lernen können, und war ein ziemlich
kluger
Mann. Was er aber nicht gelernt hatte, war dies: mit sich und seinem
Leben
zufrieden zu sein. Dies konnte er nicht, er war ein unzufriedener
Mensch...!“
MUSIK: „Born to be wild“ / STEPPENWOLF (ab: „Like a true Nature’s Child...“)
HESSE-ZITAT: „Es gibt viele Menschen von ähnlicher Art, wie
Harry
einer war, viele Künstler namentlich gehören dieser Art an.
Und
diese Menschen, deren Leben ein sehr unruhiges ist, erleben zuweilen in
ihren Glücksaugenblicken so Starkes und unnennbar Schönes,
der
Schaum des Augenblicksglückes spritzt zuweilen so hoch und
blendend
über das Meer des Leidens hinaus, daß dies kurze
aufleuchtende
Glück ausstrahlend auch andere berührt und bezaubert!“
MUSIK: (noch einmal kurz das Motorrad vom Anfang / vor dem Einsatz
der
Musik ausblenden)
HESSE-ZITAT: „Komisch ist es, wie die verschiedenen Völker meine Bücher aufnehmen. In Deutschland sieht die literarische Jugend in mir nur noch einen komischen alten Romantiker, in Amerika dagegen schwärmt seit einigen Jahren die avantgardistische Jugend für ‘Steppenwolf‘ und ‘Demian‘!“
SPRECHER 1: Was jene neuen Leser dort drüben aber in und zwischen seinen Zeilen entdeckt hatten, darauf hat sich der alte Dichter wohl kaum einen rechten Reim machen können.
SPRECHER 2: Zwar hatte der Mainstream des anglo-amerikanischen Literaturbetriebs selbst nach seinem Nobelpreis 1946 von dem Poeten aus der schwäbischen Provinz nie Notiz genommen, doch gab es Außenseiter wie den Vagabunden und Pornographen Henry Miller, die sich für Hesse einsetzten und ihm zumindest in ihren Leserkreisen ein Publikum verschafften:
ZITAT: „Ich war es, der nach langen Bemühungen meinen New Yorker Verleger `New Directions´ endlich überreden konnte, eine erste Übersetzung des `Siddhartha´ herauszugeben. Man tat es ungern!“
SPRECHER 2: Und dann war da ein gewisser Colin Wilson, ein aus England stammender Tramp und Frühhippie, der in „The Outsider“, einem Kultbuch aller Freaks und Beatniks, allen Aussteigern Hesse‘s Erzählungen als Rucksacklektüre ans zivilisationsmüde Herz gelegt hatte.
SPRECHER 1: Vor allem für ihre „Morgenlandfahrten“:
MUSIK: „Suicide“ / HESSE BETWEEN MUSIC (nur das Intro)
SPRECHER 2: 1963, ein Jahr nach Hesse’s Tod, wurde das literarische
Establishment aus Kritikern, Verlegern und Deutschlehrern dann vollends
verblüfft. Auf die Pädagogenfrage...
SPRECHER 1: ...„Was will uns der Dichter sagen?“...
SPRECHER 2: ...gab in der „Psychedelic Review“, einem Zentralorgan
der Drogensubkultur, ein nicht ganz unbekannter Psychologieprofessor
von
der renommierten Harvard-Universität eine Antwort, die einem
deutschen
Gelehrten in dieser Zeit nun wirklich nicht in den Sinn gekommen
wäre.
SPRECHER 1: Sein Name war Timothy Leary und der kurze aber folgenschwere Aufsatz hieß:
ZITAT: „Hermann Hesse* - Poet of interior Journey!“
SPRECHER 1: „Hermann Hesse – Dichter der Reise nach innen!“
ZITAT: „Den meisten Lesern entgeht Hesses eigentliche Botschaft. Er ist der Meisterführer zum psychedelischen Erlebnis und seiner Anwendung. Vor deiner ersten LSD-Sitzung solltest du unbedingt Siddhartha und Steppenwolf lesen. Der letzte Teil des Steppenwolfs vor allem ist ein unschätzbares Lehrbuch!“
MUSIK: „My favorite Things“ / JOHN COLTRANE
HESSE-ZITAT: „`Freunde, ich habe euch zu einer Unterhaltung eingeladen,
die Harry sich schon lange wünscht, von der er schon lange
geträumt
hat!´ Aus einer Wandnische nahm Pablo drei Gläschen und eine
kleine drollige Flasche, nahm eine kleine exotische Schachtel aus
farbigen
Hölzern, schenkte aus der Flasche die drei Gläschen voll,
nahm
aus der Schachtel drei dünne, lange, gelbe Zigaretten, zog aus der
seidenen Jacke ein Feuerzeug und bot uns Feuer an. Jeder von uns
rauchte
nun, in seinem Sessel zurückgelehnt, langsam seine Zigarette,
deren
Rauch dick wie Weihrauch war, und trank in kleinen langsamen Schlucken
die herbsüße, wunderlich unbekannt und fremd schmeckende
Flüssigkeit,
die in der Tat unendlich belebend und beglückend wirkte, als werde
man mit Gas gefüllt und verliere seine Schwere. Das
Zeitgefühl
war mir verlorengegangen, ich weiß nicht, wieviel Stunden oder
Augenblicke
dies Rauschglück dauerte!“ 6
ZITAT: „Wer je psychedelische Drogen genommen hat, kann hierin und auch in der Vision des Govinda aus dem Siddhartha einen geradezu klassischen Trip-Report erkennen“ 7:
MUSIK: „Govinda“ / HESSE BETWEEN MUSIC (ab: „Er sah seines Freundes Siddhartha Gesicht nicht mehr, er sah stattdessen andre Gesichter, viele, eine lange Reihe, einen strömenden Fluß von Gesichtern, von Hunderten, von Tausenden, welche alle kamen und vergingen...!“ bis: „...und doch Siddhartha waren!“)
SPRECHER 2: Leary lieferte also eine schlüssige Interpretationshilfe, der jedes Blumenkind im Lotossitz, und sei es auch literarisch noch so unbelesen, zwischen seinen Räucherstäbchen und Cannabisplantagen selig lächelnd folgen konnte.
SPRECHER 1: Ein Journalist berichtete von einem Besuch in „Haight
Ashbury“,
dem batikverhangenen Flower-Power-Viertel von San Francisco:
ZITAT: „Plötzlich zog das Hippiemädchen ein völlig
zerlesenes
Taschenbuch aus seiner Schultertasche: `Wir lesen das hier!´ Es
war
das `Glasperlenspiel´. Und in der Küche, neben ein paar
zerpflückten
Paprikaschoten, fand ich den `Steppenwolf´!“
ZITAT: „Es scheint klar, daß Hesse ein psychedelisches Erlebnis beschreibt, einen durch Drogen herbeigeführten Verlust des Selbst, eine Reise in die innere Welt!“
SPRECHER 2: Ob Hesse nun selber einmal gekostet hat oder ob nicht? Darüber ist viel diskutiert und spekuliert worden. Bislang ohne schlagenden Beweis. Ausreichend Gelegenheit jedenfalls, die hätte er wohl gehabt.
SPRECHER 1: Die 20er Jahre...
SPRECHER 2: ...er schrieb gerade „Siddhartha“ und den
„Steppenwolf“...
SPRECHER 1: ...waren, wie man weiß, die Epoche der koksenden
Bohème. Und auch die Wissenschaft begann damals, sich intensiver
mit dem Thema Drogen zu befassen. Nicht weit von ihm entfernt, in
Heidelberg,
veröffentlichte ein Prof. Kurt Beringer seinen Bericht über
einen
spektakulären Selbstversuch mit dem Halluzinogen des mexikanischen
Peyote-Kaktus, „Der Meskalinrausch“, in dem sich Formulierungen finden,
die denen Hesse’s doch verblüffend ähneln:
ZITAT: „Ich sah das Sofa noch, auf dem ich lag. Alle meine Körperteile unterlagen keinen Schwergesetzen mehr. Es entstanden die phantastischsten Gebilde vor meinen Augen. Das wechselte und wogte, baute auf und verfiel, entstand in Variationen wieder, bald in endloser Perspektive im All sich verlierend. Ein zunehmendes, sich unermeßlich steigerndes Gefühl des Sichauflösens!“
SPRECHER 1: Einige Quellen wollen sogar wissen, daß Hesse diesen Beringer tatsächlich gekannt hat.
SPRECHER 2: Ebenfalls ganz in seiner Nähe, beim Baseler
Chemiekonzern
„Sandoz“, machte in den 40er Jahren...
SPRECHER 1: ...gerade entstand das „Glasperlenspiel“...
SPRECHER 2: ...der Pharmazeut Albert Hofmann eine Entdeckung und
versuchte
bald vor allem bei seinen dichtenden und denkenden Zeitgenossen
Begeisterung
für eine vielversprechende neue Substanz zu wecken. Ihr Name:
Lysergsäurediätylamid
oder kurz: LSD!
SPRECHER 1: Für Leary und seine Anhänger jedenfalls war es längst ausgemachte Sache,...
ZITAT: „... daß unter der Oberfläche seiner Allegorien die Geschichte einer psychedelischen Bruderschaft aus dem wirklichen Leben schwelt. So liegen die Indizien nahe, daß in der historischen Wirklichkeit ein Schriftsteller namens Hermann Hesse und seine Freunde gemeinsam durch die grenzenlosen Schauspiele des erweiterten Bewußtseins wanderten!“
SPRECHER 1: Leary gab selbst einmal in einem Theater-Happening im New Yorker East-Village vor Publikum den „Steppenwolf“, seinen konspirativen Landsitz nannte er „Kastalia“ – wie das Reich der geheimnisvollen „Glasperlenspieler“ - und sein Wort, das hatte Gewicht in der Popszene.
SPRECHER 2: Die Rockband „Sparrow“ des deutschstämmigen John
Kay....
SPRECHER 1: ...geboren als Joachim Krauledat in Tilsit...
SPRECHER 2: ...änderte ihren Namen um in „Steppenwolf“* und mit
ihrer Highway-Hymne „Born to be wild“ zum Kinofilm „Easy Rider“ fuhr
Hesse’s
Geist schließlich selbst in ölverschmierte Biker-Seelen.
SPRECHER 1: Zerfledderte...
SPRECHER 2: ...und also gelesene...
SPRECHER 1: ...Hesse-Paperbacks stapelten sich auf den
Marshall-Verstärkern
studentenbewegter Garagenbands und auch die bildenden Künstler des
Pop entdeckten ihn als Sujet. Andy Warhol schuf ein sehr seltsames
Porträt,
das ihn zeigt mit leuchtend orangefarbenen Haaren, wie er
genüßlich
eine bläuliche Rauchschwade schmaucht.
SPRECHER 2: Und was wohl liest jener weltberühmte Beagle, was
liest
„Snoopy“, rücklings oben auf dem First seiner Hundehütte
liegend,
umflattert von einem kleinen gelben Vögelchen mit dem schönen
Namen „Woodstock“: Hermann Hesse !
SPRECHER 1: Überall in der übrigen Welt kam mit den
Gammlern
und den Jutesäckchen schließlich auch Hesse in die Scene.
MUSIK: „Steppenwolf“ / HAWKWIND
SPRECHER 2: Bob Calvert, der Sänger der englischen Kifferband
und
Musikkommune „Hawkwind“, verwandelte sich in einer Bühenshow mit
viel
Brimborium allabendlich in einen stilechten „Harry Haller“ - mit
schwarzem Gehrock, Zylinderhut, Spazierstock und bleichem Teint,
flackernd
beleuchtet von Stroboskop-Blitzen und umgarnt von einer steppend
strippenden
Ausdruckstänzerin.
MUSIK: „Steppenwolf“ / HAWKWIND (ab: „I am a
Wolfman...!)
HESSE-ZITAT: „Das Magische Theater! Eine anarchistische Abendunterhaltung! Nicht für jedermann! Nur für Ver-rück-te! Eintritt kostet den Verstand!“
MUSIK: „Steppenwolf“ / HAWKWIND (ab: „Sign red to the Magic
Theatre...!“)
SPRECHER 1: Schon Leary deutete Hesse’s Bild vom „Magischen Theater“
kurzerhand als Synonym für bewußseinserweiternde
Drogen-Exzesse:
ZITAT: „Jede Tür im magischen Theater trägt eine
Aufschrift.
`Auf zum fröhlichen Jagen! Hochjagd auf Automobile!´
führt
zu einer Orgie mechanischer Zerstörung. `Anleitung zum Aufbau der
Persönlichkeit! Erfolg garantiert!´ bezeichnet eine Art
Schachspiel,
in der die Figuren Teile der Persönlichkeit sind.
`Wir zeigen demjenigen, der das Auseinanderfallen seines Ichs erlebt
hat, daß er die Stücke jederzeit in beliebiger Ordnung neu
zusammenstellen
kann´.
Und die letzte Tür: `Alle Mädchen sind Dein´!“
MUSIK: „Steppenwolf“ / HAWKWIND (die deutsch gesungene
Passage:
„Ich weiß nicht, was ich sagen soll....!“)
SPRECHER 2: Das „Life-Magazine“, stets auf der Höhe der Zeit,
schrieb
1968:
ZITAT: „Hesse spricht die Sprache der Jugend. Bei ihm fühlt sie
sich nicht mehr an Ketten gelegt. Indem sie der Vergangenheit einen
Tritt
versetzen und elterliche Autorität zu Grabe tragen, sprengen
Hesses
Helden, zwischen Intellekt und Gefühl hin- und hergeworfen, ihre
Begrenzungen
und werden mündig!“
SPRECHER 1: Nur in seinem Heimatland Deutschland dauerte es etwas länger, bis er neben Marx und Freud seinen Platz in den WG-Regalen und Vorlesungsverzeichnissen gefunden hatte.
SPRECHER 2: Für einen kalifornische Studenten war er immer auch
ein liebenswert merkwürdiger Exot aus dem sagenumwobenen
Schwarzwald/Germany
(near Heidelberg). Die Kneipe „Steppenwolf“ auf dem Campus von Berkeley
war denn auch – na was wohl? Natürlich eine zünftige
Bier-Stube!
SPRECHER 1: Für einen deutschen Kommilitonen jedoch war Hesse’s Herkunft zunächst einmal alles andere als „hip“. Assoziierte man etwa mit seiner Geburtsstadt Calw doch wohl eher Familienurlaubsalpträume. Und standen seine Bücher - in dickem Ledereinband – nicht auch verstaubt in Papas eiche-rustikaler Schrankwand?! Außerdem diese altbackene Sprache!
SPRECHER 2: Dagegen klangen die englischen Übersetzungen seiner Texte per se schon wesentlich moderner.
ZITAT: „Wenn ein deutscher Professor die Tollkühnheit besäße, eine Vorlesung über Hesse zu halten, so hätte er sofort mit einem Go-In oder anderen massiven Störungen zu rechnen!“
SPRECHER 1: Das änderte sich erst, als immer mehr der verehrten Idole aus den USA sich als glühende Hesse-Fans outeten.
MUSIK: „Samba Pa Ti“ / SANTANA
HESSE-ZITAT: "We stood before it and began to freeze inside from the exertion. We questioned the painting, berated it, made love to it, prayed to it: We called it mother, called it whore and slut, called it our beloved, called it Abraxas!"
SPRECHER 2: Dieser Satz aus dem „Demian“ zierte als mysteriöse Botschaft das Cover des legendären „Santana“-Albums „Abraxas“.
HESSE-ZITAT: „Ich stand davor und wurde vor innerer Anstrengung kalt bis in die Brust hinein. Ich fragte das Bild, ich klagte es an, ich liebkoste es, ich betete zu ihm; ich nannte es Mutter, ich nannte es Geliebte, nannte es Hure und Dirne, nannte es Abraxas!“
SPRECHER 2: „Abraxas“, ein altes gnostisches Zauberwort, war für Hesse, wie der „Steppenwolf“, eine Metapher dafür, daß die menschliche Existenz einige Abenteuer zu bieten hat jenseits der spießbürgerlichen Vollkasko-Gesellschaft. Auch im eigenen, im eigensinnigen Kopf – für den, der ihn nicht zu früh der Normalität beugt.
SPRECHER 1: Oder als die großen „Doors“ in Frankfurt
hessischen
Boden betraten und ihr Sänger eine Journalistin mit einer
spontanen
kleinen Rezitation überraschte:
ZITAT: „Gegenüber Florentine Pabst vom `Stern´ schwärmt
Jim Morrison von Rainer Maria Rilke und Nietzsche und dann sagt er ihr
ein Gedicht von Hermann Hesse auf. Als diese ihn daraufhin aber auf den
deutschen Dichter Friedrich Schiller anspricht, gibt er zu, von diesem
noch nie gehört zu haben!“
SPRECHER 2: Schließlich war auch hierzulande der Imagewandel vollzogen und die Buchhandlungen vermeldeten erste Rekordverkäufe des ehemaligen Ladenhüters.
SPRECHER 1: Langhaarige pilgerten in Scharen nach Calw oder ins nahegelegene Kloster Maulbronn, dorthin, wo Hesse als Schüler Internatstorturen durchlitten hatte.
MUSIK: „Piktors Verwandlungen“ / ANYONE’S DAUGHTER
SPRECHER 2: Eine angesagte süddeutsche Krautrockband, „Anyone’s Daughter“, vertonte sein Märchen „Piktors Verwandlungen“ und im hohen Norden, da nuschelte ein junger Barde mit Schlapphut auf der „Andrea Doria“:
MUSIK: „Er wollte nach London“ / UDO LINDENBERG (aus dem Album
„Alles
klar auf der Andrea Doria“)
(Daraus den Schluß: „Inzwischen ist er Neunzehn und er weiß
immer noch nicht so genau was er denn nun davon halten soll, von dieser
ganzen Schau. Viele Sachen sieht er anders und er glaubt auch nicht
mehr
so daran, daß es nur an der Umgebung liegt. Vielleicht kommt es
doch
mehr auf einen selber an. Und nun liest er ein Buch von HERMANN HESSE
und
nun macht er Meditation. Doch er findet Jerry Cotton auch sehr stark
und
er lernt jetzt auch noch Saxophon!“)
HESSE-ZITAT: „Senor Pablo! Seine Beschäftigung war das
Saxophonblasen
in der Jazzkapelle, und diesem Berufe schien er mit Liebe und
Leidenschaft
obzuliegen!“
MUSIK: „My favorite Things“ / JOHN COLTRANE
SPRECHER 1: Die Jazzgemeinde war damals gerade auf der Suche nach philosophischen Stichwortgebern und da man außerdem damit beschäftigt war, sich intensiv mit östlichen Musiken auseinanderzusetzen, führte auch hier letztlich kein Weg vorbei an „Siddhartha“:
ZITAT: „Für viele von uns war Hermann Hesse der Erste, der sie den ewigen Kreis der Energie gelehrt hatte...!“
SPRECHER 2:... raunte der Freejazz-Trompeter Don Cherry und Joachim
Ernst Berendt, der Jazzpapst des Südwestfunks, ließ sich
sofort
inspirieren und produzierte mit der Gruppe „Between“ den
Soundtrack
zum Chill-Out für so manche Abiturientenfete der 70er Jahre:
ZITAT: „Hesse between Music“!
MUSIK: „Om Namo Buddhaya“ / HESSE BETWEEN MUSIC
SPRECHER 1: Zuletzt schlossen dann auch die politischen Revoluzzer ihren Frieden mit dem Missionarssohn aus Baden-Württemberg. Fanden sie doch in seinen Schriften durchaus auch scharf formulierte politische Thesen, die ebenso auf ihren Demo-Transparenten und Flugblättern hätten stehen können:
MUSIK: „Zarathustra“ / HESSE BETWEEN MUSIC „Zarathustra“
HESSE-ZITAT: „Wer für geistige Werte arbeitet, wird immer
sowohl
die Hurrah-Patrioten, wie auch die Portemonnaie-Patrioten gegen sich
haben,
und sehr oft sind beide in einer Person vereinigt!“
„Alles Geld ist gestohlen, alle Habe ist ungerecht!“
„Ich bin immer für die Unterdrückten gegen die
Unterdrücker,
für den Angeklagten gegen die Richter, für die Hungernden
gegen
die Fresser gewesen!“
„Ich habe Verständnis für eine jugendlich-idealistische
Weltanschauung
der Verachtung des Geldes!“
„Bedroher unserer Welt und jedes Friedens sind jene, die den Krieg
wünschen, die ihn vorbereiten und uns durch vage Versprechungen
eines
kommenden Friedens durch die Angst vor Überfällen von
außen
zu Mitarbeitern an ihren Plänen zu machen versuchen!“
„Zum Amtlichen und Offiziellen verhalte ich mich nach wie vor
zähneknirschend!“
„Das, was in der Welt vorgeht, ist eine der letzten Etappen im
Zusammenbruch
der kapitalistischen Wirtschaft!“
„Daß die sozialen Zustände am Ende der kapitalistischen
Epoche nicht mehr lebensfähig sind und vom Aufstand der
Benachteiligten
weggefegt werden, ist unvermeidlich!“
MUSIK: „Just like Hermann Hesse“ / GRAHAM PARKER (zwischen den
Strophen unterbrechen für die letzten Sprecher-Texte und Zitate)
SPRECHER 2: Doch zusammen mit den Hippies verschwand auch Hermann
Hesse
schließlich in den Achtzigern wieder von der Bildfläche. Die
Yuppies im Golf-Cabrio und im Designer-Outfit hatten offenbar anderes
im
Sinn...
SPRECHER 1: ...die Börsenhaie fraßen den Steppenwolf...
SPRECHER 2: ...und ein etwas deprimierter Tim Leary berichtet von einer
desillusionierenden Begegnung mit dem akademischen Nachwuchs:
ZITAT: „Daisy was a 20-year-old Stanford marketing student with an
IQ
about as high as the dollar-yen exchange rate. I mentioned the name
Hermann
Hesse to her and she looked puzzled.
`Sounds like a German tennis professional´, she answered with
a grin. `Oh no! Oh no!´ I said: `Hammering Herm...“
SPRECHER 2: ... Bum-Bum Hermann...
ZITAT: „... won the Nobel Prize for Literature in 1946!´ `So
what!?´“
SPRECHER 1: Doch, wer weiß, vielleicht könnte sich das im beginnenden 21. Jahrhundert wieder ändern? Einige Vorzeichen stehen ganz gut für eine Wiederkunft von „Narziß & Goldmund“!
HESSE-ZITAT: „Mir schiene für sehr viele schwer seelenkranke Menschen der rasche Verlust ihres Vermögens und die Erschütterung ihres Glaubens an die Heiligkeit des Geldes durchaus kein Unglück, sondern die sicherste, ja die einzig mögliche Rettung zu bedeuten!“
SWR-"Dschungel" am 15.9.05
CLASSICAL CARTOONMUSIC
- Katzenmusik und Mickeymousing
(von
Lutz
Neitzert)
MUSIK Nr.1 : Titelmusik „Familie
Feuerstein“ (bis „Ya-Ba-Da-Ba-Doo“ bei
ca. 0:10)
SPRECHER: Die „Familie Feuerstein“
und „Tom
& Jerry“, „Schweinchen Dick“ und „Bugs Bunny“, „Daffy Duck“ und
„Yogi“, der
Bär... Die Helden der amerikanischen Comicserien aus den 30er,
40er und 50er
Jahren sind internationale Popstars geworden und ihre Zeichentricks und
Wortspiele schwirren noch immer in jedem Kopf. Die irrwitzige
musikalische
Handarbeit aber, die sich hinter den Begleitmusiken der klassischen
Cartoons
verbirgt, die entdeckt man erst, wenn man sich die Soundtracks einmal
ganz
bewußt ohne die alle Aufmerksamkeit fesselnden Bilder und Dialoge
anhört. In alten Studioarchiven
entdeckte man nun
einige verschollen geglaubte Magnetbänder, aus deren isolierten
Tonspuren sich
die Kompositionen und Arrangements eines der Pioniere des Genres, Carl
Stalling, tatsächlich einmal als reine
Tonkunst rekonstruieren und destillieren ließen.
MUSIK Nr. 2 : STALLING
„Early WB-Scores“ (bis ca. 0:20)
SPRECHER: Stalling kreierte vor
allem eine
völlig neue Art des Umgangs mit Musik – und das, wie der
Jazzsaxophonist John
Zorn vermutet, nach einer ebenso naiven wie hemmungslosen Methode:
ZITAT: “Alle Musiksparten sind
gleich, keine
ist per se besser als die andere! Und so umarmte er sie alle, kaute sie
gut
durch und spuckte sie anschließend wieder aus. Und das tat er mit
einer
unersättlichen Lust auf Musik. Alles warf er in den großen
Mixer, ohne jemals
darüber nachzudenken, was davon nun eigentlich ihm und was von
Rechts wegen
vielleicht anderen gehörte. `Ein mittelmäßiger
Komponist borgt, ein guter
stiehlt!´ Und das, was dabei herauskam, ist noch heute geradezu
schockierend
originell !“ 1
SPRECHER: Die Cartoonherstellung
entwickelte
sich schon in der Frühzeit des Kintop und dann seit den
späten 30ern forciert
im neuen Medium Fernsehen zu einer lukrativen
Fließbandproduktion. Und für ein
Filmstudio-Orchester muß es damals geradezu eine Wohltat gewesen
sein, wenn es
nach der Vertonung irgendeiner sentimentalen Hollywood-Schmonzette...
MUSIK Nr.3 - im
Hintergrund:
„Doktor Schiwago“ (CD – „TV &
Movie Hits“)
SPRECHER: ...gleich
anschließend für einen der
schrägen Comic-Helden aufspielen durfte, um sich dabei die
verklebten
Tränendrüsen wieder zu reinigen:
MUSIK Nr.4 : STALLING „Speedy
Gonzalez“ (bis ca. 0:25)
SPRECHER: Ein schönes Foto
zeigt das
50-köpfige-„Warner Brothers“-Ensemble vor einer großen
Leinwand und daneben
allerlei äußerst seltsame Utensilien für die
Geräuscherzeugung.
Und diesen Damen und
Herren wurde so einiges abverlangt. Es
war eine harte Präzisionsarbeit, wenn man musikalisch und
fingerfertig all die
Kurven zu kriegen hatte auf Augenhöhe mit solch zügellosen
Ausgeburten der
Phantasie wie dem „Road Runner“ oder „Speedy Gonzales“:
MUSIK Nr.5 : STALLING „Speedy
Gonzalez“ (ca.4:45 bis 4:55)
SPRECHER: Melodiefetzen kürzer
als ein
Augenzwinkern gefolgt von abrupten Takt, Tempo- und Tonartwechseln im
Sekundentakt, musikalische Loopings, schreckliche Mißklänge
und gleich danach
hinein in ein schmalziges Adagio, um dann wieder von Null auf Hundert
durchzustarten, um doch noch im letzten Moment dem Coyoten oder dem
Kater oder
dem Jäger oder dem Wolf zu entkommen. Zwar spielte das Orchester
die Sketche
nicht am Stück ein, sondern in kleinen Sequenzen, die dann jedoch
gnadenlos
solange geschliffen wurden, bis sie wirklich exakt den Handlungsverlauf
pointierten. Auch der versierteste Musiker wird dabei vermutlich des
öfteren
gedacht haben, daß mit der nächsten musikalischen
Katastrophe nun aber wirklich
die Grenzen des Machbaren erreicht sein müssten.
MUSIK Nr.6 : STALLING
“Putty Tat
Trouble – Part 6”
SPRECHER: Um es überhaupt
menschenmöglich zu
machen, den wirbelnden Bildfolgen auf Hunderstelsekunden genau die
passenden
Rhythmen zuzuordnen, entwickelte der Perfektionist Stalling eine neue
Methode.
Das von ihm sogenannte „Tick System“, bei welchem den Musikern der Beat
jeweils
als „Click-Track“ in einen Kopfhörer gespielt wird. Ein heute in
jedem
Tonstudio übliches Verfahren.
ZIZAT: „Das muß 1929
gewesen sein, noch bei
Disney, für den Skeleton Dance ! Die perfekte
Synchronisation von Bild
und Ton war ein großes Problem, denn in Cartoons gibt es so
irrsinnig schnelle
Wechsel und Aktionen, denen die Musik folgen muß. So dachte ich
mir eben eine
Möglichkeit aus, daß jeder Musiker, übertragen durch
eine Telefonanlage die
Taktschläge als leises Ticken ins Ohr gelegt bekommt. Abgespielt
wird der
Grundbeat dabei von einem Phonographen, der dann sowohl mit den
Kopfhörern als
auch mit dem Aufnahmegerät verbunden wird. Allerdings mußte
ich auch weiterhin
dirigieren, weil wir eine nette Dame unter uns hatten, die sagte, sie
bekäme
Migräne davon. Da sie aber eine recht
gute Cellistin war, geriet sie gottseidank immer nur ganz
leicht
aus dem Takt !“ 1
SPRECHER: Da gibt es eine
schöne Stelle, wo er
das Orchester einmal unterbricht, weil die „Ticks“ offenbar zu laut
eingestellt
gewesen sind:
MUSIK Nr.7 : STALLING „...in Session“
(ca. 1:05 bis 1:20 )
SPRECHER: Stallings Karriere begann
damit, daß
Walt Disney ihn 1920 in einem Filmtheater in Kansas City hörte, wo
er an der
Kinoorgel live Begleitmusiken zu Stummfilmen improvisierte. Von dort
wechselte
er kurze Zeit später nach Hollywood und in ein Büro Tür
an Tür und in der
Studiohierarchie gleichgestellt mit Storyschreibern, Dialogsprechern,
Soundeffektebastlern und untergeordnet der prominenteren Kaste der
Zeichner.
Hier entwickelte er seine Techniken und perfektionierte sein Metier zum
Spezialistentum. Wie andere Comic-Komponisten, wäre er kaum auf
die Idee
gekommen, sich auch einmal in anderen, „seriöseren“
Bereichen der Musikwelt herumzutreiben. Er
hatte seinen Job – und einen äußerst stressigen noch dazu !
Ein Schicksal, das John Zorn zutiefst bedauert:
ZITAT: „Bis zum heutigen Tag
gilt Stalling als ein seiner Firma mit Leib und
Seele ergebener Nine-to-Five-Handwerker,
ein dienstbeflissener, von seinen Kollegen gelegentlich ausgenutzter
und milde
belächelter Workaholic. Doch jeder, der solch eine
funkensprühend
energiegeladene und leidenschaftliche Musik zu schreiben imstande ist,
der
verdient weit mehr als das !“ 2
SPRECHER: Die meisten Namen jener
Komponisten
sind auch in der Musikwelt völlig unbekannt geblieben und so ist
es vielleicht
kein Zufall, daß es ausgerechnet einem obskuren Freejazzmusiker
wie Zorn
vorbehalten blieb, zur längst überfälligen Ehrenrettung
dieser unterschätzten
Kunstgattung anzutreten. 1990 startete er zusammen mit dem Produzenten
Hal
Willner eine CD-Edition mit Zeichentrickfilmmusiken: „The Carl Stalling
Project“!
Ihm nämlich hatte ein
glücklicher Zufall besagte Tonbänder
aus den „Warner“-Archiven in die Hände gespielt - mit Aufnahmen
aus
stilbildenden alten TV-Serien wie den „Looney Tunes“ oder den „Merrie Melodies“.
SPRECHER: Fast alle Vertreter der
Zunft
verkörperten wie er den Typus des stets korrekt gekleidet- und
gescheitelten
Angestellten. Und für ein disziplinloses Genie, das sich
vor jedem Musenkuss
erst einmal einen doppelten Whiskey in den Kopf kippen muß,
dafür wäre es auch
wohl kaum der richtige Arbeitsplatz gewesen.
Es wurde ein enormer
Ausstoß verlangt, und dem versuchte man
nachzukommen durch Arbeitseifer und durch
Rationalisierungsmaßnahmen - durch
eine Art Baukasten-System, das sich jeder Cartoonmusiker nach eigenen
Vorlieben
und denen seines Auftraggebers zusammenstellte.
Und dabei stand man in
einer langen, durchaus „ehrbaren“
Tradition.
Vor allem die
Industrialisierung der Kultur hatte im 20.
Jahrhundert auch die Musikproduktion immer stärker
durchrationalisiert.
Für die
Soundtrack-Herstellung bei Spielfilmen oder die
Arbeit der Stummfilmpianisten gab es längst die berühmte
„Kinothek“ des
deutsch-italienischen Komponisten Giuseppe Becce, der schon in den
20er-Jahren
einen vielbändigen Katalog herausgegeben hatte mit
ausgewählten Musikzitaten
passend zu jeder Lebenslage: Liebe, Trauer, "Schmachtender Blick",
"Barkarole bei stürmischer See" und - natürlich auch hier
unvermeidlich – Verfolgungsjagden und Kampfgetümmel in allen
Härtegraden.
(im Hintergrund Musik von
GIUSEPPE BECCE)
Aber die Wurzeln dieser
Methode reichen noch viel weiter
zurück und bis hinein in den Konzertsaal.
Die Hofkomponisten des
Barock nämlich waren als arme Generalbaßknechte
ebenfalls gezwungen,
jederzeit rasch eine Gebrauchsmusik liefern zu können - für
eine Jagd ihres
Brotherren, einen Ball oder ein Feuerwerk. Und auch sie bedienten sich
dabei
ganz selbstverständlich überlieferter und hinreichend
erprobter musikalischer
Floskeln. Eine Jubelfanfare in strahlendem C-Dur zu Kaiser’s
Geburtstag,
bitteschön, und am Ende ein zerknirschtes Seufzermotiv in d-moll
zu seiner
Beerdigung.
Zur Goethezeit wollten es
die Leser des „Jungen Werthers“ dann noch ein wenig intimer haben und forderten vom ihren empfindsamen
Musikanten...
ZITAT: "...das Seufzen eines
Verliebten...“
SPRECHER: ...auszudrücken...
ZITAT: „...das
Ächzen eines
Unglücklichen, das Dräuen eines Zornigen, eine holdselige
Umarmung oder die
Betrübnis über den erhaltenen Korb !“ 3
SPRECHER: Aber immer hörte man
dazwischen auch mahnende Stimmen, es dabei doch bitte nicht zu
übertreiben:
ZITAT: "So wird die Musik
zwar die Wut eines Rasenden nachahmen, aber doch bitte nicht mit Unsinn
! Sie
wird ihn allemal vernünftig und ein wenig regelmäßig
rasen lassen !" 3
SPRECHER: Die Exzesse der
Cartoonmusik hätten jenem altvorderen Moralapostel ganz
sicher nicht gefallen.
Auch ein anderes bereits
in der E-Musik erprobtes Konzept
haben Stalling & Co übernommen: Richard Wagner’s „Leitmotiv“,
die Idee
also, jeder handelnden Person eine kurze, möglichst prägnante
Tonfolge als
Erkennungsmelodie zuzuordnen.
MUSIK Nr.8 im
Hintergrund:
Das
„Pink Panther“-Motiv (CD – „Toon Tunes)
SPRECHER: Für Carl Stalling
eröffnete sich
erst 1936, nach seinem Wechsel in die „Warner Brothers“-Studios, die
Möglichkeit, all das auszuleben und anzuwenden, was ihm noch aus
seiner Zeit
als live vor der Leinwand improvisierender Filmbegleiter vorschwebte.
Während
man bei Disney aus geschäftlichen Gründen sehr knauserte,
wenn es darum ging,
für die Verwendung von fremdem Tonmaterial Tantiemen zu zahlen,
waren seine
neuen Arbeitgeber, die Gebrüder Warner, in dieser Hinsicht
wesentlich
freigiebiger, so daß er sofort begann, noch ungezwungener als
zuvor seinen gut
gefüllten Zitatenschatz zu plündern.
ZITAT: „Bei Warner
eröffneten sich
ganz neue Möglichkeiten, was die Verwendung von populärer
Musik anbetraf. Bei Disney sollten wir immer
zurückgreifen
auf `Klassisches´ aus dem 19. Jahrhundert!“1
MUSIK Nr.9 : STALLING „Music from
Porky’s Preview“ (ab ca. 3:35 bis 4)
SPRECHER: “La Cucaracha“ - das Lied
von der
Marihuana rauchenden Küchenschabe – wann immer es mexikanisch
werden
sollte. Solche Melodien verwendete er geradezu inflationär: den
„Yankee
Doodle“, „Oh, Susanna“ oder „Aloha He“ -
und immer fand er dafür genau die passende Filmstelle. Nicht
zuletzt darin
bestand wohl sein größtes Talent.
Aber neben dem
U-Musikfundus behielt er als alternative
Quelle – geschult in seiner Zeit bei Disney – das gesamte klassische
Hitrepertoire im Ohr:
MUSIK Nr.10 : STALLING “…in Session”
(bis ca. 0:27)
SPRECHER: Sie haben es erkannt!?
Ein Zitat aus
einem Klavierstück von Franz Liszt – zu dem nachher dann ein hinterlistiger Kater namens „Sylvester“
versuchen wird, Großmutters Kanarienvögelchen „Tweety“ in
die Krallen zu
bekommen. Aber das wird auch dieses Mal mit an Sicherheit grenzender
Wahrscheinlichkeit enden in einem desaströsen Misserfolg -
für die blöde
Miezekatze:
MUSIK Nr.11 : STALLING “…in Session”
(ca. 6:30 bis 6:35)
SPRECHER: Offenbar wieder Pech
gehabt!
Scott Bradley, der
Stalling’s Job bei MGM („Metro Goldwyn
Mayer“) innehatte, gab einmal selbst Einblick in seine Arbeitsweise:
ZITAT: „Ich möchte Ihnen
ein kleines
Problem schildern, das ich zuletzt bei einer `Tom &
Jerry´-Szene zu lösen
hatte. Eine kleine Maus war dort zu sehen, die eine
übergroße Hundemaske auf
dem Kopf trug und damit herumrannte. Man sah dabei nur die winzigen
trippelnden
Füßchen und den ganzen Tag grübelte ich darüber
nach, wie ich diese Passage
durch eine möglichst originelle Musik untermalen könnte.
Alles, was ich
versuchte, schien mir am Ende einfach zu witzlos und banal. Dann
versuchte ich
es mit einer 12-Ton-Leiter und siehe da, es funktionierte! Ich hoffe
nur, daß
Dr. Schönberg mir noch einmal verzeihen wird, daß ich sein
ehrwürdiges System
für ein Stückchen Funny Music
entweiht habe. Aber sogar die Burschen vom Orchester lachten, als wir
es
aufnahmen. Und das ist eigentlich auch schon die ganze Geschichte:
Versuch und
Irrtum! Probier einfach aus, was Dir in den Sinn kommt, wenn es
paßt, ist’s
gut, wenn nicht, probier etwas anderes!“ 1
SPRECHER:
Während
Bradley einen gewissen Ehrgeiz
entwickelte, möglichst wenig allzu offensichtlich zu zitieren,
gefiel es Stalling im
Gegenteil, möglichst
sinnige Bezüge herzustellen - die allerdings nicht immer so
geistreich waren,
wie er dachte.
ZITAT: „Bitte laßt die
roten Stifte heute
einmal in der Schublade....“
SPRECHER:
... war ein Running Gag in den „Warner“-Zeichenbüros...
ZITAT: „...sonst kommt uns der
Carl zum
tausendsten Mal wieder mit seiner Lady in
Red und den Worten `Das paßt doch ganz toll, nicht!?´“ 1
SPRECHER:
Auch andere
seiner mehr oder weniger
nachvollziehbaren Assoziationen waren im Kollegenkreis bald
hinlänglich
bekannt: „How dry I am“ kam fast immer, wenn es galt, einen lallenden
Trunkenbold zu begleiten. (Aus dem deutschen Liedgut hätte er dazu
vermutlich
ausgewählt: „Bier her, Bier her, oder ich fall’ um“!)
Doch man musste ihm
zugestehen:
ZITAT: „Auch wenn er jeden
seiner
musikalischen Jokes mindestens hundertmal erzählte, er
erzählte ihn jedes Mal
aufs Neue wieder verdammt gut !“ 1
SPRECHER:
Und genau das
ist ja auch das schlichte
Konstruktionsprinzip jeder Cartoon-Komik überhaupt ! Nach diesen Vorgaben
entstanden bis heute all die Klassiker
der Fernsehcomicwelt.
Und stets versteckte man
den Namen der mitwirkenden
Tonkünstler irgendwo ganz hinten im Kleingedruckten des Abspanns:
Hoyt Curtin vertonte
für das legendäre Studio von „Hanna
& Barbera“ die prähistorischen Abenteuer der
„Familie Feuerstein“, bei „Paramount“ führte
Winston Sharples den Dirigentenstab für „Felix the Cat“, für
die „Bullwinkle
Show“ schrieb Fred Steiner die Musik, Vince Guaraldi für die
„Peanuts“ -
und immer noch zaubern all
die alten Jingles und
Titelmelodien schon mit den ersten Takten ein Lächeln auf sich
nostalgisch
verklärende Gesichter:
MUSIK Nr.12 : Ein Medley oder eine
übereinander
geblendete Collage aus:
1. „Peanuts“ (CD – “Toon
Tunes”)
2. „Tom & Jerry“ / Udo
Jürgens
3. ”Biene Maja” / Karel
Gott
4.
„Simpsons“ (CD –
„Toon Tunes“)
SPRECHER:
Auch was die
Instrumentierung
anbetraf, so stellten sich die unter enormem Zeitdruck arbeitenden
Comicmusiker
ein allzeit bereites Sortiment für jede Gelegenheit zusammen.
Xylophone eignen sich eben
hervorragend für die
ultraschnellen Schrittfolgen eines „Speedy Gonzales“, die
Pikkoloflöte
zwitschert wie ein kleines Vögelchen, das Sousaphon passt zu
„Yogi“, dem Bären,
wie das Fagott zu jedem beliebigen dicken Schwein - und wilde Jagden,
die
startete Stalling am allerliebstem mit einem fetten „Boing!“ auf einem
damals
aufregend neuen und noch kaum erforschten Instrument, der elektrisch
verstärkten Gitarre:
MUSIK Nr.13 : die ersten Takte von
STALLING „Music from Porky’s Preview“
SPRECHER:
Überhaupt
war es ein Kennzeichen der
Cartoonmusic, daß sie nie die geringsten
Berührungsängste vor klangtechnischen
Innovationen oder vor schrägen Tönen hatte.
Keine andere Musikrichtung
schöpfte aus so vielen
unterschiedlichen Quellen.
Und doch gab es da eine
Klangwelt, der man sich bis in die
60er Jahre hinein nur sehr vorsichtig und mit einigem Vorbehalt
näherte.
Die unterleibsbetonteren
Formen der Black Music
kamen kaum einmal ins Repertoire.
Mit Blues, Soul und Funk
schien man viel zu leicht auf unsittliches Terrain zu
geraten.
Im gleichen Geist galt ja
auch nebenan für die Zeichner ein
streng zu befolgendes Brustwarzen- und Schamhaar-Verbot.
ZITAT: „A cartoon should be
clean Fun for
clean American Families!“ 1
SPRECHER: Die klassischen
Zeichentrickserien
waren zwar ursprünglich nicht als Kindersendungen gedacht, aber
sie sollten
zumindest ins Sonntagnachmittagsprogramm eines prüden weißen
Kirchgängers
passen.
Eine der ganz wenigen
Ausnahmen in der Frühzeit waren die
„Fleischer Studios“, die ihren
Hauskomponisten Sammy Lerner anwiesen, ihren Star, einen
ziemlich unkeuschen
Spinatmatrosen, gelegentlich einmal mit einer Pin-up-Schlampe
namens
„Betty Boop“ zu souligeren Grooves tanzen zu lassen – „Cheek to
Cheek
& Chop to Chop!“. Oder man bebilderte 1932 gleich umgekehrt einen
doppeldeutig schlüpfrigen tiefschwarzen Jazzhit wie „Minnie the
Moocher“ von
Cab Calloway mit besagter „Betty Boop“ in der Hauptrolle (- eine
Nummer, die 50
Jahre später bei den „Blues Brothers“ ja noch ein weiteres Mal zu
Filmehren
kommen sollte):
MUSIK Nr.14 : CAB CALLOWAY „Minnie the
Moocher“ (CD – “Burlesque in Jazz”)
(ab ca. 0:20)
SPRECHER: Die Musik diente nicht
zuletzt auch
dazu, die vordergründige Brutalität der Stories ein wenig zu
entschärfen. Die
Zahnreihe eines bösen Wolfes, die nach einem – noch dazu stets
selbstverschuldeten - Schicksalsschlag begleitet von einem perlenden
Streicherpizzikato zu Bruch geht, die kann doch so sehr nicht wehtun –
oder ein
Schleudertrauma zum lustvollen Wimmern einer Singenden Säge.
Was die Stimmen der
Figuren anbetraf, so suchte man deren
Sprecher zunächst noch eher zufällig im Umfeld der Studios.
Stalling selbst
etwa war die erste redende „Mickey Mouse“:
ZITAT: „Disney hatte nur gesagt:
`Probiers
doch einfach mal, Carl!´ Mickey spielt hier einen mutigen Baywatcher und rettet Minnie vor dem Ertrinken. Sie sagt
daraufhin:
`My Hero!´ Und er antwortet im Falsett: `Oh, Shucks, that’s
nothing!´ Die
Minnie sprach übrigens eines der Mädels aus unserer
Schreibstube!“ 1
SPRECHER: Dann aber
professionalisierte man
zunehmend auch dieses Metier und aus Tierstimmenimitation, Baby-Talk
und
Bauchredner-Techniken entwickelte sich der typische Comic-Speech.
Gemäß
den Vorlagen mußte man zudem allerlei höchst seltsame Worte
aus den
Sprechblasen der gedruckten Comic-Hefte in den Mund nehmen.
Unser Vokabular wurde
damit zwar um allerlei hübsche
Lautmalereien bereichert – zum Leidwesen allerdings eines jeden humanistisch gebildeten Deutschlehrers:
ZITAT: „Seufz“ – „Grummel
Grummel“ – „Bibber
Bibber“ – „Boing“ – „Har Har“ - Ya-Ba-Da-Ba-Doo“ !!!
SPRECHER: Das einfache Konzept
hierfür brachte
der Cartoonkünstler Chuck Jones einmal in einem Vortrag im
wahrsten Sinne des
Wortes auf den Punkt:
ZITAT: “Meine Damen und Herren,
ich habe
hier zwei neue Worte mitgebracht. Das eine heißt `TACKETY´
und das andere
`GOLOOMB´!...“
SPRECHER: ...dann zeichnete er zwei
kleine
Kritzeleien an die Tafel. Eine dünne krakelige mit Ecken und
Kanten und daneben
mit fetterem Strich ein rundliches Etwas...
ZITAT: “…Und? Was ist nun davon
wohl ein
`TACKETY´ und was ein `GOLOOMB´?!“ 1
SPRECHER: So, wie sich Stalling’s
Mitarbeiter
Treg Brown als Geräuschvirtuose einen Namen machte...
MUSIK Nr.15 : STALLING “Music from
Porky’s
Preview” (ab ca. 1:02)
...so gab es bald daneben
eine ganze Reihe prominenter
Stimmakrobaten. Einer davon war Sam Costello, dem die schwierige
Aufgabe
zugefallen war, den ewig Pfeife schmauchenden „Popeye“ zu nuscheln –
und dabei
des öfteren auch noch zu singen:
MUSIK Nr.16 : die ersten Takte aus
„Popeye the
Sailor“ (CD – “Toon Tunes”) (bis ca. 0:40)
SPRECHER: Die Epoche des mit Musik
unterlegten
Zeichentrickfilms begann im Jahre 1928 mit dem ersten Auftritt der
„Mickey
Mouse“ in dem 7-minütigen Kurzfilm „Steamboat Willie“. Sein
Publikumserfolg
machte sofort Schule und in ihren „Silly Symphonies“ ließ Disney
und Stalling
dann neben der Maus noch einen großen gewalttätigen Wolf,
drei kleine
Schweinchen und einige später weltberühmte Enten auftreten.
Das Publikum sah im
Grunde nur die Bilder, die Musikgelehrten aber suchten und fanden bald
einen
treffenden Begriff auch für den neuen Umgang mit Melodien und
Rhythmen. Im
Musiklexikon zu finden unter M :
ZITAT: „Mickeymousing ist
die akustische
Doppelung von Ereignissen im Film. Dies ist entweder eine
künstlerische
Todsünde oder eine Tugend, je nachdem !“
MUSIK Nr.17 : STALLING „Various Cues…”
(bis ca. 0:15 Min)
SPRECHER: Ob der arme Coyote
(Overconfidentii vulgaris) den Road Runner
(Disappearialis quickius) denn wohl dieses Mal
erwischt?
MUSIK Nr.18 : STALLING „Various Cues…”
( 0:50 bis 1:05 - endend mit dem
Schuss!)
SPRECHER: Nein! Das war dann wohl
leider
wieder nichts!
Und was könnte hier
vertont worden sein?
MUSIK Nr.19 : STALLING „Dinner Music
for a Pack of hungry Cannibals“(ca.
0:15 bis 0:50)
SPRECHER: “Dinner Music for a Pack
of hungry
Cannibals / Tafelmusik für eine Horde hungriger Kannibalen“!
Dieser Soundtrack entstand
in einer Zusammenarbeit von
Stalling mit Raymond Scott, einem recht erfolglosen Jazzmusiker, der
plötzlich
entdeckt hatte, daß sein skurriler Witz den normale
Swinghörer zwar offenbar
überforderte, daß aber dergleichen in der Trickfilmmusik
schon längst und sogar
noch weit skrupelloser eingesetzt und daneben auch noch recht gut
bezahlt
wurde.
Das galt vor allem
für die TV-Comics, während die immer
größeren Disney-Spielfilme
verstärkt darauf achteten, daß sich auch ihre Begleitmusiken
auf Platten
verkaufen ließen und deshalb immer mehr hitparadentaugliche Songs
einbauten und
auch den Hintergrundmusiken ihren früheren Anarchismus mehr und
mehr
austrieben.
Tiere bilden, wie man weiß, das typische Personal der Comic-Stories und so ist die Comic-Musik fast immer auch eine Collage aus seltsamen Tierlauten.
Zum Beispiel:
Katzenmusik
!
Schon Ignaz Biber, der
große Geigenvirtuose des
17.Jahrhunderts, hat in einer seiner Violinsonaten allerlei Viehzeug
porträtiert - und sich dafür vor allem bei späteren
Kritikern den vernichtenden
Vorwurf der Albernheit zugezogen. Hühner hat es da, Frösche,
Wachteln, einen
Kuckuck und eine Nachtigall und eine Katze:
MUSIK Nr.20 : IGNAZ BIBER „Sonata
Representativa A-Dur“ (daraus die
“Katze”)
SPRECHER: Im 19. Jahrhundert hatten
die
Künstler es dann gelernt, derart lustige „Programmusiken“ gleich
von vornherein
als pädagogisch wertvoll für die musikalische
Früherziehung auszugeben.
So machte es auch Sergej
Prokofiev, als er seine Katze in
„Peter und der Wolf“ die Ente umschleichen ließ:
MUSIK Nr.21 : Sergej Prokofiev’s
„Katze“ aus „Peter und der Wolf“ (eventl. in der „Rockversion“ mit
Stephane
Grappelli-viol / oder das klassische Klarinetten-Original)
SPRECHER: Und allzu weit ist der
Weg von dort
nun wirklich nicht mehr bis zu Henry Mancini’s „Pink Panther“...:
MUSIK Nr.8 : “Pink Panther” (CD-“Toon
Tunes”)
SPRECHER: …oder auch bis zu Winston
Sharples’
„Felix the Cat“:
MUSIK Nr.22 : “Felix the Cat” (CD-“Toon
Tunes”)
SPRECHER: Die Tierliebe der
Fernsehzuschauer
jedenfalls provozierte endlose Serien von Wald- und Urwaldgeschichten:
MUSIK Nr.23 : aus “George of the Jungle” (CD – “Toon Tunes”) (bis ca. 0:25)
SPRECHER: So sehr man in der
amerikanischen
Popkultur auch immer bereit ist, patriotische Heldengestalten
anzubeten, so
wenig ist man aber andererseits abgeneigt, diese dann und wann auch
einmal
wieder von ihrem Sockel zu holen und sich über ihr aufgeblasenes
Gehabe lustig
zu machen – gerade im Comic.
Und dann trifft es eben
einen wie den Anti-Tarzan „George of
the Jungle“ oder den tapferen Ranger „Dudley Do-Right”:
MUSIK Nr.24 : “Dudley Do-Right” (CD –
“Toon
Tues”)
SPRECHER: Vor allem die
entsprechenden Musiken werden
dann gerne in geradezu defätistischer Weise verhunzt
– z.B. das
Militär mit seinen schmetternden
Märschen und Fanfaren...:
MUSIK Nr.25 :
STALLING “There they Go Go Go” (bis ca. 0:15)
SPRECHER: ...Detektivfilme à
la Philip Marlow oder
Mickey Spillane...:
MUSIK Nr.26 : STALLING „Powerhouse and
other
Cuts“ (ca.
0:15 bis
0:25)
SPRECHER: ...und natürlich
immer wieder der Wilde
Westen:
MUSIK Nr.27 : STALLING „Powerhouse and
other
Cuts“ (ca. 1:10 bis 1:25)
SPRECHER: Inspiriert von seinem
Vorbild Carl Stalling hat sich auch der
Jazzextremist John Zorn einmal an einer derart aberwitzigen Collage
versucht.
In seinem Stück “Speed Freaks” – das übrigens ohne
irgendwelche Studiotricks
eingespielt worden ist – zitiert er in 45 Sekunden 30 unterschiedliche
Stile.
Zählen Sie ruhig einmal mit:
MUSIK Nr.28 : JOHN ZORN „Speed Freaks“
(LP –
“Torture Garden”)
SPRECHER: Als Stalling sich 1958 in den
wohlverdienten Ruhestand verabschiedete,
da versteckte er als Abschiedsgruß in seiner letzten Komposition
für den Chuck
Jones-Film „To itch his own“ augenzwinkernd ein altes Wiegenlied – von
Johannes
Brahms:
MUSIK Nr.29 : STALLING „To itch his
own“ (“Guten
Abend, gut’ Nacht”) (ca. 1:25 bis 1:45)
SPRECHER: In den 60ern endete das Goldene
Zeitalter
der handgemachten Cartoonmusik. Elektronik und Computer verbilligten
und
sterilisierten auch hier mehr und mehr die Produktionen. Und
außerdem
verlangten neue Arten von Zeichentrickfilmen – psychedelische
Undergroundcomics
etwa oder später dann japanische Mangas – nach neuen,
härteren Sounds.
MUSIK Nr.30 : als Outro FRED
FEUERSTEIN’s „Wiiilmaaaaa!“ (CD – „Tunes from
the Toons“ bzw. die deutsche Fassung)
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