MIGRANTEN IM
TIER-
UND PFLANZENREICH:
WASCHBÄREN,
ALIENS UND SHAKESPEARE'S VÖGEL (Neophyten & Neozoen)
WILDFÜTERRUNG IM HARZ LIVE IM FERNSEHEN (ein früher TV-Hit anno 1957)
"UNSER DORF SOLL SCHÖNER WERDEN" (Erster Wettbewerb 1961)
"GORDON WASSON - DER BANKER UND DIE ZAUBERPILZE"
"ETIDORHPA / APHRODITE - Magic Mushrooms und Ewige Liebe"
ÖKOSONGS: "DER STUMME FRÜHLING UND DAS GROSSE
GELBE TAXI" + "GRÜNE LIEDER ZWISCHEN MARX & MÜSLI"
(Manuskript auf Wunsch per E-Mail)
WDR-"Hallo-Ü-Wagen":
Pilze
( PILZ- & KRÄUTER-EXKURSIONEN - Infos & Termine )
(Zu allen Sujets auf dieser Seite biete ich auf
Anfrage
jederzeit gerne Vorträge bzw. Seminare an!)
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VON MORCHELN, MARONEN UND MÖNCHSKÖPFEN
ÜBER DEN WALDES- UND DEN TELLERRAND HINAUS
AUS DER KULTURGESCHICHTE DER PILZE
(von Dr.Lutz Neitzert)
(SWF "S2 vor Mitternacht" vom 18.9.97)
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MUSIK: aus einer Klaviermusik von JOHANN SCHOBERT
SPRECHER 1: Am 28.August des Jahres 1767 trauerte die Musikwelt.
Mozart's Idol, der Pianist und Komponist JOHANN SCHOBERT, starb
überraschend
in Paris - wie die Zeitungen meldeten:
ZITATSPRECHER: „...an vergifteten Erdschwämmen!"
S1: Zur gleichen Zeit am gleichen Ort fand auch ein reicher Marquis den Tod nach dem Genuß einer Pilzmahlzeit.
Z: „Ach!"
S1: ...seufzte daraufhin Prinz Conti, der Mäzen des verblichenen Musikers:
Z: „Marquis kann der König (jeden Tag einen neuen) machen, aber keinen Schobert!"
S1: Vor allem unter Künstlern und Literaten hatten und haben viele ein inniges...
SPRECHER 2: ...und, wie wir sehen, nicht immer ganz gefahrloses...
S1:...Verhältnis zu den Erdschwämmen, den Pilzen.
In der Musikgeschichte etwa finden sich dafür eine ganze Reihe
illustrer Beispiele.
Wobei die Epikureer und Bonvivants unter den Tonkünstlern eher
den Wohlgeschmack...
S2: ...und andere Lüste stimulierende Wirkungen...
S1: ...zu schätzen wußten, während sich die Mystiker darunter eher von der Aura des Geheimnisvollen, des Erdverbundenen...
S2: ...oder auch des Dionysischen...
S1: ...inspirieren ließen.
MUSIK(Hintergrund): (Stradivari-Klänge)
S1: Einige Instrumentenkundler vermuten gar, der unerreichte Klang von STRADIVARI's Geigen verdanke sich nicht nur dem handwerklichen Genie des Maestros, sondern sei auch das Werk winziger Schimmelpilze gewesen, die in dem von ihm verwendeten Ahorn- und Fichtenholz lebten, dort mikroskopisch kleine resonierende Hohlräume fraßen und so die Feinheiten des berühmten Stradivari-Timbres herbeizuzaubern halfen.
S1: Als GIOACCHINO ROSSINI sich im Alter von gerade einmal 37 Jahren, auf dem Höhepunkt seines Publikumserfolges, von der großen Oper ab- und passioniert den Kochtöpfen zuwandte, gelang ihm...
S2: ...neben der ihm zugeschriebenen Erfindung der Cannelloni...
S1: ...eine Kreation, die seinem Namen Eingang in die Kochbücher der Haute Cuisine verschaffen sollte: die...
Zitatsprecher: ...„Tournedos a la Rossini"...
S1: ...ein...
S2: ...den Cholesterinspiegel in astronomische Höhen treibendes...
S1: ...Gericht aus Rindermedaillons, gebraten in Butter, mit Gänseleberscheiben in Madeirasauce und, vor allem, mit reichlich Trüffelpilzen.
MUSIK(Hintergrund): (einige Takte aus ROSSINIs „Wilhelm Tell Ouvertüre")
S1: Jeden Samstagabend traf man sich im Salon seiner Pariser Villa
zu
schöngeistigen Gesprächen und hemmungslosem Schlemmen.
Und zwischen den Mahlzeiten, da bekam der Hausherr dann ab und an doch
noch einmal wieder Lust zum Musizieren.
Er setzte sich an den Flügel und spielte eigens komponierte kleine
Tischmusiken mit solch skurrilen Namen wie:
Z: „Cornichons", „Radieschen", „Anchovis", oder (als Dessert) „Studentenfutter mit Mandeln, Nüssen und Rosinen".
S2: Als verdauungsfördernde Zugabe gab es dann noch zum Abschluß (mit auf den Nachhauseweg) den...
Z: ...„Rhizinus-Walzer"...
S2: ...Legato!
S1: Was das Essen anbetraf, so pflegte übrigens auch sein Landsmann GIACOMO CASANOVA ähnliche Vorlieben:
S2: Zur Stärkung für seine kalorienzehrenden Geschäfte machte er sich ganz gerne vorm Tete-a-tete über einen Teller mit...
Z: ... „Trauernden Witwen"...
S1: ...her. Das sind...
S2: ...Honi soit qui mal y pense!!...
S1: ...getrüffelte Hühnchenschenkel!
MUSIK: (einige Takte aus JOHN CAGEs „Sonatas for prepared Piano")
S1: Doch nicht nur ausgewiesene Gourmets der Musikszene
erlagen
der Faszination des Pilzes.
JOHN CAGE etwa...
S2: ...der sein Publikum mit präparierten Pianos, zwischen deren Saiten so allerlei, von der Glasscherbe bis zum Schraubenschlüssel, baumelte, auf harte Proben stellte - oder ihm einen Klavierspieler vorsetzte, der exakt 4 Minuten und 33 Sekunden lang nicht spielte...
S1: ...der Avantgarde-Komponist und Kunstphilosoph galt jenseits der Konzertwelt als einer der renommiertesten Mykologen, Pilzforscher Amerikas.
S2: Ja, gerade diese Neutöner scheinen eine besondere
Vorliebe
zu haben für Morcheln & Lorcheln,
Boviste & Maronen, Hexenröhrlinge & Nebelkappen,
Scheidenstreiflinge
& Hundsruten, Schleimfüße & Samtfüße,
Zitterzähne
& Lohblüten, Erdsterne, Eichhasen, Zunderschwämme,
Ziegenbärte,
Ochsenzungen, Satanspilze, Mönchsköpfe oder
Nonnenpfürzchen:
S1: Der Österreicher ANTON WEBERN sammelte in den Wäldern rund um das Städtchen Mittersill mit großer Begeisterung seine Schwammerln und sinnierte darob so nebenher über deren rätselhaftes Wesen als Inbegriff des Organischen, der Kunst, des Göttlichen...
S2: ...und Überhaupt!
S1: Währenddessen vertonte in der Steiermark sein Freund ALBAN BERG das Drama „Wozzeck" von GEORG BÜCHNER:
MUSIK: (BERGs „Wozzeck")
(aus 1.Akt/4.Szene)
IRRENARZT „Wozzeck, er hat eine Aberratio..."
WOZZECK „Die Schwämme! Haben Sie schon die Ringe von den
Schwämmen
am Boden gesehen? Linienkreise - Figuren - Wer das lesen könnte!"
IRRENARZT „Wozzeck, er kommt ins Narrenhaus. Er hat eine schöne
fixe Idee, eine köstliche Aberratio mentalis, partialis, zweite
Spezies!
Sehr schön ausgebildet!"
S1: Die Hexenringe, von denen der arme Wozzeck auf seinem Kasernenhof phantasierte, haben die Menschen seit eh und je fasziniert. Man konnte sich lange keinen rechten Reim darauf machen, wie es denn kommen kann, daß Pilze sich, wie mit einem Zirkel plaziert, zu magischen Kreisen zusammenfinden.
S2: Wenn das mal nichts zu bedeuten hat!?
S1: Natürlich! Die Naturwissenschaft präsentierte, wie es
ihr Geschäft ist, eine entzaubernde Erklärung auch für
dieses
Phänomen:
Das Mycel, das unterirdische Pilzgeflecht wächst demnach von einem
Keim aus ringförmig und gleichmäßig nach allen
Richtungen
(sofern es nicht auf Hindernisse trifft) und in jedem Jahr erscheinen
die
oberirdischen Fruchtkörper dann a n der äußeren
Peripherie
dieses konzentrischen Gebildes.
Das ist alles!
S2: So weit, so gut!
Doch in der Welt der Pilze wähnt man sich ja auch anderswo des
öfteren schaudernd in Teufels Küche:
Luziferin heißt - bezeichnenderweise - dann auch jene
Substanz,
die schon so manchen nächtlichen Wanderer bei sich eine Aberratio
mentalis befürchten ließ. Jener Stoff im Organismus
des
Hallimasch bringt (unter bestimmten Bedingungen) an feuchten
Sommerabenden
vermoderndes Holz in kalter Glut zum Leuchten.
S1: Aber nun doch bitte wieder zurück zur Kultur!
Auch unter Literaten treffen wir erstaunlich viele Pilzfreunde.
Fanz Kafka wählte einen Riesenkäfer zum Sinnbild des Absurden
und Unheimlichen in der Welt, sein Kollege EUGENE IONESCO verfiel in
seinem
Theaterstück „Amedee" zum gleichen Zweck auf einen monströsen
Champignon, der einem Dichter als ungebetener Mitbewohner das Leben
schwer
macht.
Oder in ALDOUS HUXLEY's „Schöner neuen Welt" - dort flüchtet eine degenerierte Menschheit...
S2: ...die, damals noch utopisch, ein Dasein fristet zwischen Computern, genmanipulierten Lebensmitteln, Retortenbabys und einem Rund-um-die-Uhr-Unterhaltungsprogramm...
S1: ...in den Rausch halluzinogener Pilze.
S2: Auch scheint es durch eine hinreichende Indizienkette belegt, daß sich der Kinderbuchautor LEWIS CARROLL von Fliegenpilzen seine Phantasie hat beflügeln lassen, ehe er seine „Alice" ins „Wunderland" und „hinter die Spiegel" treten ließ:
Z: „Alice sah sich überall...in ihrer Nähe um... Nicht weit von ihr wuchs ein großer Pilz, ungefähr so groß wie sie selbst... Sie stellte sich auf die Zehenspitzen und spähte über den Rand, und alsbald traf ihr Blick den einer großen blauen Raupe, die mit verschränkten Armen dort oben saß und ruhig aus einer langen Wasserpfeife schmauchte... 'Bist Du zufrieden damit, wie Du jetzt bist?' fragte die Raupe. 'Nun, ein klein wenig größer möchte ich schon gerne sein, wenn es Ihnen nichts ausmacht', sagte Alice... (Die) Raupe...stieg...vom Pilz herab und kroch durchs Gras davon, wobei sie nur kurz im Vorübergehen bemerkte: 'Von der einen Seite wirst Du größer, von der andern kleiner'. 'Eine Seite wovon?...' dachte Alice im stillen. 'Vom Pilz', sagte die Raupe, als hätte Alice laut gefragt, und war im nächsten Augenblick veschwunden... (Alice) knabberte versuchsweise... Im selben Augenblick bekam sie auch schon einen heftigen Schlag unters Kinn - sie war damit an ihrem Fuß aufgeprallt... Sie schrumpfte noch immer zusehends weiter...So ging sie also daran,...(ein anderes) Stück abzubeißen...bis sie sich zuletzt wieder auf ihre richtige Größe gebracht hatte!"
MUSIK: (einige weitere Takte JOHN CAGE)
S1: In den Religionen der Welt spielte der Pilz, vor allem als
Rauschmittel, immer schon eine bedeutende Rolle.
Was in Indien oder Sibirien der Fliegenpilz gewesen ist, war im antiken
Griechenland das Mutterkorn oder in Mexico ...
S2: ...als Hostie gereicht in christlichem Gottesdienst und beschworen in katholischer Liturgie als das Blut Christi...
S1: ...der „Teonanacatl", der Psilocybe-Pilz aus der Gattung der Kahlköpfe.
S2: Übrigens, auch in anderen, weltlicheren Ritualen der Neuzeit begegnet man den halluzinogenen Pilzen, den Magic mushrooms. So zieht es neuerdings so manchen kurzgeschorenen Raver vor der nächsten Techno-Party hinaus auf heimische Viehweiden. Zurück zur Natur (und fort von der Designerdroge Ecstasy) sucht er dort - nomen est omen! - nach dem „Spitzkegligen Kahlkopf" oder dem „Glockendüngerling", ebenjenen Verwandten der südamerikanischen Zauberpilze, die auch auf deutschen Kuhfladen prächtig gedeihen.
MUSIK(Hintergrund): ( einige Takte Techno-Musik)
S1: Nicht nur Literaten, Künstler und Philosophen waren zu Beginn des Jahrhunderts von den Schilderungen der Ethnologen und Religionswissenschaftler tief beeindruckt, auch die Pharmazie zeigte sich sehr interessiert an solchen unbekannten und offensichtlich potenten Drogen.
S2: War sie doch damals als noch junger Forschungszweig ohne Meriten bestrebt, der Öffentlichkeit möglichst spektakulär wirkende Substanzen zu präsentieren.
S1: Ein Pionier auf diesem Gebiet war der Schweizer Albert Hofmann, Chemiker bei Sandoz. Ihm gelang es, aus dem Wirkstoff des Mutterkornpilzes ein Rauschmittel zu gewinnen, das einige Jahrzehnte später unter dem schlichten Namen Lysergsäurediäthylamid (kurz: LSD) noch einigen Wirbel verursachen sollte.
MUSIK: (einige Takte JIMI HENDRIX / z.B „Voodoo Chile")
S1: Viele bedeutende Entdeckungen der Medizin in diesem
Jahrhundert
profitierten von der Heilkraft diverser Pilze. Das Penicillin machte
den
Anfang, und in den letzten Jahren sorgte vor allem die therapeutische
Nutzung
eines Stoffes für Schlagzeilen, den Wissenschaftler durch Zufall
in
einem Pilz von der norwegischen Hochebene Hardangervidda gefunden
hatten:
das Cyclosporin bewirkt in bislang unersetzlicher Weise bei
Organtransplantationen,
daß das körperfremde Gewebe nicht wieder abgestoßen
wird.
Nach diesen unerwarteten Erfolgen versuchten die Mykologen immer
eifriger,
dem Zufall ein wenig nachzuhelfen. Täglich werden heute in ihren
Labors
Bodenproben aus allen Weltgegenden akribisch daraufhin untersucht, ob
sich
nicht darin irgendwo ein unbekanntes heilbringendes Schwammerl
verbirgt.
Doch nicht nur als Stimulanz für rituelle Ekstasen oder zu heilenden Zwecken diente der Pilz in den verschiedenen Kulturen - sein geheimnisvolles Wesen fand bald auch Eingang in das Reich der Symbole. Gemälde oder Skulpturen mit Pilzdarstellungen fanden sich im alten Ägypten ebenso wie bei den Sumerern des Zweistromlandes, den Azteken und Inkas oder auch im (vom Vesuv verschütteten) römischen Nobelbadeort Herkulaneum.
S2: Als Glückssymbol eingeführt haben ihn übrigens - nicht ganz ohne Hintersinn - die Engländer: als Glückspilz gilt ihnen (naheliegenderweise) der neureiche Emporkömmling!
MUSIK: (noch einmal etwas ROSSINI)
S1: Aber nun wieder zu Tisch!
Die größte Bedeutung haben Pilze nicht in der Sphäre
des Geisteslebens erlangt, sondern ohne allen Zweifel in unserer
Küche.
S2: DIE PILZE UND DER WEIN - Eine Geschichte in mehreren Akten!
S1: Die edelsüßen Sauternes-Weißweine des berühmten Chateau d'Yquem sind Legende...
S2: ...und demgemäß unerschwinglich teuer.
S1: Mit äußerstem Arbeitsaufwand gehen dort
alljährlich
die Lesehelfer in 10, 12 oder mehr Lesegängen durch die Weinberge
und pflücken von jedem Rebstock einzeln in ein kleines
Schälchen
nur die Beeren, die von der sogenannten Edelfäule befallen sind -
d.h. die der Schimmelpilz „Botrytis" in unappetitlich angefaulte
Rosinen
vewandelt hat. Doch, wie gesagt, handelt es sich dabei um eine edle
Fäulnis.
Dieser spezielle Pilz...
S2: ...dessen Sporenkörnchen unter dem Mikroskop tatsächlich aussehen wie kleine Weintrauben...
S1: ...dieser Schimmel erfüllt einen hehren Auftrag und sorgt
dafür,
daß sich der Traubensaft extrem konzentriert. Die Ausbeute ist
bei
diesem Verfahren, wie sich denken läßt, mehr als gering.
Ist der Most dann in den Fässern, beginnt ein eher
hemdsärmliger
Vertreter aus der Pilzwelt seine...
S2: ...für ihn letztlich im Vollrausch den Tod bringende...
S1: ...Arbeit: Die Hefe!
Entweder jene natürlich vorkommenden und bereits auf den
Schalen
der Beeren ansässige oder aber von Lebensmittelchemikern...
S2: ...neuerdings auch von Gentechnikern...
S1: ...hochgerüstete Reinzuchthefen vergären den Traubensaft
zum Wein.
Überhaupt sind Hefepilze in unserer Nahrung allgegenwärtig:
sie bringen ihr Brandopfer in der Weihnachtsbäckerei ebenso wie
bei
der Herstellung von Pils oder Alt...
S2: ...mal unter- und mal obergärig, doch immer pflichtbewußt laut Arbeitsvertrag nach dem deutschen Reinheitsgebot von 1516.
S1: In der asiatischen Küche, in der man überhaupt ein besonderes Faible für Pilze aller Art (vom „Shiitake" bis zum „Affenkopf") hat, produzieren sie die Sojasaucen...
S2: ...und so manch einem Japaner beschert eine Hefe aus der Familie
„Candida" einen Zustand, für den es im Japanischen sogar einen
eigenen
Begriff gibt - Metei-Sho, was ungefähr soviel heißt wie:
Betrunken
sein, ohne getrunken zu haben!
Und damit hat es folgende Bewandtnis: besagte Hefe produziert im
japanischen
Darm - mit Vorliebe aus Süßspeisen (wie eben auch im
Weinkeller)
- Alkohol. Da nun im Körper vieler asiatischer Menschen jenes
Enzym
fehlt, welches bei europäischen Zechern nach Silvester die
Promillezahl
recht zügig wieder zu senken vermag, reicht in Ausnahmefällen
die dabei anfallende Alkoholmenge tatsächlich für einen
veritablen
Rausch.
S1: Jene Arbeit, an deren Ende nun aber im Gegenteil der Rausch durch's Trinken stehen soll, jene Mühe der Kellermeister kann völlig umsonst gewesen sein, wenn es einem anderen....
S2: ...hinterhältigen...
S1: ...Schimmelpilz gelungen ist, sein Zerstörungswerk zu
beenden.
Und dabei handelt es sich ausgerechnet um einen der distinguiertesten
Vertreter seiner Gattung:
„Penicillium roquefortii", der neben seinem Kollegen „Penicillium
camembertii",
in der Käseproduktion angesehene Dienste verrichtet, treibt...
S2: ...als eine wahrer Dr.Jeckyll & Mr.Hide...
S1: ...so manchen Weinliebhaber in die Verzweiflung. Sein verborgenes Leben in der Rinde der Korkeiche ist nämlich in vielen Fällen für einen verkorksten Tropfen verantwortlich.
S2: Ist jedoch auch diese Gefahr abgewendet worden und die Flasche geleert, droht dem zügellosen Zeitgenossen ein Sittenwächter der ganz besonderen Art: Der Guttempler- oder Antialkoholikerpilz, auch bekannt unter dem Namen „Faltentintling". Verzehrt man diesen durchaus wohlschmeckenden Fund zusammen mit einem Gläschen Wein, so kann es passieren, daß man eine böse Überraschung erlebt: die Gesichtshaut des so bestraften Säufers verfärbt sich in diesem Fall, oft tagelang anhaltend, in einem eindrucksvollen und entlarvenden Blau!
S1: Doch nun vom edlen Wein zu einer der kostbarsten Zutaten der
Feinschmeckerküche:
der TRÜFFEL!
Und hier findet sich ein interessanter Zusammenhang. In den Jahren
um 1870 zerstörte die Reblaus in Südwestfrankreich die
meisten
Weinlagen. Vor allem im Perigord gaben viele Winzer damals auf, und in
den brachliegenden Flächen pflanzten sich (oder pflanzte man)
Eichenhaine.
Und die Eiche nun ist der Partner der Trüffel, deren Geflecht eng
mit den Baumwurzeln verknüpft in Symbiose lebt. Seit dieser Zeit
nun
ist das Perigord, neben dem italienischen Piemont, das Paradies
für
Liebhaber dieses kulinarischen Juwels.
Der hohe Handelswert dieser Luxusware hat nun immer schon - wenngleich
bis heute mit bescheidenem Erfolg - den Züchterehrgeiz
beflügelt...
S2: ...wie auch die kriminelle Energie. Immer wieder tauchen Fälschungen auf: mal werden billige und geschmacklose chinesische Trüffel mit Walnußbeize eingefärbt, mal steckt man einfach zwischen eine Lage ebensolcher eine echte Trüffel, deren Aroma dann auf ihre nichtswürdigen Kistengenossen übergeht.
S1: Was nun den lukullischen Wert dieses Pilzes anbetrifft, so hat sich auch hierzu die Wissenschaft zu Wort gemeldet und eine - nun ja - etwas delikate Erklärung gegeben: der Duftstoff der Trüffel ähnelt in seiner chemischen Zusammensetzung auf verblüffende Weise jener des Sexualpheromons eines Ebers in der Brunst.
MUSIK: (einige Takte aus MOZARTs „Papageno: Ein Mädchen oder Weibchen...")
S2: Bon Appetit! Von Casanova's Leibgericht war ja schon die Rede.
Ein
- hier nicht namentlich erwähnter - Dichter und Maler aus dem
Elsaß
allerdings schwört auf ein anderes Aphrodisiakum:
die „Warzige Hirschtrüffel" - einen etwas derberen Vertreter der
Sippe.
S1: Da wir nun schon einmal das Reich der Düfte angesprochen haben: auch die Parfümindustrie...
S2: ...und die sinistre Riege der Lebensmitteldesigner...
S1: ...bedient sich heute der verblüffenden Fähigkeit
bestimmter
Pilze, Aromastoffe zu produzieren. Die Palette reicht dabei von
Fruchtaromen
über Anis bis hin zum Knoblauchduft.
Die Nahrungsmittelindustrie hat dabei vor allem den Schimmel auf
unterschiedliche
Weise in Dienst genommen: so wird zum Beispiel auch die in Massen
verwendete
Zitronensäure heute mitnichten aus Zitronen hergestellt, sondern
in
Pilzkulturen gewonnen...
S2: ...und in England hat in den letzten Jahren ein aus Getreideschimmel synthetisierter Fleischersatzstoff bereits den Weg auf die Teller gefunden.
S1: Jetzt dann aber doch lieber wieder zu etwas
Appetitlicherem:
MUSIK: (einige Takte aus CHOPINs „Trauermarsch"/"Klaviersonate Nr2. B-moll op.35"-3.Satz)
S2: Die TOTENTROMPETE!
Der Weg alles Irdischen vom Staub zum Staube ist wohl bei keinem
Lebewesen
kürzer.
Und die Psyche jenes Menschen, der als erster auf die abenteuerliche
Idee kam, so etwas in den Mund zu nehmen, wird uns ewig rätselhaft
bleiben...
S1: ...doch stehen wir tief in seiner Schuld!
Die Totentrompete ist der Trockenpilz schlechthin, und das nicht nur
wegen ihres schon zu Lebzeiten reichlich brüchigen und welken
Fleisches,
sondern weil sich erst nach dem Trocknen ihre unglaubliche
Würzkraft
entfaltet. Ihr lateinischer Name „Cornucopioides"...
S2: ...Vorname „Craterellus"...
S1: ...bedeutet Füllhorn, und wirklich, sobald man einige der unansehnlichen Krümel in Wasser gibt, verströmen sie ein delikates Aroma, und bald schon schwimmen die ausgelaugten Stücke in einer tiefbraunen Essenz. In der französischen Spitzengastronomie findet man die Totentrompete gelegentlich gar als Alternative zur Trüffel.
S2: Pilze sind keine Pflanzen! Es fehlt ihnen die charakteristische
Fähigkeit jeden Grünzeugs, aus Licht und Luft Nährstoffe
zu gewinnen. Ihr Organismus ist so darauf angewiesen, all seine
Kräfte
und Säfte direkt aus dem Boden zu beziehen. Und keine Spezies
macht
diese Erdverbundenheit sinnfälliger als jenes unscheinbare
Gewächs
aus der Unterwelt, von düsterem Aussehen und Wesen, versteckt im
Moos
am Fuße alter Buchen.
MUSIK: (und noch ein letztes Mal JOHN CAGE)
S1: Die MORCHEL!
In einem alten Kochbuch steht zu lesen:
Z: „Viel und mancherlei Schwämme wachsen in deutschen Landen. Die besten von allen sind die, so im Aprillen bis zum Anfange des Mai in etlichen Grasgärten, bei den aleten Obstbäumen, nicht weit von den Wurzeln, gesehen werden. Die Form dieser Schwämme ist rund als ein Hütlien, auswendig voller Löchlein gleichwie der Honigrasen oder der Bienen Häuslein anzusehen... Gemeldete Schwämme verwelken und verdorren im Maien und werden außer der Zeit im ganzen Jahr nicht mehr gesehen!"
S1: Apfelbäume, die ihre Jugendjahre zu Zeiten Kaiser Wilhelms
und des lauteschlagenden Wandervogels verlebt haben, knorrige
Hochstämme
- noch gibt es diese alten Streuobstwiesen.
Und nachdem die meisten Talauen den Generalstabsplänen der
Flurbereiniger...
S2: ...und Mäanderhasser...
S1: ...zum Opfer gefallen sind, findet man hier ein letztes Refugium
für eines der ganz großen kulinarischen Wunder.
Zur Zeit der Apfelblüte...
S2: ...und - glückliche Fügung und Fingerzeig der Natur - noch ehe die Brennesseln in bedrohliche Höhen gewachsen sind...
S1: ...beginnt nach dem ersten ergiebigen Regenschauer die
Morchelsaison.
Drei Arten dieses - neben der Trüffel teuersten - Pilzes wachsen
in unseren Breiten:
die Speisemorchel...
S2: ...Barock!...
S1: ...die Spitzmorchel...
S2: ...Gotisch!...
S1: ...und die Häubchenmorchel...
S2: ...Russisch-Orthodox!
S1: Gewachsen im Humus des vergangenen Jahres - überreifes Obst, fettes Laub, aromatische Wiesenkräuter...
S2: ...all diese Ingredienzen rein in den Regenwurm, raus aus dem Regenwurm...
S1: ...aufgesogen vom unterirdischen Mycelgeflecht und konzentriert im Fruchtfleisch des Pilzkörpers. Ein unvergleichlicher Genuß!
S2: Gewarnt werden muß an dieser Stelle vor einem
Etikettenschwindler,
der sich im Geäst abgestorbener Holunderbüsche zu
verstecken
pflegt und den Ruf der ehrwürdigen Morchel in den letzten Jahren
arg
beschädigt hat. Er schmeckt und riecht nahezu nach gar nichts,
glibbert
ein wenig, ist mit der hochwohlgeborenen Familie nur sehr
weitläufig
verwandt und verkauft sich dennoch (im Eintopf mit
Bambusschößlingen
und Sojasprossen) hochstaplerisch als „Chinamorchel"!
Die Rede ist von „Hirneola auricula-judae", dem „Judasohr" - soll sich
doch Judas Ischariot, einer Legende zufolge, an einem Holunderast
erhängt
haben!
MUSIK: (noch einmal einige Takte aus CHOPINs „Trauermarsch")
S1: Daß der Pilzgenuß nicht immer ohne Reue ist, das
wußten
die Menschen zu allen Zeiten:
an „vergifteten Erdschwämmen" verschied neben dem eingangs
erwähnten
Johann Schobert noch weitere Prominenz: Papst Clemes VII, die Kaiser
Karl
mit den Nummern VI und VII -
anno 54 verwöhnte Agrippina die Jüngere ihren Gemahl,
Tiberius
Claudius Caesar Augustus Germanicus, mit einer wohlschmeckenden
Kreation
aus „Amanita virosa"...
S2: ..."weißem Knollenblätterpilz"...
S1: ...und der große Tragödiendichter Euripides...
S2: ...blieb auch auf diesem Felde seinem Metier treu...
S1: ...er verlor durch eine Giftpilzmahlzeit an einem Tag seine Frau und drei Kinder...
S2: ...auf tragische Weise!
S1: Doch, keine Angst!
S2: Der griechische Arzt Dioskurides brachte es schon im ersten Jahrhundert nach Christus lakonisch auf den Punkt:
Z: „Der Schwämme Natur ist zwiefach, entweder sind sie eßbar oder verderblich!"
S2: Dieser antiken Weisheit ist nichts hinzuzufügen.
MUSIK: (und noch einmal einige Takte aus CHOPINs „Trauermarsch")
S1: Von den etwa 160 bekannten Infektionskrankheiten bei
Nahrungspflanzen
sind 135 der Erreger Pilze.
S2: In Irland starben zwischen 1845-50 über eine Million Menschen,
als die Kartoffelfäule die Ernte vernichtete. Eine Katastrophe
apokalyptischen
Ausmaßes. Die Menschen verließen zu Zehntausenden das Land
und hinterließen ein Jammertal. Innerhalb weniger Jahre
schrumpfte
die Bevölkerungszahl auf die Hälfte und die Insel wurde zum
Armenhaus
Europas.
Eine andere verheerende Geißel der Menschheit war bis ins
19.Jahrhundert
hinein das „Antoniusfeuer". Durch Mutterkorn verunreinigtes Getreide
verursachte
ein fürchterliches Siechtum, dessen erbarmungswürdigen Opfern
sich seit dem 11.Jahrhundert vor allem der Orden der Antoniter
angenommen
hat.
S1: Überhaupt scheint „Claviceps purpurea", das
Mutterkorn,
in einer ganz besonderen Beziehung zum Menschen zu stehen: Im Kindbett,
wo sich schon die Hebammen der Antike seiner wehen-beeinflussenden
Wirkung
bedienten...
S2: ...als Salbe oder Trank in den Mixturen der Engelmacherinnen und
der Hexen...
S1: ...als pharmazeutischer Grundstoff für Migränemittel
oder blutstillende Arzneien...
S2: ...bis hin zu seiner Rolle als Rauschdroge in den Dionysien der
alten Griechen oder den LSD-Parties der bewegten Studenten.
S1: Doch, wie so oft, so zeitigte auch hier die böse Sache ab
und
an einmal ein Gutes:
Im Jahr 1722 scheiterte der Überfall des russischen Zaren, Peter
des Großen, auf das türkische Reich daran, daß eine
Mutterkornvergiftung
ganze Kompanien noch vor der Schlacht...
S2: ...zur Unzeit also (militärisch betrachtet)...
S1: ...ins Lazarett verbrachte.
Und noch ein weiteres Mal in der Militärgeschichte dämpfte ein defätistischer Pilz die Kriegsbegeisterung: Die Flotte des Admiral Nelson war im Übereifer des Rüstungswahns aus zu frischem Holz gebaut, und diese Chance nutzte der gemeine Hausschwamm, „Merulius lacrymans", indem er eine stolze Fregatte nach der andern vermodern ließ.
MUSIK: (vielleicht etwas orientalischer Sound)
S2: Im heißen Sand der ägyptischen Wüste
vermutet
man ja doch eigentlich kaum, daß ausgerechnet dort Pilze ihr
Unwesen
treiben könnten, und doch ereignete sich hier vor 75 Jahren eine
Tragödie,
die seither die Phantasie (nicht nur in Hollywood) immer wieder aufs
Schauerlichste
beflügelt hat: DER FLUCH DES PHARAO!
Und auch in diesem mysteriösen Fall schaffte die Forschung
letztendlich
ungefragt mit einer arg profanen Erklärung das Geheimnis und den
Nervenkitzel
aus der Welt.
Im Jahr 1922 öffneten Lord Carnavon, Howard Carter und ihre
archäologischen
Mitarbeiter die Totenkammer des Tutanchamun.
Ein Foto zeigt sie dabei mit weitaufgerissenen Augen und
tiefeinatmenden
Mündern.
Nun, in ebenjenem erhebenden Augenblick infizierten sich der
Lord und einige seiner blasphemischen Helfer mit giftigen
Schimmelpilzsporen,
die im Mull der Mumie seit Jahrtausenden geduldig gelauert hatten -
Todesursache:
Lungenentzündung...
S1: ...infolge eines Sakrilegs!
MUSIK: (Noch einmal einige Takte JOHANN SCHOBERT)
Z: „'Wo käm' man da eigentlich hin? Wenn man
immerfort der Sonn' entgegen ginge?'
'Von morgens an? Na, da würd's'De abends wieder am Ausgangspunkt
sein', entschied ich, voreilig wie immer...
'Nein. Neinein', sagte er:'Davon kann gar keine Rede sein, daß
man abends wieder am Ausgangspunkt wäre. Das ist sogar...eine
ziemlich
komplizierte Angelegenheit... Zuerst ginge man nach Osten. Dann nach
Süden
ausholend...Dann, im Laufe des Nachmittags, Süd-West...und
schließlich
nach Westen: immer der Sonn' entgegen'.
'Am einfachsten wäre's, man führte das...Experiment einmal
praktisch durch'...
'Wie, zum Beispiel, der Sonn' entgegen zu gehen... Ich sag' Dir
bloß
das Eine: wenn ich unterwegs an einem Strunk eine KIEFERNGLUCKE
erblicken
sollte: die wird geerntet!'
'Kannst Du Dir nicht Sparassis ramosa merken, Peter?' tadelte
Fritz...: 'Eine Unterbrechung kommt selbstverständlich
überhaupt
nicht infrage. Und wenn uns ein ganzer Harem verlockend in den Weg
tänzelte!'"
(aus einer Novelle von Arno Schmidt)
GÄRTNER GEGEN GIERSCH
UND
GUNDERMANN
- ÜBER DIE STAMMESGESCHICHTE, DIE PSYCHOLOGIE UND DIE
PATHOLOGIE DES
RASENMÄHENS UND DES UNKRAUTJÄTENS -
(von Dr.Lutz Neitzert)
(SWF-Hörfunk: „S2 vor Mitternacht" am 10.6.98)
MUSIK: Die ersten Takte aus BEETHOVENs 6.SINFONIE („PASTORALE")
(„Erwachen heiterer Gefühle bei der Ankunft auf dem Lande")
ZITAT: (Musik weiter als Hintergrund)
„Der kurz geschnittene Rasen, der kunstvoll angelegte Garten...
scheinen
besonders dem Geschmack der begüterten Klasse in jenen
Gesellschaften
zu entsprechen, in denen lange Schädel und blonde Haare
vorherrschen.
Ohne Zweifel (besitzt der Rasen) eine gewisse sinnliche Schönheit,
und als solcher spricht er unmittelbar die Augen fast aller Rassen und
Klassen an, doch erscheint er dem blonden Langschädel
womöglich
noch schöner als den meisten anderen Leuten..."
MUSIK: (noch einmal etwas BEETHOVEN - dann überblendet und gestört von „Rasenmäher-Lärm")
ZITAT: „...Die höhere Wertschätzung, (welche die genannte Gruppe) für ein Stück Wiese zeigt, entspricht gewissen anderen Zügen (ihres) Temperamentes, die darauf hinweisen, daß (sie) lange Zeit ein Hirtenvolk war und in einer Gegend mit feuchtem Klima wohnte. So erscheint der kurzgeschnittene Rasen einem Volke schön, das die Neigung erbte, an einem wohlgepflegten Weideland ein inniges Vergnügen zu finden. Vom ästhetischen Standpunkt aus (betrachtet) ist der Rasen eine Kuhweide!" (1)
SPRECHER 1: Schon im Jahre 1899 machte sich der amerikanische Soziologe Thorstein Veblen in einem Buch mit dem schönen Titel „Die Theorie der feinen Leute" so seine Gedanken über ein in der Tat nur schwer zu begreifendes Phänomen.
SPRECHER 2: Woher kommt nur der unbändige Drang des Menschen,
jeden
üppig blühenden und gedeihenden Wildwuchs in ein ebenso
kurzgeschorenes
wie nutzloses Rasenstück zu verwandeln?
Warum, um alles in der Welt, wird so voller Ingrimm zum Kreuzzug
geblasen
gegen das gemeine Kreuzkraut und den Löwenzahn, gegen Giersch und
gegen Gundermann?
SPR.1: Zum Frommen von Kraut und Rüben sei ihr Tun, sagen sie!
Unbefangenere Beobachter jedoch argwöhnen, sie hielten es wohl
einfach bloß im Kopf nicht aus, das Gewucher und Gesträuch.
SPR.2: Schon viele kluge Geister suchten nach (mehr oder weniger naheliegenden) Erklärungen - einige kopfschüttelnd oder mitleidend, andere selbst besessen.
ZITAT: „Niemand mäht bei Regen gern, wenn das Gras klatschnaß ist..."
SPR.1: (zustimmendes „Mm!")
ZITAT: „...doch dann zeigt sich, daß (unser neues) Rasenmäher(modell) auch bei schlechtem Wetter alles kann: Die Mähleistung bleibt hervorragend, das klebrig nasse Schnittgut wirbelt ohne Verstopfen in den Fangsack, die Radprofile auf dem glatten Rasen greifen!" (2)
SPR.2: Bei der Lektüre solcher Erfolgsmeldungen in den Werbeprospekten der Gartengerätebauer treten die Feinde des Fortschritts kleinlaut zurück.
SPR.1: Doch die Frage bleibt: Was ist es nur, das den menschlichen Forschergeist so rastlos...
SPR.2: ...auch in strömendem Regen...
SPR.1: ...weitertreibt auf seiner Suche nach dem goldenen Schnitt?
MUSIK: Beginn des 2.Satzes („Szene am Bach") aus BEETHOVENs „PASTORALE"
SPR.2: Im letzten Jahr nun präsentierten die beiden Künstler Vitaly Komar und Alexander Melamid in einer vielbesuchten Ausstellung das erstaunliche Resultat einer repräsentativen Umfrage. Sie hatten in aller Welt die Menschen danach befragt, wie sie sich ein Gemälde wünschten, um es sich als Wandschmuck in ihr Wohnzimmer zu hängen. Und das Ergebnis war in seiner Eindeutigkeit verblüffend:
SPR.1: Nicht nur der „blonde Langschädel", auch seine Artgenossen in aller Herren Länder favorisieren augenscheinlich eine gepflegte Parklandschaft.
SPR.2: An grünen Wiesen möchte man sich ergötzen, darin die Farbtupfer einiger bunter Blüten, ein Apfel- oder Apfelsinenbäumchen, ein Wäldchen - ein Hain, nicht zu dicht, nicht zu düster - vielleicht mit einer Lichtung...
SPR.1: ...darauf ein Hirsch, röhrend, ein blumenpflückendes Mädel oder ein fescher Waidmann...
SPR.2: ...und inmitten der Idylle ein stiller See.
SPR.1: Das ganze betrachtet in beruhigender Fernsicht von einem kleinen Hügel aus.
ZITAT: „Und Gott der Herr pflanzte einen Garten in Eden gegen Osten hin und setzte den Menschen hinein, den er gemacht hatte... auf daß er ihn bebaute und bewahrte"!
MUSIK: aus HAYDNs „SCHÖPFUNG" das REZITATIV NR.7 („Und Gott sprach: Es bringe die Erde Gras hervor...") und anschließend den Beginn der ARIE NR.8 („Nun beut die Flur das frische Grün den Augen zur Ergötzung dar..." bis zur Zeile „...sanfter Schmuck") (Gesamtdauer ca.2 Min.)
SPR.2: Bei diesen schönen Klängen treten uns nun die Verhaltensforscher und die Prähistoriker bedeutungsvoll und wissend nickend zur Seite und erklären ihre, profanere, Sicht der Dinge:
SPR.1: Die Wiege des Menschen befand sich, soviel scheint festzustehen, im Osten Afrikas, in den weiten Savannen. Hier erlernten unsere Ahnen den aufrechten Gang und hier prägte sich unsere erste Weltanschauung.
SPR.2: Der Mensch ist ein „Augentier", und das bis heute.
SPR.1: Das leuchtendgelbe Rechteck eines blühenden Rapsfeldes...
SPR.2: ...unbestreitbar irgendwie schön...
SPR.1: ...Gemüsebeete und Rabatten...
SPR.2: ...alles was für’s Auge...
SPR.1: ...und selbst in der Baumschule ist augenscheinlich Ästhetik das Hauptfach...
SPR.2: ...quadratisch, praktisch...
SPR.1:...nun gut! Das schöne Ding soll dem Auge ohne jeden unbehaglichen Rest faßlich sein. Schon das Wurmloch im Apfel, der Pickel...
SPR.2: ...respektive die Nudel...
SPR.1: ...im Gesicht beunruhigen uns zutiefst. Das undurchdringliche Gestrüpp, die unaufgeräumte Kellerecke - und der Anblick eines Maulwurfshügels erweckt im Gärtner, wider besseres Wissen, die Angst vor unabsehbaren Gefahren aus dem Untergrund.
SPR.2: Wer außer uns hätte es denn wohl erfinden sollen:
das „Verbundsteinpflaster"?!
Der Mensch will um sich herum klare Verhältnisse, sonst wird es
ihm unheimlich zumute. Scharfe Konturen und geometrisch eindeutige
Formen,
die jede verdächtige Unregelmäßigkeit auf einen Blick
verraten,
ein helles, feinzeichnendes Licht und eine unverstellte Aussicht.
SPR.1: Wir waren nie besonders kräftig oder schnell auf den Beinen, und so waren unsere Ahnen darauf angewiesen, möglichst rechtzeitig das Hasenpanier zu ergreifen, wenn Gefahr im Verzuge war.
SPR.2: Jedenfalls hat unsere Art überlebt und sie eroberte zuletzt auch solche Gegenden, die dem alten Ideal in keiner Weise mehr entsprachen - dichte Urwälder, düstere Moore, schroffe Gebirgslandschaften. Die Sehnsucht nach dem verlorenen Paradies, die aber blieb.
SPR.1: Es sollte viele Jahrzehntausende dauern, bis wir uns endlich imstande wähnten, unsere Umwelt auch jenseits von Afrika nach eigenem Wunsch und Plan eigenmächtig umzugestalten.
MUSIK: einige Takte Barockmusik (eventl. der Beginn des „CONCERTO GROSSO op.6,5" von HÄNDEL)
SPR.2: Zur Zeit des Barock gefielen sich die Fürsten und Potentaten (ihres Gottesgnadentums gewiß) darin, ihre Allmacht auch als Landschaftsgestalter sinnfällig zu demonstrieren.
SPR.1: Und wie stets, so tat der Mensch dann auch in diesem Falle wieder einmal entschieden des Guten zuviel.
SPR.2: Philosophen fanden zunächst, wie es ihre Aufgabe ist, schöne Worte:
ZITAT: "Das genaue Verhältnis, die Ordnung und das richtige Ebenmaß aller Teile, daraus ein Ding besteht, ist die Quelle aller Schönheit!" (Johann Christoph Gottsched)
SPR.1: Und die Hofgärtner versuchten diese hehren Ideen beflissen ins Werk zu setzen. In einem alten Katalog für den hochwohlgeborenen Gartenbedarf standen etwa zur Auswahl als Dekorationen des fürstlichen Parks:
ZITAT: „Sankt Georg, der heilige Drachentöter, als Buchsbaum-Skulptur, dazu der passende Lindwurm mit einem langen Schweif aus kriechendem Efeu oder..."
SPR.2: ...für’s sanftere Gemüt...
ZITAT: "...Adam und Eva, geschnitten aus einem Eiben-Busch!" (3)
SPR.1: In ganz Europa eiferte man dem Vorbild von Versailles nach.
Am
Reißbrett entworfene Anlagen zwangen die Pflanzen wie die
Menschen
in geometrische Bahnen.
Doch bald schon sah man die puderperückten Aristokraten
gähnend
durch die französischen Gärten flanieren. Es war alles eben
doch
zu perfekt geraten. Schön zwar...
SPR.2: ...ganz ohne Zweifel...
SPR.1: ...aber irgendwie doch auch zum Sterben langweilig. Ein klein wenig Nervenkitzel verschaffte man sich in kunstvoll gestalteten Labyrinthen oder bei exotischen Tierschauen. Aber die rechte Spannung, die wollte auch dort kaum einmal aufkommen.
SPR.2: Höflinge wie Louis de Saint-Simon begannen schließlich, hinter vorgehaltener Hand zu murren und dann zu protestieren:
ZITAT: „(In Versailles) war (es) dem König ein Vergnügen, die Natur zu tyrannisieren und sie mit dem Aufgebot von Kunst und Geld zu bändigen... Man fühlt sich durch den Zwang, der überall der Natur angetan ist, angewidert!" (4)
SPR.2: Damals erschien zum ersten Mal die Ahnung, was alles verloren ist, wenn überall nur der planende Menschengeist die Welt nach seinem Ideal gestaltet und begrenzt.
MUSIK: (NACHTIGALLEN-Gesang)
ZITAT: Christian Fürchtegott Gellert - „Die Nachtigall sang einst mit vieler Kunst / ihr Lied erwarb der ganzen Gegend Gunst / die Blätter in den Gipfeln schwiegen / und fühlten ein geheim Vergnügen / der Vögel Chor vergaß der Ruh / und hörte Philomenen zu!" (5)
SPR.2: Dort waren keine Vögel mehr im Reich des Sonnenkönigs - höchstens noch in den goldenen Käfigen der Orangerien. Und so begaben sich die Empfindsameren unter den Untertanen schließlich auf die Suche nach verlorenen Idyllen.
ZITAT: Ewald Christian von Kleist - „Empfang mich, schattiger Hain, voll hoher grüner Gewölbe! / Empfang mich! Fülle mit Ruh und holder Wehmut die Seele! / ... / Ihr holden Thäler voll Rosen, von lauten Bächen durchirret! / Mit Euren Düften will ich in mich Zufriedenheit ziehen! /.../ Gestreckt im Schatten will ich in güldne Saiten die Freude, die in Euch wohnet, besingen!" (6)
SPR.1: Das Rokoko versuchte ein wenig Lebendigkeit in das versteinerte Barock zurückzuholen. In den Gedichten der Anakreontiker und auf den Gemälden von Künstlern wie Fragonard oder Watteau streifen fröhliche Menschen durch Wald und Flur um jenseits der beengenden Welt des Hofes endlich wieder einmal tief durchatmen zu können - am Busen der Natur.
SPR.2: Allerdings sehnte manch einer wohl aus ganz anderem Grund gelegentlich ein wenig schützendes Buschwerk herbei:
ZITAT: Johann Peter Uz - „O Traum, der mich entzücket! Was hab ich nicht erblicket! / Ich warf die müden Glieder in einem Tale nieder, wo einen Teich, der silbern floß, ein schattiges Gebüsch umschloß / Da sah ich durch die Sträuche mein Mädchen bei dem Teiche / Das hatte sich zum Baden der Kleider meist entladen / bis auf ein untreu weiß Gewand, das keinem Lüftchen widerstand / Der freie Busen lachte, den Jugend reizend machte / Mein Blick blieb lüstern stehen bei diesen regen Höhen / ... / Sie fing nun an, O Freuden! Sich vollends auszukleiden: Doch ach! Indem’s geschiehet, erwach ich und sie fliehet! / O schlief ich doch von neuem ein! Nun wird sie wohl im Wasser sein!" (7)
SPR.1: Auch außerhalb der Hofmauern regte sich in der Gesellschaft immer vernehmlicher die Kritik an den politischen Zuständen und revolutionär gesinnte Bürger erkoren, nicht ohne Grund, den Gartenbau zu einem vieldiskutierten Nebenkriegsschauplatz ihrer Revolution.
SPR.2: Allen voran Jean-Jacques Rousseau, der in seinem Briefroman „Die neue Heloise" voller Ergriffenheit den Spaziergang durch einen wildromantischen Park schildert und darin das Gegenbild malt zur absolutistischen Hofkultur:
ZITAT: „ Ich fing an, den so umgewandelten Baumgarten mit berauschter Seele zu durchstreifen; wenn ich keine exotischen Gewächse, keine Pflanzen aus den beiden Indien fand, so fand ich die einheimischen so verteilt und geordnet, daß sie eine angenehmere und freundlichere Wirkung machten. Der grüne, dichte, aber geschorene kurze Rasen war mit Quendel, Minze, Thymian, Majoran und anderen duftigen Kräutern untermischt. Man sah darauf tausend Feldblümchen blinken, unter denen das Auge mit Erstaunen einige Gartenblumen herausfand, die mit den übrigen wild zu wachsen schienen. Ich kam von Zeit zu Zeit an dunkele, den Sonnenstrahlen undurchdringliche Dickichte, wie in dem dichtesten Walde... An den offeneren Stellen sah ich hier und dort ohne Ordnung und Symmetrie Rosen, Himbeeren, Stachelbeeren,...Haseln, Holunder, wilden Jasmin (und) Pfriemenkraut..., welches die Erde schmückte, indem es ihr das Ansehen eines Brachfeldes gab. Ich kam durch gewundene unregelmäßige Gänge, mit blühenden Büschen eingefaßt und mit tausend Gehängen von Efeu, Hopfen (und) wildem Wein... Sie begreifen wohl, daß die Früchte sich bei allen diesen Mitzehrern nicht zum besten befinden; aber an diesem Orte allein hat man das Nützliche dem Angenehmen aufgeopfert... auf dem ganzen übrigen Grundstück ist für die Bäume und Gewächse so gesorgt, daß die Obsternte... doch noch immer (reichlich ausfällt)!"(8)
SPR.2: Nun, ganz so ernst war es mit dem „Zurück zur Natur" dann eben doch nicht gemeint. Man wollte schon noch selbst bestimmen, wo es ein wenig wuchern und mäandern sollte - und den Ernteertrag, den durfte es natürlich auch nicht schmälern.
SPR.1: Immanuel Kant traf, wie immer, den Punkt, indem er befand:
ZITAT: „(Ich schließe) daraus, daß wilde, dem Anscheine nach regellose Schönheit nur dem zur Abwechslung gefalle, der sich an der regelmäßigen satt gesehen hat!" (9)
SPR.2: Jedenfalls kam im ausgehenden 18.Jahrhundert der sogenannte „englische Garten" in Mode. Landschaftsarchitekten wie Peter-Joseph Lenné oder sein größter Rivale, Hermann Fürst von Pückler-Muskau...
SPR.1: ..den Charles Dickens einst als „Graf Smorltork" verspottet hatte...
SPR.2: ...studierten auf ausgedehnten Bildungsreisen die „Pleasure Grounds", die „Lustgärten" des englischen Landadels und importierten sie auf den Kontinent.
SPR.1: Überall entstanden so nach britischem Vorbild neue Parkanlagen.
SPR.2: Und das nicht immer zum Wohlgefallen der Obrigkeit. Trafen sich doch darin oft genug die jungen Revoluzzer und die Stürmer & Dränger, um - hinter dichten Hecken, in verborgenen Ecken, auf bemoosten Steinen sitzend - Goethe’s „Werther" zu lesen oder verbotene politische Schriften zu diskutieren. Vor Lauschern geschützt durch das Rauschen künstlicher Wasserfälle.
MUSIK: einige Takte aus der „MARSEILLAISE"
SPR.1: Schließlich kam die Revolution und das Bürgertum übernahm die Herrschaft im Staate. Kaum gehörte man nun selbst zu den Machthabern, schon gefiel man sich darin, wie zuvor die Fürsten, die Natur erneut mit allen Mitteln in ihre Schranken zu verweisen.
SPR.2: Vor allem die Städte sollten nun, wie zuvor die Höfe, vom endgültigen Sieg der Kultur über die Natur künden. Mit der Freude am wilden Wuchs jedenfalls war es vorerst einmal wieder vorbei.
SPR.1: Im Jahre 1832 präsentierte die englische Firma „Ransomes" in Ipswich voller Stolz eine neue Errungenschaft der modernen Zeiten. Eines der ersten in Serie gefertigten Industrieprodukte war...
SPR.2: Nun? Was wohl?
SPR.1: Richtig! Der Rasenmäher!!
SPR.2: Ums Herrenhaus herum wurde wieder eifrig gejätet und auch in der Land- und Forstwirtschaft nahm man, entschlossener als je zuvor, die Egge, die Axt und das Lineal zur Hand.
MUSIK: die 1.Strophe aus „IM MÄRZEN DER BAUER" (Falls
möglich
jene Fassung, deren erste Strophe lautet: „Im Märzen der Bauer die
Rößlein einspannt / er pflanzt und beschneidet die
Bäume
im Land...")
SPR.1: Nach Feierabend studierte man dann in der Gartenlaube fachmännische Anleitungen zum verantwortungsbewußten Obst- und Gartenbau:
ZITAT: „Die Unkrautbekämpfung ist für jeden selbstverständliche Pflicht... Bauern und Gärtner liegen heute, wie eh und je, im Kampfe mit dem Unkraut... Was aber ist ‘Unkraut’?..."
SPR.1: ...die Antwort war schnell gefunden und ließ an Klarheit nichts zu wünschen übrig...
ZITAT: „...Unkraut ist alles, was nicht gesät oder gepflanzt ist und zwischen den Reihen wächst!"
SPR.1: ...Punktum!...
ZITAT: „...noch immer muß in manchen Fällen von Hand gejätet werden..."
SPR.1: ...aber die Ausrüstung wurde zunehmend moderner und schlagkräftiger. Da gab es, in Werbeprospekten angepriesen, ein wohlfeiles Sortiment:
ZITAT: „...den Unkrautstriegel, den Distelstecher, die Bodenfräse und den Untergrundpflug, den Grubber, die Walze und die Netzegge...!"
SPR.1: Dennoch mußte man, mit einem vernehmlichen Stoßseufzer und beinahe resignierend, eingestehen:
ZITAT: „...noch nicht alle diese Unkräuter lassen sich mit den heute bekannten mechanischen und chemischen Bekämpfungsmitteln bekämpfen, und sie alle auszurotten, dürfte wohl nie gelingen!" (10)
SPR.1: Illustriert wurden die raffinierten Schlachtpläne mit den Steckbriefen einschlägiger Vertreter aus den Reihen des Feindes:
ZITAT: „Die weiße Wucherblume, der kriechende Günsel, das Ackerfilzkraut, die Rankenkicher und der Kleewürger, das Franzosenkraut und die gemeine Quecke, das Teufelsauge und der Ziest, der Giersch und der Gundermann!"
SPR.2: Die Chemiker vernahmen den Hilferuf und öffneten ihren Giftschrank. „Unkraut Ex", „E 605" und „DDT" - man rüstete hoch. Und das nicht nur in der industrialisierten Landwirtschaft.
SPR.1: In den Zeiten des Wirtschaftswunders, da hatte
schließlich
auch „Otto Normalverbraucher" endlich die Muße und den Wohlstand,
sich seinem Vor- oder Schrebergarten mit ganzer Hingabe zu widmen.
Und, als hätte es noch eines bedurft, um seinen neu erwachten
Ehrgeiz weiter anzustacheln, ersann er einen Wettbewerb. Im Jahre 1961
steckte man sich ein hohes Ziel:
SPR.2: „Unser Dorf soll schöner werden!"
SPR.1: Man setzte sich zusammen und erstellte ein höchstamtliches Regelwerk. Und dort stand dann zu lesen, wie die gestellte Aufgabe wohl am konsequentesten und erfolgversprechendsten in Angriff zu nehmen sei:
ZITAT: „Ein Planungsausschuß wird gegründet und die Arbeit kann beginnen: Ordnung und Sauberkeit sind Voraussetzung für die Verschönerung. Daher zuerst: Aufräumen! Beginnend bei baufälligen Schuppen, unaufgeräumten Ecken, alten Zäunen und endend bei Baumruinen... Zu viele Baumarten auf begrenztem Raum stören die Harmonie... ein gutgehaltener Rasen ist (dagegen) für jede Grünfläche eine Bereicherung..."
SPR.1: ...und zum Schluß gab es dann noch einen dezenten Anreiz, sich doch bei der Gestaltung der Rabatten ein wenig Mühe zu geben - denn, so wörtlich:
ZITAT: „...ein wohlgestalteter Blütenflor im Vorgarten macht das Aufstellen von Zwergen überflüssig!"
MUSIK: hier eventl. dann die 2.Strophe von „IM MÄRZEN DER BAUER" (s.o. / „Den Rechen, den Spaten, den nimmt er zur Hand / und ebnet die Äcker und Wiesen im Land...!")
SPR.2: Nach den Generalstabsplänen passionierter Mäanderhasser begann man die Bäche zu begradigen, Fluren wurden bereinigt und Forsten angepflanzt in Reih und Glied. Der rechte Winkel, das Zeichen menschlicher Allmacht, gab den Feldern und Wäldern ein neues Gesicht. Alles hatte seine Ordnung - keine Frage.
SPR.1: Doch wieder meldeten sich schließlich sensiblere Zeitgenossen zu Wort.
MUSIK: (noch einmal die NACHTIGALL)
SPR.2: Und wieder vermißten sie als erstes den Gesang der Vögel.
SPR.1: 1962 erschien ein folgenreiches Buch mit dem Titel „Der stumme Frühling". Darin beschreibt die Autorin, Rachel Carson, zum ersten Mal aus eindringlich ökologischer Sicht die Gefahren der industriellen Landwirtschaft. Sie geißelt die Betonwüsten unserer Städte und warnt vor der Umgestaltung unserer Welt in eine leblose „Kultursteppe". So langsam setzte sich danach die Erkenntnis durch, daß auch wir Menschen um uns herum, im eigenen Interesse, Raum belassen müssen für Gewucher und Gesträuch, Gekreuch und Gefleuch, für ein Leben jenseits unserer Architektur und wider unsere eingeborenen Schönheitsideale.
SPR.2: Die Einsicht in ökologischen Zusammenhänge
wächst,
gottlob, und das Einverständnis, Sorge zu tragen auch für das
auf den ersten Blick Nutzlose in der Natur. Dies alles beginnt sich
durchzusetzen.
Dennoch werden es immer zwei Seelen bleiben in unserer Brust: die eine
sieht das alles wohl ein und gelobt Rücksicht zu üben, die
andere
aber wird immer darauf bestehen:
SPR.1: Versailles ist doch schön! Irgendwie!
MUSIK: noch einmal BEETHOVENs „PASTORALE" - schließlich
abrupt beendet durch RASENMÄHER-LÄRM
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Quellenangaben:
1) Thorstein Veblen „Theorie der feinen Leute" / S.134f
(Frankfurt
1986)
2) Werbeprospekt der Firma „Sabo" 1990
3) Balet/Gerhard „Die Verbürgerlichung der deutschen Kunst"
/ S.431 (Frankfurt 1981)
4) Norbert Elias „Die höfische Gesellschaft" / S.338
(Frankfurt
1983)
5) Reclam „Dt.Literatur in Text und Darstellung Bd.5" / S.164
(Stuttgart 1974)
6) ebd. S.147
7) ebd. S.131
8) Rousseau „Die neue Heloise" / S.312f (Potsdam 1920)
9) Kant „Kritik der Urteilskraft" / S.131 (Stuttgart 1976)
10) „Kosmos - Welches Unkraut ist das?" / S.8ff (Stuttgart 1956)
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(„SWR 2 vor Mitternacht“ am 17.5.02)
(NEOPHYTEN & NEOZOEN)
WASCHBÄREN,
ALIENS UND SHAKESPEARE’S VÖGEL
- Migranten im Tier- und Pflanzenreich -
(von Lutz Neitzert)
MUSIK: Intro zu GENESIS „The Return of the Giant Hogweed“
SPRECHER: In ihrem Song vom „Giant Hogweed“, vom RIESENBÄRENKLAU, beschwor die englische Rockband „Genesis“ schon 1971 eine apokalyptische Vision herauf, die heutzutage auch hierzulande so manchen Stadtgärtner um den Schlaf zu bringen scheint und manchen Journalisten zu ähnlich unheilschwangerer Lyrik inspiriert wie damals die britischen Musikanten.
MUSIK: GENESIS - Strophe 1 (die ersten Textzeilen im Vordergrund / bis ca. 0:20 „...destroy them“ / dann beginnen mit der Übersetzung - Musik leise weiter)
ZITAT: „Kehr um und lauf‘ / Nichts kann sie aufhalten / Entlang der Flüsse und Kanäle wächst ihre Macht / Zerstampfe sie / Wir müssen sie zerstören / Unsere Städte infizieren sie mit ihrem schweren unheilverkündenden Gestank / Unbesiegbar scheinen sie / Und immun sind sie gegen alle Herbizide...“
SPRECHERIN: Selbst der „Spiegel“ warnte seine Leser 1996 in geradezu hysterischer Tonlage:
ZITAT: „Die grüne Gefahr kommt aus dem Osten! Der Riesenbärenklau, mit so harmlosen Gemüsen wie Möhre, Sellerie und Petersilie eng verwandt... Es genügt, die Blätter und Blüten nur zu berühren. Der Pflanzensaft enthält giftige Furanocumarine. Auf der Haut rufen diese unter Einfluß von Sonnenlicht Verätzungen hervor, die Verbrennungen zweiten Grades gleichen... Das gleiche Zeug war früher auch in Parfüms... Unsere Großeltern bekamen deshalb braune Flecken, wenn sie Kölnisch Wasser benutzten und anschließend in die Sonne gingen... (Und) nicht nur deutscher Boden wird ... überwuchert. Zuerst war das heraufziehende Unheil auf den Britischen Inseln bemerkt worden. Dort hatten sich Kinder vergiftet, als sie aus den hohlen Stielen der Herkulesstaude Blasrohre bastelten... In Schweden rufen die Behörden zur Bildung von Bürgerwehren auf, um gegen das blühende Ungetüm, vorzugehen... Ganze Dörfer sind umzingelt... Viele Mütter lassen ihre Kinder nicht mehr im Freien spielen...!“ 1
SPRECHER: Und selbst in seriöser Fachliteratur war man in der
Begriffswahl
lange Zeit wenig zimperlich, wenn es um die Beschreibung pflanzlicher
oder
tierischer Neusiedler ging:
von „Eindringlingen“ war dort ebenso oft die Rede wie von „Fremdlingen“
und englische Autoren sprachen gerne von „Aliens“ oder – gleich im
Militärjargon
- von „Invaders“ und „Intruders“.
Erst seit den 70er Jahren werden Stimmen lauter, die anmahnen, die
Angelegenheit etwas entspannter zu betrachten und sich dabei, den
wissenschaftlichen
Gepflogenheiten gemäß, doch bitte einer etwas zivileren
Sprache
zu befleissigen.
SPRECHERIN: Und wie so oft, so fand sich auch hier im Rückgriff
auf die Weisheit der Antike sogleich ein passendes Stichwort:
SPRECHER: Hatte nicht schon der große Aristoteles die aus
Ägypten
nach Griechenland eingeführten Papyruspflanzen in einer seiner
naturwissenschaftlichen
Schriften als „Neophyten“ – schlicht: Neue Pflanzen - bezeichnet?!
Das Pendant für die Tierwelt lag dann ebenso nahe: „Neozoen“ –
Neue Tiere.
SPRECHERIN: Und auch eine wertfreiere Definition des Phänomens
setzte sich schließlich durch:
Danach gelten als Neophyten oder Neozoen solche Tiere und Pflanzen,
die nach 1492, nach der Entdeckung Amerikas also und damit dem
Beginn
der Globalisierung, durch menschliche Mithilfe aus ihrem angestammten
Territorium
in andere Weltgegenden übersiedeln konnten!
SPRECHER: Die ersten Nutznießer der neuen Mobilität waren demnach Kartoffeln, Mais und Tomaten auf ihrem Weg in die Alte und umgekehrt Pferde, Rinder und Ratten in die Neue Welt.
SPRECHERIN: Nachdem in Medien und im Biologenkreis die
Bedrohungsszenarien
oft genug debattiert worden sind, wollte man nun die Sache auch einmal
von möglichen positiven Seiten her betrachtet wissen. Und
außerdem
konnte man leicht belegen, daß es auch im Tier- und Pflanzenreich
genügend Beispiele für eine gelungene Integration und
ökologische
Bereicherung gibt.
SPRECHER: Statt weiterhin „In deutschem Hain nur deutsches
Gesträuch
und Gekreuch und Gefleuch!“ das Wort zu reden, wies man etwa darauf
hin,
daß auch die strenggläubigste Heimatkunde ja längst
ihren
Frieden gemacht hat mit ehemaligen Exoten und Fremdlingen wie dem Fasan
oder der Haubenlerche, dem Kaninchen, dem Silvester-Karpfen, dem
Silberfischchen,
der munteren Regenbogenforelle oder der Hausgrille, dem musikalischen
Heimchen.
SPRECHERIN: Unbestreitbar jedoch erhielt, wie alles andere, so auch
diese Form der Migration im Zuge der fortschreitenden
Industrialisierung
und vor allem mit dem enormen Mobilitätsschub der letzten 100
Jahre
- im Welthandel und durch den boomenden Massentourismus - eine ungleich
größere Brisanz. Aber grundlegend neu ist das Phänomen
der Artenwanderung natürlich nicht.
SPRECHER: Wer wüßte das besser als Homo Sapiens?!
SPRECHERIN: Auf Treibhölzern gelangten auch Nichtschwimmer vergangener Jahrtausende – Schlangen etwa oder andere Echsen und Lurche - auf entlegene Inseln und im Vogelgefieder verborgen gingen Parasiten und auch schon einmal das ein oder andere Fisch- oder Kröten-Ei auf Reisen. Bloß gab es eben jetzt in moderneren Zeiten auch für solche Passagiere und Trittbrettfahrer modernere Transportmittel: Schiffsbäuche und Kofferräume, Airlines und Eisenbahnen.
SPRECHER: Dadurch nahm die Zahl der Umsiedlungen schnell zu. Doch was die aktuelle Situation anbetrifft, so stellte sich in vielen Studien heraus, daß Neuankömmlinge zumeist nur dort eine Chance haben, wo der Mensch ein Ökosystem bereits so aus der Balance gebracht und geschädigt hat, daß beim Eintreffen der Neuen eine alteingesessene Bevölkerung gar nicht mehr existierte. Zugewanderte Pflanzen findet man demgemäß vor allem an Straßenrändern, entlang denaturierter Flussläufe oder auf Industriehalden.
SPRECHERIN: Ein Beispiel aus der jüngsten Geschichte bestätigte diese These auf dramatische Weise. Im Jahr 1986 kam es im Schweizer Chemiewerk „Sandoz“ zu jener Brandkatastrophe, in deren Folge fast die gesamte Rheinfauna ihr Leben ließ. Als dann 1992 der Main-Donau-Kanal eröffnet wurde, nutzten viele Arten diese plötzliche Chance und siedelten kurzerhand vom Donaugebiet ins Rheinland über. Heute vermutet man, daß mehr als ein Zehntel aller Rheintiere Zugereiste sind.
SPRECHER: Insgesamt schätzt man die Gesamtzahl der Neozoen in der Bundesrepublik auf weit über 1000 und die der Neophyten dürfte noch um ein Vielfaches höher liegen.
SPRECHERIN: In den Blick geraten dabei vor allem große
Pflanzen
wie das INDISCHE SPRINGKRAUT...
SPRECHER: ...über 2 m hoch mit rötlichen Blüten und
explosiven Samenkapseln...
SPRECHERIN: ...der JAPANISCHE KNÖTERICH:
ZITAT: "Am schlimmsten ist es im Tal der Wieda... Vor 60 Jahren hatte
ein Gartenbesitzer dort den Knöterich als Zierpflanze entdeckt.
Nun
verbreitet sich die `grüne Pest´ unaufhaltsam...
Sämtliche
Versuche, das japanische `Monstergewächs´
zurückzudrängen
sind gescheitert!“ 2
SPRECHERIN: ...die TOPINAMBUR:::
SPRECHER: ...die schmackhafte Süßkartoffel, die aussieht
wie eine kleine Sonnenblume und die an vielen Flüssen, wie etwa
der
Mosel, längst das Blütenmeer prägt...
SPRECHERIN: ...die KANADISCHE GOLDRUTE...
SPRECHER: ...mit ihren gelb-gefiederten Rispen...
SPRECHERIN: ...oder die KALIFORNISCHE PHACELIA:::
SPRECHER: ...das blaue „Büschelschön“, das vor allem die
Imker als Bienenweide zu schätzen wissen und zu diesem Zweck gerne
in Feldern anpflanzen...
SPRECHERIN: ...wie ehedem auch den RIESENBÄRENKLAU! Der „Spiegel“
mahnte:
ZITAT: „Haben die Imker die ätzenden Folgen nicht bedacht, als
sie zur Ausbreitung der monströsen Giftpflanze beitrugen?... Das
Fachblatt
`Die Biene´ pries (kürzlich) noch deren `starke
Triebwirkung´
auf die (fleißigen Honigsammler)...!“ 1
MUSIK: GENESIS-Strophe 2 (wieder die ersten Sekunden im
Vordergrund,
bis ca. 0:35 „...seeking Revenge“/ dann beginnen, zu
übersetzen
und Musik leise weiter )
ZITAT: „Einst fand in den Bergen Russlands, nahe eines Sumpfes, ein
viktorianischer Forschungsreisender eine fürwahr
majestätische
Pflanze / Kurzerhand riss er sie aus und nahm sie mit /
Zurückgekehrt
nach London schenkte er den ersten Riesenbärenklau dem
Königlichen
Garten von Kew / Und seither dürstet eine entwurzelte
Kreatur
nach Rache...“
SPRECHER: Unscheinbarere Organismen - allerlei Wassertierchen und
Gewürm,
kleine Süßwasserquallen und –garnelen, Polypen, Flohkrebse
und
Asseln – geraten nur dann einmal in die Schlagzeilen, wenn sie
Ärger
machen:
ZITAT: „Muschel stoppt Wasserversorgung!
Eine teure Einwandererin ist die Dreikantmuschel. Sie macht
Binnenschiffern
das Leben schwer und hat zeitweise in Berlin und Hamburg die
Wasserversorgung
lahmgelegt. Sie heftet sich an Schiffsrümpfe und verstopft
Rohrleitungen.
Auch Abwasseranlagen von Kraftwerken befällt sie. Aufwand und
Kosten
für die Reinigung sind hoch - die Muschel ist zäh. In vielen
Fällen helfen nur Chemikalien und Elektroschocks...“ 2
SPRECHER: ...und als sei das noch nicht genug, entlarvt die TAZ in
ihrem Artikel das ekle Weichtier dann auch noch als Verderber guter
Essgewohnheiten:
ZITAT:“...die ansonsten vegetarische Kolbente hat sie zum
Fleischfresser
gemacht. Dieser Vogel nämlich entdeckte die Dreikantmuschel als
neue
Nahrungsquelle...“ 2
SPRECHER: ...und die Prognosen sind düster:
ZITAT: „... Muscheln klammern sich an Schiffsrümpfe, Ameisen
verstecken
sich in Containern und Pflanzensamen reisen unter Lkw-Planen...!“
2
MUSIK: eventl. als kurzes Break eine Instrumentalpassage aus GENESIS
SPRECHERIN: Manchmal wird es auch bei uns so richtig exotisch:
ZITAT: „Hätten Sie's gewußt ?
Es brüten regelmäßig fünf Papageienarten in
Deutschland
außerhalb von Gehegen.
Neben dem schon allgemein bekannten Halsbandsittich...“ 3
SPRECHERIN: ...der, wie die lokale Presse der Domstadt zu berichten
weiß, die Bewohner eines Kölner Altenheims seit Jahren in
Kolonienstärke
terrorisiert...
ZITAT: „...nisten auch der Mönchsittich, der Große
Alexandersittich,
die Gelbscheitelamazone und die Rotbugamazone in unseren Städten!“
3
SPRECHER: „The Teenage Mutant Ninja Turtles“! Als 1990 der Film mit den karatekämpfenden Schildkröten in die Kinos kam, da hatte das fatale Folgen für das ökologische Gleichgewicht unserer Teiche und Tümpel. Lag doch unter so manchem Weihnachtsbaum damals ein putziges kaum fünfmarkstückgroßes ROTWANGEN-SCHMUCKSCHILDKRÖTEN-Baby. Gleich nach dem Fest allerdings begannen die Tierchen dann zu wachsen und zu wachsen und zu wachsen... sprengten bald schon das ihnen zugedachte, viel zu enge Aquarium und wurden daraufhin nicht selten in freier Wildbahn entsorgt, wo sie sich, robust, winterfest und über alle Maßen gefräßig, seither äußerst wohl zu fühlen scheinen.
SPRECHERIN: An die BISAMRATTE, einen vor 100 Jahren
eingebürgerten
Nordamerikaner, hat man sich zwar längst gewöhnt, doch andere
behaarte Neubürger bereiten den meisten Zeitgenossen doch immer
noch
ein gewisses Unbehagen:
SPRECHER: Die NUTRIAS etwa, südamerikanische Biberratten, die
in der DDR auf Pelzfarmen gezüchtet wurden und sich – vor allem
seit
der Wende – entlang der Flußläufe nach Westen ausbreiten.
SPRECHERIN: Oder der MINK:
ZITAT: „Nerze: der Super-GAU! Das Umweltbundesamt hat den Fall
des Mink erforscht. Schuld sind paradoxerweise Tierschützer... Die
Tierfreunde nämlich haben amerikanischen Nerzen die
europäische
Freiheit geschenkt, als sie die Tiere aus Nerzfarmen befreiten...!“ 2
SPRECHER: Ein anderer ehemaliger Pelzlieferant, der die Gunst der Stunde nutzen konnte und nun unseren Forst bevölkert, ist der asiatische MARDERHUND.
SPRECHERIN: Und der GOLDSCHAKAL, der aussieht wie ein kleiner Wolf, wird, so sagt man, bald schon die deutsche Grenze von Osten her erreicht haben.
SPRECHER: Je größer das Tier, umso größer natürlich auch das Aufsehen, das es erregt. Die meisten von ihnen lassen sich allerdings nur nächtens blicken, sind scheu und leben zurückgezogen.
SPRECHERIN: Nur einer, der wird offenbar immer dreister:
MUSIK: einige Takte aus dem „YANKEE DOODLE“ (nicht auf der CD!)
SPRECHER: Im Februar 1934 schlug ein Geflügelzüchter aus
Zwickenberg
dem Leiter des Forstamtes Vöhl am Edersee, dem Freiherrn Sittich
von
Berlerpsch, vor, zwei WASCHBÄR-Pärchen aus seinem
Privatgehege
in die freie Wildbahn zu entlassen...
ZITAT: „...aus Freude, unsere heimische Fauna damit bereichern zu
können...“
4
SPRECHER: Dieser bat daraufhin seine vorgesetzte Behörde um
Erlaubnis.
Und deren Leiter, ein Reichsjägermeister namens Hermann
Göring...
SPRECHERIN: ...als passionierter Waidmann sah er vor seinem
inneren
Auge wohl schon ein neues niedliches Köpfchen in seinem heimischen
Trophäenschrank...
SPRECHER: ...gab schließlich – auch ohne „Ariernachweis“
– sein Placet. Und so wurden am 12. April des selben Jahres die ersten
der kleinen maskierten Kobolde in den deutschen Wald entlassen. Es
gefiel
ihnen gleich in ihrer neuen Heimat und so ließen sie es sich
seither
gut gehen – fruchtbar waren sie und mehrten sich. Heute leben in ganz
Deutschland,
jüngsten Schätzungen zufolge, mehr als hunderttausend
Waschbären
und sorgen vielerorts für einige Unruhe. Ihre Hauptstadt ist
Kassel,
wo sie es sich in Gartenlauben, auf Dachböden und in Schornsteinen
gemütlich gemacht haben, selbst tagsüber schon einmal „Hallo“
sagen und Kamerateams zum Lokaltermin empfangen.
MUSIK: GENESIS-Strophe 4(!) (s.o. / bis ca. 0:38 „...Beast do not
forget“)
ZITAT: „Elegant gekleidete Earls und Lords kultivierten einst in
England
ihre romantisch wilden Gärten / Und nicht wissend, was sie damit
heraufbeschworen,
pflanzten sie auch den Bärenklau in ihre Erde / Und bald schon
zerstreute
sich seine Saat / Der Angriff auf die Menschheit hatte
begonnen...
Beeile Dich, wir müssen uns schützen, uns verbergen / In der
Nacht müssen wir zuschlagen / Dann sind die wehrlos / Brauchen sie
doch die Sonne zur Photosynthese ihres schrecklichen Giftes...“
SPRECHERIN: 1805 entwischte ein hübsches kleines blaublütiges Pflänzchen aus dem Botanischen Garten zu Karlsruhe. Mittlerweile ist der PERSISCHE EHRENPREIS jedem Gartenbesitzer in Mitteleuropa ein Begriff – stellt sich doch in seinem Angesicht stets auf’s neue die Frage: Unkraut oder nicht Unkraut? Ja, ja, ganz hübsch das Blümchen, aber nicht von mir gesät – und außerdem: sofort raus aus meinem schönen Rasen!
SPRECHER: In Berlin, da wächst ein anderes Kräutlein, mit
herzförmigen Blättern und hellvioletten Blüten, das
seine
Heimat am Mittelmeer hat, das ZIMBELKRAUT. In einem Buch bekannte sich
der Schriftsteller Heinrich Seidel zu seiner Tat. Auf
Spaziergängen
durch die Stadt habe er aus einem Tütchen die Samen überall
verstreut,
damit:
ZITAT: „...ein kleines zierliches Pflänzchen, das aus dünnen
Mauerritzen lieblich hervorgrünt, (in späterer Zeit einmal)
lebendige
Kunde davon geben wird, daß der Verfasser... einst über
diese
Erde gegangen ist!“ 5
SPRECHERIN: Im wahrsten Sinne des Wortes „den Vogel abgeschossen“,
das
hat ein äußerst seltsamer Amerikaner:
MUSIK: „STAREN-RUFE“
ZITAT:
JULIA „Willst Du schon gehn? Der Tag ist ja noch fern. Es war die
Nachtigall
und nicht die Lerche, die eben jetzt Dein banges Ohr durchdrang; Sie
singt
des Nachts auf dem Granatbaum dort. Glaub, Lieber, mir: es war die
Nachtigall!“
ROMEO „Die Lerche war’s, die Tagverkünderin, nicht Philomele;
sieh den neid’schen Streif, der dort im Ost der Frühe Wolken
säumt.
Die Nacht hat ihre Kerzen ausgebrannt...!“
SPRECHER: Nun, was unseren Fall anbetrifft: weder noch!
Ein gewisser Eugene Scheifflin(*), ein wohlhabender New Yorker
Arzneimittelfabrikant
und schrulliger Theaterenthusiast, gründete 1890 einen
schöngeistigen
Literaturzirkel zur Pflege des Erbes seines Hausgottes Shakespeare. Und
dort brütete man einen skurrilen Plan aus: alle Vogelarten, die in
den Dramen des Dichters aus Stratford-upon-Avon Erwähnung finden,
wollte man im „Central Park“ ansiedeln. Und zumindest in zwei
Fällen
setzte man diese Idee auch wirklich in die Tat um.
ZITAT:
HOTSPUR „Nay, I’ll have a Starling shall be taught to speak nothing
but: Mortimer! /
Verbot zu reden mir von Mortimer, allein ich find ihn, wo er schlafend
liegt, und ruf ihm in die Ohren: Mortimer! Ja, einen STAR schaff‘ ich
mir
an, der nichts soll lernen zu schrein als: Mortimer!...“
SPRECHERIN: Diese Zeile aus dem Theaterstück „Heinrich IV“ sollte unabsehbare Folgen haben – für die Vogelwelt der USA!
SPRECHER: Shakespeare’s Vögel! Man importierte Dutzende von Staren und daneben einen ganzen Schwarm Hausspatzen über den großen Teich und startete damit eine veritable Landplage. Heute freuen sich vor allem die Stare über die landwirtschaftlichen Monokulturen in den USA, die als Schlaraffenland von Horizont zu Horizont reichen - und sind die fetten Beeren an den Rebstöcken des malerischen Napa-Valley nicht fast ebenso süß wie die an Rhein und Mosel?!
SPRECHERIN: Und da wir schon einmal beim Thema Wein angelangt sind. Eine der verheerendsten Katastrophen der europäischen Agrarkultur begann 1860 mit einer Postsendung. Aus den Vereinigten Staaten hatte man Rebstöcke bestellt, an deren Wurzeln sie lauerte: die REBLAUS!
MUSIK: HANS MOSER „Lied von der Reblaus“ (nicht auf der CD!)
SPRECHER: Innerhalb weniger Jahre waren große Teile des traditionsreichen Weinanbaus in Frankreich und Deutschland zerstört. Die letzten Lagen rettete man, indem man die edlen Kultursorten auf reblausresistente Wurzelstöcke amerikanischer Wildreben pfropfte. Die Winzerschaft erholte sich danach langsam wieder. Doch als Folge gibt es heute fast nirgends mehr wurzelechte Rieslinge, Gewürztraminer oder Spätburgunder.
SPRECHERIN: Aber in einem zeigt die Reblaus-Geschichte dann auch
wieder,
daß selbst die schlimmsten Heimsuchungen oftmals völlig
unerwartete
Wendungen zum Guten nehmen. Dadurch nämlich, daß die Reblaus
vor allem im Südwesten Frankreichs so manchen Weinberg hat
brachfallen
lassen, wuchsen bald anstelle der Reben Eichen auf den nicht mehr
bewirtschafteten
Hängen – und mit ihnen – als Wirtsbaum - verbreitete sich die
neben
dem Wein zweite kulinarische Sensation des Perigord: die Trüffel !
SPRECHER: Sobald ein Neuankömmling zur Plage wird, sucht der
Mensch,
wie es so seine Art ist, sogleich nach einem Schuldigen für die
Misere
– und der ist jeweils schnell gefunden. Mal ist es der Erb- ein andres
Mal der Klassenfeind.
SPRECHERIN: 1874 reisten die ersten KARTOFFELKÄFER aus Nordamerika
hierzulande ein und vermehrten sich auf den – einst vom Alten Fritz
bestellten
– preussischen Kartoffeläckern prächtig. Nach wenigen
Jahrzehnten
war ihr Heer zu einer echten Bedrohung geworden.
SPRECHER: Und nach einem Schuldigen brauchte man damals – kurz nach
70/71 – natürlich nicht lange zu suchen:
ZITAT: „Achtet auf den Kartoffelkäfer, der unser Deutschland von
Frankreich her bedroht!“
SPRECHER: Die Zeiten ändern sich. Nach 1945, in einer gewandelten
politischen Weltlage, entlarvte die SED den sinistren
Insektenfeldherrn,
wie hätte es auch anders sein können, jenseits des Eisernen
Vorhangs:
ZITAT: „Saboteure in amerikanischen Diensten am Werk!“
SPRECHERIN: ...stand auf einem Agitprop-Plakat zu lesen.
SPRECHER: Und auch andere „Aliens“ nahm man zum willkommenen
Anlaß,
alte Feindbilder aufzufrischen.
SPRECHERIN: So beschimpfte man in Polen den Riesenbärenklau als:
ZITAT: „Stalins Rache“!
SPRECHER: Unsere Gattung hatte immer schon das große Talent,
den
Teufel mit dem Beelzebub auszutreiben. Ein Beispiel von vielen:
SPRECHERIN: Die Australier hatten auf ihren Zuckerrohrplantagen...
SPRECHER: ...das Zuckerrohr stammt, notabene, aus Ostindien!...
SPRECHERIN: ...Probleme mit einem kleinen Käfer, der das
süße
Gras ebenfalls zu schätzen wußte. Also startete man
generalstabsmäßig
einen Feldzug gegen das Ungeziefer und suchte sich Unterstützung.
Ein williger Söldner war bald gefunden und in Dienst genommen: die
amerikanische AGA-KRÖTE! „Der Feind meines Feindes ist mein
Freund!“
Ein Motto, das nicht nur in der großen Politik allzuoft ins
Gegenteil
des Erhofften auszuschlagen pflegt. So auch dieses Mal. Die Kröte
gab sich nicht, wie abgemacht, mit den winzigen Käferchen
zufrieden,
sondern wandert seither auf großer Freßtour über den
Kontinent.
Mit wenig Sex-Appeal und Appetit auf alles, was sich von ihrem breiten
Maul verschlingen läßt.
Und jetzt...
SPRECHER: ...Luzifer zeigt sich, wie stets, auf der Höhe der
Zeit...
SPRECHERIN: ...beabsichtigt man, die Kröte durch ein
genmanipuliertes
Virus auszumerzen.
SPRECHER: Viel Glück!
SPRECHERIN: Daß die Veränderung politischer Weltanschauung auch unmittelbar Veränderungen in Flora und Fauna hervorrufen kann, belegt die Karriere eines mittelamerikanischen Insekts, das bei uns lange Zeit ein kärgliches Dasein fristete in Bäckereien, Obstläden oder in Markthallen - bis, ja bis, die Ökologiebewegung sich aufmachte, unsere Ernährungsgewohnheiten von Grund auf zu reformieren. Nun plötzlich standen auch in privaten Vorratskammern – zunächst vor allem in studentischen WGs aber bald schon in den ersten Reihenhäusern - mangelhaft gesicherte Tüten und Dosen mit allerlei Naschwerk und luden sie zum Schlemmermahl: die MEHL- oder DÖRROBST-MOTTE (Ephestia kuehniella)!
MUSIK: die Titelzeile aus dem BAP-Lied vom: „Müsli-Man“
SPRECHER: Ein Geschöpf, das geradezu als Inbegriff der
Langsamkeit
gilt, bedarf, wenn es einen Ortswechsel plant, tatkräftiger Hilfe.
Und die WEINBERGSCHNECKE erhielt dazu sogar geistlichen Beistand. Die
strengen
Fastenregeln inspirierten die Mönche – vor allem die Zisterzienser
– immer schon zu raffiniert ausgedachten Strategien und argumentativen
Winkelzügen. Und da man mit dem Lieben Gott darin
übereinkommen
konnte, daß Schnecken nicht unter das Fleischverbot zu rechnen
seien,
setzte man bei jeder Klostergründung zunächst einmal einige
der
schmackhaften Tierchen aus – bevor man daranging, den Garten zu
bestellen
– für die Kräuterbutter.
SPRECHERIN: Eine anderer Mollusk allerdings entwickelte sich zuletzt eher zum Schrecken der Gourmets und der Kleingärtner. Ungerufen hat sie die iberische Halbinsel verlassen und sich zwischen unseren Beeten und Rabatten eingeschleimt: die große braunrote SPANISCHE WEGSCHNECKE, die in feuchten Sommern ihrem Namen alle Ehre macht und bei Nacht als Armada aufmarschiert. Die Gemetzel an der Front sind – viele Hörer werden eigene Erlebnisse erinnern - ebenso fürchterlich wie – von Seiten der Verteidiger der Saat - aussichtslos. Gift wird gestreut, Elektrozäune gezogen, selbst Indische Laufenten werden als wahre Schneckenkiller mit robustem Magen angepriesen. Und während so manche Schnecke dabei in einer Bier-Falle ihr Leben in Trunkenheit beendet, sitzt der resignierte Gärtner vielleicht gerade tief über sein Glas gebeugt in einem Biergarten und bemerkt gar nicht, wie über ihm eine andere Invasionstruppe ihr Zerstörungswerk begonnen hat. Eine kleine MINIERMOTTE nämlich, aus Mazedonien kam sie eingeflogen, gräbt seit ein paar Sommern ihre subkutanen Fraßgänge in die Blätter des wohl typischsten aller deutschen Biergartenbäume, der Roßkastanie.
MUSIK: kurzes FLAMENCO-Zitat aus PACO DE LUCIA „Que he dejao de quererte“
SPRECHER: Eine weitere hoch geschätzte Delikatesse aus
deutschen
Landen...
SPRECHERIN: ...und übrigens im Originalrezept unverzichtbare
Zutat zum „Leipziger Allerlei“...
SPRECHER: ...war der Edelkrebs. Der Bestand dieses, in unseren
Bächen
heimischen Krustentiers, wurde jedoch immer wieder durch eine
Pilzkrankheit,
die Krebspest, dezimiert. Und da kam man, Ende des 19. Jahrhunderts,
auf
die Idee, der Population durch den Import AMERIKANISCHER FLUSSKREBSE
etwas
aufzuhelfen. Und ein weiteres Mal sollte sich zeigen, daß die
Natur
viel komplizierter ist, als es die Prediger von vermeintlichen
Patentrezepten
glauben wollen. Der Amerikaner war tatsächlich immun gegen die
Krebspest
– aber, weil er das war, verbreitete sich durch ihn als
Überträger
der Erreger auch noch bis ins letzte Bächlein – und heute ist
dadurch
die einheimische Spezies so gut wie verschwunden.
SPRECHERIN: Ein naher Verwandter des Flusskrebses aus Fernost, die CHINESISCHE WOLLHANDKRABBE, nutzte bereits seit den 20er Jahren als blinder Passagier die christliche Seefahrt und erobert seither langsam aber stetig die europäischen Salz- und Süßgewässer. Und dieses imposante Ungetüm hat wirklich das Zeug zu einem veritablen Horrorszenario. Sensibleren Gemütern kann beim Picknick am Fluß durchaus schon einmal vor Schrecken der Bissen im Halse stecken bleiben, wenn ein solches Urtier direkt neben seinen im Wasser baumelnden Waden auftaucht.
MUSIK: aus „Sai Shang Chu“ ANCIENT CHINA MELODIES
SPRECHER: Pilze haben eigentlich keine Probleme damit, sich eigenständig weltweit zu verbreiten – sind doch ihre Sporen so leicht im Wind, daß ihr Fortkommen auch durch Ozeane kaum behindert wird. Schwieriger haben es nur solche, deren Keime von Insekten weitergetragen werden müssen. Aber auch in diesen Fällen findet sich gelegentlich menschliche Hilfe. Zu Beginn des letzten Jahrhunderts tauchte mit Schafwollieferungen aus Australien einer der merkwürdigsten Vertreter bei uns auf: der TINTENFISCHPILZ! Aus einem weißen Ei schlüpft in feuchter Nacht ein handgroßes Wesen mit rotschwarzen Tentakeln und einem Körpergeruch zum Gotterbarmen. Zuerst sah man ihn im Schwarzwald aber mittlerweile ist er bereits weit nach Norden vorgedrungen.
MUSIK: GENESIS - Strophe 5
ZITAT: „Der mächtige Bärenklau ist gerächt / Der
Menschen
Körper werden bald schon seinen Zorn erfahren / Töte sie mit
Deinen Hogweed-Haaren / Heracleum Mantegazziani / Der mächtige
Bärenklau
– er lebt!“
SPRECHER: Zum Schluß noch eine aktuelle Pressemeldung:
ZITAT: „Illegale Einwanderer unter Wasser! Fischart aus Donaugebiet
breitet sich im Rhein nach Norden aus. Erstmals auch in der Region
Koblenz
gefangen. Vom Schwarzen Meer über Ungarn und Österreich
führt
ihre Route. Unter Wasser schleicht es sich ein. Ein kleines
unscheinbares
Fischchen mit dem harmlos klingenden Namen: MARMORIERTE GRUNDEL!“ 6
SPRECHERIN: Also aufgepaßt ihr Groppen und Mühlkoppen und anderen alteingeborenen Rheinfischlein – seid auf der Hut!
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Manuskript der Sendung
"The Return of the Giant Hogweed - GENESIS
und der RIESENBÄRENKLAU" auf Wunsch per E-Mail